Wachstum als Religion

8. Mai 2017 | Kategorie: Charts, RottMeyer

von Frank Meyer

Kennen Sie den? Da treffen sich zwei Planeten im Weltall. Sagt der eine: „Du siehst aber schlecht aus!“ Sagt der andere: „Ja, ich habe Mensch … geht aber vorbei.“ Bis dahin brauchen wir unendliches Wachstum in einer doch endlichen Welt.

Experten bekommen feuchte Augen, wenn neue Schulden für noch mehr Aufschwung sorgen und die Rekorde an den Börsen sich selbst überholen. Das garantiert ihren Job. Ansonsten braucht man sie nicht wirklich. Monatlich werden weltweit 200 Milliarden Euro frisches Geld gedruckt. Warum? Weil wir zum Wachstum verdammt sind. Wer soll sonst die Zinsen erarbeiten und bezahlen?

Zumindest war der DAX der einzige Lichtblick bei diesem Sauwetter in dieser Woche. Manche nennen das ja Frühling, obwohl Millionen Autos mit ihrem CO2 die Welt aufheizen, sagt man. SUVs liegen voll im Trend. Bei den Rekordabsätzen der Autobauer dürfte der Sommer wohlig warm werden, kurzum, für Nachschub ist gesorgt. Notfalls hilft die Politik nach. Irre, aber Glyphosat ist ja auch gut für die Umwelt, rufen Lobbyisten. Bienen rufen zurück: Wenn wir gehen, nehmen wir euch mit! Unendliches Wachstum in einer endlichen Welt hat eben seinen Preis.

Wirtschaft first! Make the BIP great again, egal wie! Öko und Bio sind in Mode, zumindest auf den ersten Blick. Unendliches Wachstum wird heute grün angestrichen. Nicht dass man sich Sorgen machen muss. Erstaunlich, dass die Autobauer noch nicht als Öko-Konzerne gelten. Dabei bauen sie ein paar Elektro-Autos, die aber niemand haben will, jedenfalls nicht ohne staatlichen Zwang oder Anreize. Warum nur? Von den 45 Millionen Autos hierzulande sind 34.000 reine Elektroautos, trotz der 1,2 Milliarden Euro, die die Bundesregierung mit dem Geld der Steuerzahler als Kaufanreiz ins Schaufenster gelegt hat. Nur 55 Millionen Euro wurden davon abgerufen. Nein, Sorgen vor drängelnden E-Auto auf der Autobahn sind völlig unbegründet.

Elektromobilität ist wie der Euro ein politisches Projekt. Ob es Sinn hat oder nicht, wir machen durch bis morgen früh… Bumsfallera! Und je größer Mut und Macht der Weltverbesserer, desto höher auch ihr Hubraum in den Fahrzeugen, mit denen man sie durch die blühenden Landschaften fährt bzw. die Politiker gefahren werden. Autokonzerne reden vom „sauberen Diesel“. Dabei kann Diesel nie sauber sein. Egal!

Dabei hatte „Diesel-Gate“ doch etwas Gutes. Man redet endlich auch mal über Feinstaub und Stickoxid, also das echte Dreckszeug. Die arme Umwelt? Unsinn! Es ist nicht die Sorge vor Umweltschäden, sondern die Angst vor möglichen Fahrverboten, die die Autofahrer derzeit aus dem Diesel ins Benzin treiben. Erst kommt das Fressen, Pardon, das Fahren, dann die Moral bzw. die Umwelt. Und mal ehrlich… juckt es denn wirklich jemanden, was hinten aus dem Auspuff kommt? Wenn man nur ein Prozent der Abgase durch die Fahrerkabine schicken würde, sähe die Sache schon ganz anders aus.
© Frank Meyer, Kolumne aus den Lübecker Nahrichten (Langfassung)

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3 Kommentare auf "Wachstum als Religion"

  1. cubus53 sagt:

    Das für den Bereich der Wirtschaft und der Finanzen gesagte gilt auch für den Bereich der Politik. Die Titanic hat bereits einen Eisberg gerammt. Macht nichts, wir tauschen den Kapitän mit der roten Mütze durch einen Kapitän mit einer schwarzen Mütze aus. Der wird es schon richten, jetzt wird alles gut. Also lasst uns weiter feiern. Am Buffet gibt es noch genügend Kaviar, zumindestens für die Fahrgäste der ersten Klasse.

