Vorsicht. Die Erwartungsschraube nicht zu fest anziehen.

22. Juni 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

An der Börse werden einem alten Sprüchlein zufolge nur Erwartungen gehandelt. Die Idee hinter dieser Aussage ist nett, der Gehalt gering, sie ist aber hervorragend zur Rechtfertigung jeglicher Kursniveaus geeignet. Der Markt ist eben nie zu teuer, wenn nur alles imer besser wird…

Dieser Ansatz mag in dieser knappen Darstellung vielen Menschen schlicht erscheinen. Doch ist nichts mehr als dies und ein Haufen Scheinkomplexität die Basis zahlloser Anlageentscheidungen bei privaten und institutionellen Investoren. Am Anleihemarkt ist dieses Herausreden schlichtweg auf Grund des Produktes nicht möglich ist. Es gilt bei negativen Renditen das Heiße-Kartoffel-Prinzip. Bei einer Aktie lässt sich jedoch jede beliebige Zukunftserwartung einpreisen und rechtfertigen. Mit positiven Ergebnissen ist diese Herangehensweise jedoch leider nicht korreliert. Man sollte Dinge zwar so einfach wie möglich halten, aber eben nicht einfacher.

Eine Anleihe hat eine bestimmte Fälligkeit und eine aktuelle Rendite bis zu eben dieser Fälligkeit. Liegt diese Rendite bei einem Prozent, so werden alle Anleger, die diese Anleihe bis zur Fälligkeit halten vor Kosten und Steuern exakt diese Rendite einfahren, es sei denn die Anleihe fällt aus, dann gibt es den Restwert. Liegt die Rendite einer Staatsanleihe bei -0,5% so ist es unerheblich ob die Rendite zwischenzeitlich noch auf 3% steigt oder auf -5% fällt. Ab dem heutigen Zeitpunkt werden alle Anleger die dieses Papier bis zur Fälligkeit hin und herhandeln im Mittel bei eben diesen minus 0,5% landen. Der eine verdient mehr, der andere weniger.

Ein Aktie hat bekanntlich keine Fälligkeit. Eine fixe Rendite gibt es ebenfalls nicht. Diese Eigenschaften ermöglichen ein sehr freies Herumdrehen an Bewertungsparametern, so dass sich mit ein bisschen Kreativität eine weite Spanne möglicher Kurse rechtfertigen lässt. Die Historie dabei außer acht zu lassen ist eine Eigenschaft, die vielfach unterstützend genutzt wird.

Das Grundproblem bleibt jedoch bestehen. Auch eine Aktie verbrieft nur zukünftige Zahlungsströme. Im Gegensatz zur Anleihe sind diese nur nicht fix sondern können variieren. Wie die jüngere und ältere Vergangenheit zeigt, sind diese Zahlungsströme in beide Richtungen oft sogar sehr beweglich. Während die kaufen-und-liegen-lassen-Fraktion, deren Mitglieder Bewertungen für unnötigen Ballast halten, auf eine immer geringer werdende Zahl von Firmen, die ständig ihre Einnahmen erhöhen, verweisen, geht die Masse der negativen Fälle unter. In der Realität gibt es wie immer beide Seiten.

Wer erinnert sich schon noch daran, dass mancher Versorgertitel gar als mündelsichere Anlage galt. Das mag kaum vorstellbar erscheinen, ist jedoch nicht allzu lange her. Wohlgemerkt, es ging um die Aktie, nicht nur um die Anleihe. Was aus diesen Papieren wurde, kann man in vielen Kommunen erfahren, die ihre Steuerschätzungen derzeit um gestrichene Dividenden bereinigen.

Eine Bewertung ist langfristig immer relevant. Die folgende Grafik zeigt die Entwicklung des amerikanischen S&P 500 in den vergangenen Jahrzehnten. Abgetragen sind der aktuelle Indexstand sowie mögliche Indexstände für die drei Szenarien:

  1. Der Index erreicht sein maximales historisches KGV.
  2. Der Index erreicht sein mittleres historisches KGV.
  3. Der Index erreicht sein minimales historisches KGV.

Natürlich ist ein historisches Maximum oder Minimum keine Grenze. Auch diese Werte können durchbrochen werden, aber eine gute Orientierungsmöglichkeit bietet die Grafik allemal.

spx indexDie Aussage ist offensichtlich. Wichtig ist allein das Ausmaß möglicher Korrekturen. All dies ist mehr als einmal bereits passiert, die Wahrscheinlichkeit für so ein Ereignis sollte man daher für die Zukunft nicht mit Null anzusetzen. Man kann dies alles natürlich ignorieren, jedoch sollte man es sich zum einen gut überlegen was man ignoriert. Andererseits sollte man auch für das was man ignoriert hat die Verantwortung übernehmen. Das gilt gerade dann wenn es schief geht.

Die Schuld allerdings jedes Mal aufs Neue wieder bei Manipulateuren oder Short Sellern zu suchen, was natürlich schon aus Gewohnheit auch dieses Mal wieder passieren wird, wenn es abwärts geht, ist unwürdig. Aber einen geraden Rücken haben viele ohnehin eher in ihren Erzählungen als in der Realität.

Aktuell hat das Median-Kurs-Umsatz-Verhältnis des S&P 500 übrigens ein neues Allzeithoch erreicht. Falls es jemanden interessieren sollte.

 

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