Vorzeichenwechsel?

27. Juli 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Heute möchte ich einige wichtige Gedanken zur Anlagestrategie äußern, die mich seit zwei Jahren noch mehr beschäftigen als zuvor. Im Juli 2012 sprach EZB-Chef Mario Draghi bekanntlich den entscheidenden Halbsatz aus: „whatever it takes“, also was immer es erfordert…

Er meinte damit, jede Art von Geldpolitik zu betreiben, um den Euro zu retten. Welche, ließ er zwar offen – wahrscheinlich hatte er damals überhaupt noch keine in petto -, aber sein Halbsatz bewirkte mehr als die zu Tausenden angewachsenen geldpolitischen und finanzwissenschaftlichen Theorien oder irgendwelche Regierungserklärungen: das Ende der zuvor besonders von den Angelsachsen geschürten Eurokrise sowie die Fortsetzung der Aktien- und Anleihenhausse im Euroraum.

Zugegeben, solche Sternstunden für Börsianer kommen nicht alle Tage vor, aber wenn, dann signalisieren sie: Achtung, jetzt könnte Entscheidendes in Bewegung geraten! Darüber denke ich gerade wieder nach, sozusagen unter umgekehrten Vorzeichen, nämlich aus Anlass des wohl nicht mehr vermeidbaren neuen Kalten Krieges zwischen Russland und der Nato. Denn dass es bei den schon beschlossenen wirtschaftlichen und finanziellen Sanktionen gegen Russland bleibt, ist nicht mehr zu erwarten (in meinem jüngsten Beitrag für wiwo.de gehe ich näher darauf ein). Die logische Konsequenz: Erst werden die unmittelbar betroffenen Unternehmen – besonders deutsche – darunter leiden, danach auch die mit ihnen geschäftlich verbundenen. Schließlich wird die Stimmung an der Börse kippen; und wenn bisher die Hausse die Hausse genährt hat, wird es dann heißen: Die Baisse nährt die Baisse.

cover_gVom erfolgreichen Börsianer und Multimilliardär Warren Buffett stammt der Satz: „Je verrückter sich die Börse verhält, desto größer ist die Chance für einen professionellen Anleger.“ Er lässt sich auch auf die kommende Entwicklung der Aktienkurse beziehen, sobald diese zum Sturzflug ansetzen. Noch ist es zwar nicht soweit, aber Sie sollten darauf vorbereitet sein. Alternativen? Wie immer an der Börse: möglich, aber in diesem Fall wenig wahrscheinlich. Warum? Weil die bisherige Hausse primär auf die ultralockere Geldpolitik zurückzuführen ist, die Auswirkungen des neuen Kalten Krieges aber fundamental sind: Sie betreffen Umsätze und Gewinne börsennotierter Unternehmen; dagegen kann die Geldpolitik nur wenig ausrichten. Kompensation durch die Verlagerung von Geschäften in andere Länder denkbar, etwa nach China oder in die USA? Grundsätzlich ja, aber keinesfalls von heute auf morgen, zumal deutsche Unternehmen dort bisher schon reichlich vertreten sind, sodass zusätzliche Geschäfte nur eine marginale Wirkung erzielen dürften.

Zugegeben, das Warten auf einen Rückgang der Aktienkurse kann die Geduld von Anlegern arg strapazieren, in diesem Fall sogar ganz besonders, weil die Zwischenlagerung des vorhandenen Geldes auf dem Konto nur Mini- oder gar keine Zinsen abwirft und real sogar ins Minus führt. Doch Sie müssen sich grundsätzlich entscheiden: Fürs Timing und damit für viel Geduld, bis wieder Kaufkurse in Sicht sind; oder Sie versuchen noch die Dax- und MDax-Party mitzunehmen, auch wenn andere Teilnehmer bereits beim Chillout angelangt sind.

Lassen Sie vorsorglich die vergangenen Börsen-Jahrzehnte in Gedanken vorbeiziehen, im Zweifel mithilfe der üblichen Kurskurven. Dann stellen Sie fest, dass es während dieser Jahre günstig war, Aktien zu kaufen: 1982, 1987 nach dem Oktobercrash, 1995/96 vor dem Durchmarsch der Technologiewerte, 2003 nach deren Zusammenbruch und nach dem Einmarsch der US-Truppen im Irak, Ende 2008/Anfang 2009 nach dem Tiefpunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise aufgrund der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers, im Herbst 2011 und ein Jahr später noch einmal erstens wegen der vorläufigen Euro-Rettung, zweitens wegen Draghis Halbsatz.

Die Dauer jeder Auf- und Abwärtsbewegung der Aktienkurse war unterschiedlich. Bestimmte Ablaufmuster sind nicht zu erkennen. Ein bewährtes Hilfsmittel zum Timing besteht im VDax, einem Index, der – grob gesagt – die Volatilität wiedergibt, also die Höhe der Kursschwankungen. Schießt er nach oben, nähern Aktien sich dem Ausverkauf. Diese Phase ist noch nicht erreicht, potenzielle Käufer müssen folglich weiter viel Geduld mitbringen.

