Vorsicht Falle!

27. Oktober 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Ronald Gehrt

Sie haben es also wirklich geschafft. Der Gipfel ist vorüber und Entscheidungen auf dem Tisch, die ich noch einmal so kurz wie möglich zusammenfassen möchte…

Die Beschlüsse:

1. Man hat sich nun also auf einen Schuldenschnitt von 50% für griechische Schulden in Händen privater Gläubiger geeinigt. Die Staaten und die EZB machen nicht mit, die dort gehaltenen Ableihen behalten ihren jeweiligen Wert. Dafür leiht man Griechenland bis 2014 aber um die 100 weitere Milliarden. So ist es zumindest geplant. Die Fragen, die sich stellen: Werden weitere 100 Milliarden reichen? Warum sollten sie, wenn das Land aufgrund der irrsinnigen Sparvorgaben immer weiter in die Rezession rutscht? Was passiert, wenn Portugal hinterher fällt? Wenn Spanien und Italien unmittelbare Finanzspritzen brauchen?

2. Die Banken bekommen Garantien von gut 100 Milliarden. Sie sollen aber nur dann ausgezahlt werden, wenn die befohlene Erhöhung des Kernkapitals auf 9% nicht gelingen sollte, weil sich die Banken dieses Geld nicht aus Kapitalerhöhungen oder eigenen Rücklagen beschaffen können. Was bei den Banken der schwachen EU-Länder durchaus denkbar wäre. Diese zusätzliche Erhöhung wird deswegen nötig, weil durch den Schuldenschnitt bei vielen Banken so hohe Verluste entstehen, dass die Abschreibung dieser aufgrund der zu geringen Kapitaldecke zu deren Zusammenbruch führen könnte, hängt also unmittelbar mit dem Schuldenschnitt zusammen.

3. Man hat sich geeinigt, den EFSF zu hebeln, und zwar um das vierfache des noch verfügbaren Kapitals. Denn von den nominal vorhandenen Garantien (es liegt da ja kein Geld herum, sondern es handelt sich immer nur um „Bürgschaften“ der einzelnen Geberländer, im Notfall zu bezahlen) in Höhe von 440 Milliarden sind nur noch 250 verfügbar. Die sollen um den Faktor vier auf eine Billion gehebelt werden. Dabei ist noch nicht beschlossen, ob dies ausschließlich über den Trick der „Versicherungsleistung“ in Höhe von nur im Schnitt 25% der Nominalwerte von Anleihen geschehen soll oder ob zusätzliches Geld, beispielsweise aus China, ins Boot geholt werden soll. Hierzu soll die Entscheidung in einigen Wochen fallen.

Der falsche Weg

Um das Problem unter den Teppich zu kehren und zu hoffen, sich Zeit zu erkaufen, bis sich das Problem von alleine erledigt, konnte man nicht mehr tun, als getan wurde. Das ist wohl wahr. Aber die Aussage der Kanzlerin am Morgen, man habe die Ursachen erkannt und benannt, ist der entscheidende Punkt. Vielleicht wurden sie wirklich benannt. Aber sie wurden nicht angegangen. Die Ursache liegt in einer EU, die Staaten zusammengeklebt hat, die völlig unterschiedliche Strukturen haben. Das hat sich gerächt, denn die Wirtschaftsleistung der südeuropäischen Länder wird durch Misswirtschaft, Steuerhinterziehung und vor allem Günstlingswirtschaft gebremst. Das dumme ist, dass es sich hier um Aspekte handelt, die man nicht mal eben mit einem Federstrich beenden und in eine effektivere Form bringen kann. Eine Veränderung dieser Strukturen, die über Jahrzehnte gewachsen sind, braucht Zeit und ein behutsames, überlegtes Vorgehen. Die rigiden Sparvorgaben der EU sind genau dies nicht. Sie schwächen die ohnehin Schwachen, aber an die großen Profiteure dieser Zustände kommt man oder wagt man sich indes nicht heran. Das „Imperium Berlusconi“ ist da ein bemerkenswertes Beispiel.