    • Marktbegleiter sagt:

      Der Treppenwitz bis dato an der Geschichte ist aber… seit fast 10 Jahren (Lehman Effekt) vermute man nun den kommenden Crash. Mich inbegriffen. Dies wohl begründet (ernsthaft) – versteht sich von selbst. Seit 10 Jahren hält sich dieses Szenario aber nicht daran. 10 Jahre, wo der private Schuldner, der staatliche Schuldner und all die unternehmerischen Schuldner wunderbar und in Saus und Braus gelebt haben – der Rest schaut weiter ins halb leere Glas, mit dem bald kommenden Crash.
      Bereitet sich irgendwie vor und läuft teils mit beklemmenden Gefühlen bis zur Hartgeldparanoia durchs Leben – „ja wann kommt er denn jetzt?!“. Das System funktioniert irgendwie und alle ziehen sich wie Münchhausen täglich an den eigenen Haaren aus dem Sumpfgewässer des Wachstumsdogmatismus.
      Was will ich damit sagen – ja, man sollte über den Wachstumszwang resultierend aus unserem Geld- und Wirtschaftssystem nachdenken. Darüber schreiben und philosophieren. Es klar benennen. Aber man riskiert dadurch auch eine Verschwendung von Lebenszeit. Fakt ist, das System schafft es nach wie vor sich zu erhalten. Kein Crash in Sicht. Notfalls wird eben die Notenbank zur Sondersitzung einberufen. Ein mittlerweile vollkommen routinierter und eingespielter Vorgang. Geld drucken ist dermaßen einfach geworden – so lernen wir das heute doch alle und der Laden läuft weiter und weiter. Was wenn es bis zum Crash (und ja, er wird kommen, so sicher wie das Amen in der Kirche) weitere 10, 20 Jahre geht? Ich sehe zwei Wege – der erste Weg ist der bekannte und oft zitierte Weg Mises:
      „Es gibt keinen Weg, den finalen Kollaps eines Booms durch Kreditexpansion zu vermeiden. Die Frage ist nur ob die Krise früher durch freiwillige Aufgabe der Kreditexpansion kommen soll, oder später zusammen mit einer finalen und totalen Katastrophe des Währungssystems kommen soll. Durch Kunstgriffe der Bank- und Währungspolitik kann man nur vorübergehende Scheinbesserung erzielen, die dann zu umso schwererer Katastrophe führen muss. Denn der Schaden, der durch Anwendung solcher Mittel dem Volkswohlstand zugefügt wird, ist umso größer, je länger es gelungen ist, die Scheinblüte durch Schaffung zusätzlicher Kredite vorzutäuschen.“
      Aber die elitären Kräfte und wir alle folgend durch unser tagtägliches wegschauen (bewusst und unbewusst), haben uns längst für den langsamen Weg entschieden – die kochenden Frösche. Wunderbar aktuell wieder erkennbar in Frankreich, mit der Wahl von M aus der Bankenwelt. Wir gehen den Weg ins Diktat. Unaufhaltsam. Langsam aber sicher, weil sich niemand ernsthaft in Verantwortung traut, mal über Konsequenzen zu reden. Und wieder – wir alle machen durch unsere Inaktivität hierbei mit. Somit wäre es nicht einmal unklug in Saus und Braus zu leben bis der Laden weichgekocht ist, wie der Rest der Schuldner bei den Privaten, den Unternehmen und dem Staat. Habe ich nun etwas missverstanden?!

  2. Avantgarde sagt:

    Exponentielles reales Wachstum/Rohstoffverbrauch/Bevölkerungswachstum ist auf Dauer nicht möglich – leider aber können wir Menschen das nur schwer oder gar nicht begreifen.

    Es gibt da dieses nette Beispiel mit den Bakterien und der Flasche.
    Population verdoppelt sich jede Minute
    Beginnend 11h um 12h ist die Flasche voll.

    Frage 1
    Wann ist die Flache halb voll?

    Frage 2
    Als eine Art Otto-Normal Bakterium – wann würde man wohl bemerken, daß uns der Lebensraum ausgehen könnte?

    Antwort zu 1
    Um 11:59
    wer hätte das ehrlich auf Anhieb vermutet?

    Antwort zu 2
    11:54 erst 1,5% der Flasche sind besiedelt 98.5% sind leer.
    11:55 3,1% besiedelt
    11:58 6,3% besiedelt
    11:57 12,5% besiedelt
    11:58 25% besiedelt
    Wenn wir ehrlich sind müssten wir wohl weiter die Sekunden zählen bis Menschen begreifen würden, daß ihnen bald der Platz ausgeht – es sind doch noch noch 75% der Flasche unbesiedlet……

    Nehmen wir an die Bakterien wären superschlau erkennen ihre Lage um 11:58 und entdecken mit sehr viel Glück und Aufwand gleich 3 neue Flaschen.
    Hätten sie nun mit 4 Flaschen nicht die Grundlage für eine nachhaltig wachsende Gesellschaft?

    11:59 Flasche 1 50%
    12:00 Flasche 1 voll
    12:01 Flasche 1+2 voll
    12:02 alle 4 Flaschen sind voll.

    Wachstum bedeutet letztlich immer irgendwann einen Zusammenbruch.
    Und das sogenannte „Nachhaltige Wachstum“ ist ein Widerspruch in sich – das gibt es nicht.

    Alles was man machen kann ist den Leuten nominales Wachstum als reales geschickt zu verkaufen.
    🙂

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