Aber Hand aufs Herz, worin besteht bei Aktien die Alternative? Die Liste der bisherigen Jahresgewinner unter den Börsen liest sich wie ein Who is who der Exoten – bestenfalls eine Alternative für Spieler. Amerikanische Aktien können noch etwas laufen, sind jedoch schon überbewertet. Und Janet Yellen, Chefin der US-Notenbank Fed, kann den Börsenoptimisten jenseits des Atlantiks schnell einen Strich durch die Rechnung machen, indem sie die Geldzügel im Zuge einer besseren Konjunktur anzieht. Als Alternative bleiben Gold und Silber, wie an dieser Stelle mehrfach begründet. Doch in beiden Edelmetallen dürften Sie ja bereits hoch investiert sein. Ansonsten gilt: Geduld und nochmals Geduld!

Manfred Gburek – Homepage


 

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8 Kommentare auf "Vorzeichenwechsel?"

  1. Helmut Josef Weber sagt:

    Aktien?
    Mitte:
    2000 stand der Dax auf etwa 8000 Punkte;
    2007 stand der Dax auf etwa 7000 Punkte
    2013 stand der Dax auf etwa 8000 Punkte
    2014 9??? Punkte

    Kann mir vielleicht jemand erklären, wie man dabei seine Altersversorgung langfristig aufbauen kann?
    13 Jahre (über den Daumen) keine Kursgewinne, aber dafür etwa 100 % Preissteigerung in dieser Zeit und für die Gewinne auch noch Steuern zahlen.
    Alles was 2000 in DM kostete, muss heute mit gleich viel Euro bezahlt werden.
    Gut- für Insider und Zocker, mag das alles gut ausgehen mit Aktien , aber für langfristige Anleger, die das Geld im Alter sicher anlegen wollen?
    Wer im Jahre 2000 ein Häuschen für 150 TSD gekauft hat und heute für 300 TSD verkaufen kann/könnte, hat lediglich die Inflation ausgeglichen.
    Gut- er hatte die ganzen Jahre mietfreies wohnen, aber ein Häuschen kostet auch einiges an Unterhalt.
    Wer im Jahre 2000 für die 150 TSD Gold und kein Häuschen gekauft hat, und bis heute für ein angemietetes Haus bis heute etwa 150,000 Euro Miete gezahlt hat, hat sich eine goldene Nase verdient und dass alles vollkommen steuerfrei.
    Über 500% Kursgewinne.
    Da kann man die 100% Preissteigerungen noch gut verschmerzen.
    Gut-ich muss zugeben, ich bin blutiger Laie in dem Umgang mit Aktien oder Edelmetallen, ich hatte wohl einfach nur Glück, und zwar dadurch, dass ich die Finger von Aktien gelassen habe.

    Viele Grüße
    H. J. Weber

    • Frank Meyer sagt:

      Das mit dem DAX ist sogar noch etwas schlechter. Man muss sich den Kurs-Index anschauen. Der hat noch nicht mal ein neues Hoch gemacht. Der Performance-Index an der Tafel beeinhaltet alle Dividenden. Man geht davon aus, dass diese wieder in den DAX investiert werden.

      Lieber Herr Weber, ich verfolge ja auch Ihre Kommentare. Vielleicht sehen Sie sich als blutjunger Laie. Was Sie aber schreiben, deutet auf das Gegenteil hin, und auf eine große Portion gesunden Menschenverstand. Sollte dem so sein, bleiben Sie Laie! Und blutjug ohnehin 🙂
      Viele Grüße!

      • Ankap sagt:

        Würde doch mehr Sinn machen wenn alle Indizes auf Perfomance umgestellt werden würden. Denn die Dividenden erhält man ja auch als Anleger. Nur so kann man doch unter dem Strich am besten vergleichen wieviel Rendite eine Anlage gebracht hat.
        Bei den ganzen Kursindizes sieht man ja nicht wieviel Dividende da ausgeschüttet wurde.
        Würde man den Dow Performance mit dem Dax Performance vergleichen, wäre der Abstand ja noch gewaltiger wie aktuel wo man Dow Kursindex immer mit dem Dax Performance vergleicht.

    • bluestar sagt:

      @Helmut Josef Weber. Dass Sie nicht einfach nur Glück hatten, haben Sie ja bereits mit Ihren auf diesem Blog dargelegten 10 Anlagegrundsätzen dargelegt. Am meisten gefällt mir Ihre Konsequenz nur in Dinge zu investieren von denen sie etwas verstehen, auch antizyklisch. Das Resultat sind Ihre beachtlichen EM-Bestaende. Ich war leider nicht so konsequent wie Sie und habe mit Aktien viel Geld vernichtet. In den 90igern mit und dann ohne Bankbeamter war ich bei Worldcom, Gehe, Delphi, Aurora Gold und anderen Katastrophen dabei. Das Resultat aus Gier, keine richtige Ahnung und keine Zeit fuer die Portfoliopflege sozusagen. Mit meinen EM-Bestaenden lebe ich nun ruhiger und eigentlich ist mir der aktuelle Kurs auch egal, da ich diese jetzt nicht verkaufen werde. Viele Grüße aus der Heimat nach Andalusien.