Die Chance, Länder wie Spanien, Italien, Portugal und Griechenland auf diesem gewählten zu straffen, schlanken Wirtschaftsgebilden zu machen, ist null. Die Staaten werden gezwungen zu sparen, statt das Kapital anders einzusetzen … und das trifft im Endeffekt die Bevölkerung und damit die Kaufkraft. Wird, so wie jetzt im Gange, eine Verbesserung der Rahmendaten nur auf dem Papier erreicht, dabei aber die Schere zwischen arm und reich weiter geöffnet und das Lager der Armen immer größer, endet das in sozialen Unruhen, von denen wir bis jetzt nur die Vorboten erleben mussten.

Davon abgesehen: Auch, wenn es sich bei den Milliarden des EFSF bislang nur um Garantien und damit „theoretisches Geld“ handelt: Was, wenn diese Bürgschaften fällig werden, dieses Geld wirklich fließen muss? Woher nehmen die Geberländer es? Denn hat man bedacht, dass der Aktionismus der gefährdeten Länder, unter dem Applaus der „Reichen“ Pensionen zu kürzen, Sozialausgaben zusammen zu streichen, Mindestlohn-Regelungen auszuhöhlen oder aufzuheben, durch die in diesen dadurch Ländern sinkende Kaufkraft zu einem Bumerang wird? Überlegen wir mal:

Insgesamt wird nun überall hektisch eingespart. Am Ende logischerweise beim Bürger. Denn egal, wo die Staaten sparen, es bedeutet, dass Menschen weniger verdienen und/oder umsetzen. Hier ebenso wie in Griechenland. In Holland ebenso wie in Portugal. Selbst, wenn  man nur die Verschwendung von Steuergeldern einsparen würde … oder die Kosten für den einen oder anderen EU-Gipfel … oder würde man die Abgeordneten und Notenbanker in Kleinwagen chauffieren statt in eleganten Limousinen: Irgend jemand hat daran vorher verdient, der es dann nicht mehr täte. Es würde die Kaufkraft schwächen. Die Wirtschaftsleistung geriete unter Druck. Und das, während die USA kaum noch und in jedem Fall zu wenig wachsen und China bewusst (und weise) auf die Bremse tritt, um Dummheiten, die wir begangen haben, zu vermeiden. Hinzu kommt, dass eine Aushöhlung der Mindestlöhne bedeuten würde, dass diese schwachen Länder fürderhin Aufträge bekommen, die die starken Länder vorher bekommen haben. Ein Vorteil dort wie mit einem Nachteil hier erkauft. Denn am Ende jeder Kette steht der Konsument in der EU an sich, der durch diese Vorgehensweise nicht gestärkt wird. (Seite 2)


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8 Kommentare auf "Vorsicht Falle!"

  1. dork sagt:

    Danke für diese treffenden Worte!

    > Erstens, weil die Problematik zu komplex ist,
    > um sie wirklich mit allen Risiken und Haken zu erfassen.

    Ich wehre mich dagegen, daß wir hier den Politikern und Lobbyisten nach dem Gusto reden, die Probleme seien zu komplex, um sie zu verstehen bzw. um die Lage im großen Bild abzuschätzen. Nicht die Problematik ist komplex; vielmehr ist die Problematik unseres Geld/Finanzsystems ganz einfach zu begreifen; siehe auch das Hörmann-Interview auf diesem Blog. Was zu komplex ist, ist das nebulöse Theoriegebilde, das der Masse andauernd verkauft wird und das die Masse nicht hinterfragt.

  2. Reiner Vogels sagt:

    Eine vollkommen richtige Analyse der Gipfel-Beschlüsse und der realen finanzwirtschaftlichen und konjunkturellen Situation in der westlichen Welt. Danke!

    Was die Börsen in Zukunft daraus machen, weiß ich nicht. Ich gebe aber folgendes zu bedenken: Ganz gewiss sind die Gipfelteilnehmer von gestern nicht so dumm, dass sie glauben, was sie sagen. Sie wissen natürlich, dass sie keine echte Lösung auf den Weg gebracht haben. Und sie wissen natürlich auch, dass in Europa eine heftige Rezession bevorsteht.

    Wenn sie dennoch wieder einmal einfach nur das Schuldenmachen erleichtert haben und schon einmal, bildlich gesprochen, den Wartungsservice für die bald an ihrer Leistungsgrenze produzierenden Gelddruckmaschinen bestellt haben, damit im Fall des Falles das Geld nicht knapp wird, zeigt das, dass sie fest entschlossen sind, die grundlegenden Probleme eben nicht zu lösen. Das einzige, was sie wirklich wollen, ist, dass sie durch Geldschöpfung (auf unser aller Kosten!) für ihre persönlichen Karrieren etwas Zeit schinden.

    Es ist daher z.B. sehr wohl damit zu rechnen, dass in ein paar Wochen, wenn sich die bisher diskutierten „Modelle“ der EFSF-Hebelung als zu schwach erwiesen haben, die EFSF eine Banklizenz bekommt, damit die Geldschöpfung über die EZB wie geschmiert laufen kann.

    Ich vermute, dass die Börsen genau deshalb nach oben laufen, weil die Marktteilnehmer die Gipfelbeschlüsse in diesem Sinn interpretieren. Sie rechnen mit einer mindestens noch einige Monate laufenden Phase der Geldschwemme – Heli-Ben hat ja das Rezept formuliert – und flüchten deshalb in Sachwerte aller Art, also auch in Aktien.

  3. Revolver1975 sagt:

    Hallo Herr Gehrt!

    Ich bin etwas ratlos! Sie haben Recht, es sieht alles nach Vorsicht Falle und bald wieder fallenden Kursen aus den gesunden Menschenverstand betreffend. Aber was ist mit der Flucht in Sachwerte die zb auch der gute Prof Otte deklariert. Ist es unter diesen Bedingungen nicht statt eines Einbruchs der Märkte genauso möglich das wir einen Dax von – ich übertreibe bewusst – 20000 Punkten sehen wenn alles in Sachwerte flüchtet? Thema Inflation? Und das alles OHNE das es zu einem derben Einbruch kommt? Was meinen Sie ?

  4. holger sagt:

    Ich kann nicht anders :D, neulich 1984 bei der 2DF Sendung Vorsicht Falle. Es sind nur ca. 9 Minuten.

    http://www.youtube.com/watch?v=lSpVp5NGfqE

  5. Dagobert sagt:

    „Das allgemeine Wohl verlangt Lügen und Verrat. Mit etwas Zynismus würde auch ich behaupten, dass das ganze kapitalistische System eine Illusion, sogar ein Schwindel ist – aber eben ein gut gemachter. Gott soll geben, dass er noch lange besteht…!“

    Altmeister André Kostolany [Seite 171, Börsenseminar, 1987]

    …QE1/QE2/QExx/ESFS-gehebelt-potentiert/Gonoismus/SNB-EZB-FED-Interventionen/PPT/Notrecht/Vertragsbrüche/Verstaatlichungen/…schaun‘ mer mal was noch alles kommt!

    Lese gerade dicke Wälzer über die „36 Strategeme“ der Chinesen – perfekte Lektüre für die neue Ära!

  6. bizzer sagt:

    Hier noch ein interessanter Beitrag, vom Sommer dieses Jahres.
    Auch wenn FpÖhhh wie eine Entschuldigung klingt und Prof. Hankel ein gekaufter Referent ist:
    http://www.youtube.com/watch?v=w-Kqp4Bm3qQ

  7. mfabian sagt:

    Der schönste Satz im ganzen Artikel. Wunderbar auf den Punkt gebracht:

    „Man stopft „oben“ Geld hinein, das „unten“ nicht mehr herauskommt.“

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