  2. Michael sagt:

    Ich vergleiche KDAX und DOW ab 2004. Das ist das letzt bekannte Niveau das noch irgendetwas aussagt im mittelfristigen Vergleich. Der Zeitpunkt bevor die Preise für Aktien auf das Niveau 2008 wurden hinaufgetrieben. Der maßgebliche Unterschied ist die Übernahme der Wallstreet durch Investmentbanken deren Kunden der normale Anleger nicht ist. Es stellt sich dann Frage was aus der Idee Aktien wurde das Risiko über die breite Masse zu streuen und diese zu beteiligen.

    Heute wird der Preis begründet mit den Gewinnen in der Zukunft abgezinst. Sie kaufen heut das aus heutiger Sicht den max erwartbaren ‚Zahlungsmittel’rückfluss.

    Meine Ansicht nach gehören, will man für den normalen Menschen ein attraktives Angebot für ‚Investition‘ stellen auf 20% mind. korrigiert.

    Eines ist schon klar, wenn jemand die Tauschmittel nicht zurückholt nach dem Kauf war die Anschaffung von Aktien Konsum. Die Aktie ‚gratis‘ zu bekommen (durch Verkauf eines Teils der höher bewertet ist im nächsten Anstieg) ist die Pflicht und nicht die Kür – erst dann partizipiert der Investor an den Gewinnen. Ein Gewinn den ich zuvor bezahle ist Konsum. In der Wirtschaft würde man sagen, bis die Abschreibung erwirtschaftet wurde. Der Crash an der Börse respektive die Korrektur ist eine Art ‚Teilpreisberichtigung‘. Beim Vergleich mit einer Maschine – Jemand verkauft ihnen zum heutigen Tag eine Maschine die zwar von selbst produziert aber die sich grad mal in 50 bis 100 Jahren rechnet. Wenn man die selbe Maschine zum 8tel Preis kauf schaut die Sache anders aus. Sonst bleiben Derivate in Ergänzung die bezogen auf das erworbene Papier die Einstandspreise schmälern. Das ist ein Teil der Ausgrenzungs- und Ausbeutungsstrategie der Investmentbanken.

    Das ist ähnlich des Tausches der IT Infastruktur in die Welt der Großhersteller. Dann kommen die großen Jungs und spielen ein anders Spiel. Obwohl dies noch ein sehr effektive Investition ist. Aktien sind bei weitem so effektiv.

    Jetzt ist KDAX aber relativ gesehen auf 2004 wesentlich teurer als ein DOW. Allein auf die letzen 5 Jahre gemessen ist der Index im groben Überblick billiger. Dann müsste man eingestehen, dass 2008 ein Aktiencrash war, der kein Kollateralschaden war. Dann nehmen sich aber die beiden Tops auf 2008 und jetzt erstaunlich ähnlich aus.

    Das erschreckende allein ist, dass die Papieralternativen noch viel übler sind 🙂 Ich kenne im Moment kaum mehr jemanden der Aktien als ertragreich und zukunftsfähig beurteilt. Es ist besser sie tragen Eulen nach Athen als Geld in der aktuellen Finanzindustrie zu investieren und die Weihnachtsgans zu geben, Am Weg nach Athen hat man zumindest frische Luft, etwas Bewegung und trägt den Europäischen Gedanken bis vor die Tore Athens.

  3. Reiner Vogels sagt:

    @ Hermann Josef Weber

    Sie fragen, wie man eine sicherere Vorsorge betreiben solle.

    Die Antwort ist ganz einfach: Es gibt keine Sicherheit. Dies ist in unserer Zeit der finanziellen Repression, der zynischen Beraubung der Bürger durch den Staat mittels der ungebremsten Geldschöpfung aus dem Nichts und der unkalkulierbaren weltpolitischen Krisen (siehe vor allem die Kriegstreiberei des Westens in der Ukraine) noch klarer als in manchen ruhigeren Zeiten der Menschheitsgeschichte.

    Vielleicht ist es gut, bei seinen Ersparnissen auf einen Mix aus den verschiedensten Optionen zu setzen. Ich weiß es nicht. Es kann auch sein, dass alles vernichtet wird.

    Relativ am sichersten scheint mir noch die elementare Vorsorge zu sein: Sich geistig und nach Möglichkeit durch einen disziplinierten und gesunden Lebenswandel auch körperlich fit halten und vor allem dafür sorgen, dass man eine intakte Familie hat, in der sich einer auf den anderen verlassen kann. Das waren, so weiß ich aus meiner Kindheit in der unmittelbaren Nachkriegszeit, die beste Rezepte zum Durchkommen, als das Geld nichts wert war, als Häuser zerbombt und Industrieanlagen zerstört waren.

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