Von Appellen, Plänen und dem Abschied im Mai

11. Juni 2015 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Im aktuellen „ifo Standpunkt Nr. 167 – Plan B“ analysiert ifo-Präsident Hans-Werner Sinn die griechische Verhandlungstaktik vor dem Hintergrund des öffentlich ausgetragenen Gezerres um angemahnte Reformen und blockierte Zahlungen.

Der wesentliche Punkt ist: Die griechische Regierung spielt auf Zeit, weil dies aus ihrer Sicht rational ist. Denn während da hin und her verhandelt wird, passen sich die griechischen Wirtschaftssubjekte an einen möglichen Euro-Austritt Griechenlands („Grexit“) an. Sie heben Geld von den Banken ab oder transferieren es ins Ausland. Auf diese Weise sind bislang 99 Mrd. EUR außer Landes geschafft worden und 43 Mrd. EUR wurden abgehoben.

Beide Verhaltensweisen führen zu einem Polster an potenziell harten Euros, die einen Neustart mit eigener Währung erleichtern würden. Beide Verhaltensweisen sind nur möglich, weil EZB und griechische Regierung sie zulassen. Diese Form der Kapitalflucht wäre ohne die sogenannten ELA-Notfallkredite der Euro-Systems (Emergency Liquidity Assistance) gar nicht möglich. Denn die Notenbanken der anderen Euro-Länder räumen der griechischen Notenbank hier einen entsprechenden Überziehungskredit ein – die berühmt-berüchtigten TARGET-Salden. Je größer diese werden, desto glaubwürdiger wird das, was Sinn den griechischen „Drohpunkt“ oder die Vorbereitung von Plan B nennt.

Der Grexit wird für die anderen Euro-Länder teurer, für Griechenland dagegen billiger. Dass die EZB diesem Treiben bisher keinen Riegel vorgeschoben hat, liegt vordergründig an der erforderlichen Zweidrittelmehrheit im EZB-Rat und offiziell an der Absicherung dieser Kredite durch Pfänder – allerdings solche von höchst zweifelhaftem Wert. Wenn man schon das Spiel mit verteilten Rollen – good guy, bad guy – zwischen Tsipras und Veroufakis betreibt, dann könnte das nach unserer Auffassung auch eine Ebene höher passieren: Das Euro-System stattet die Griechen im Einvernehmen für einen Grexit mit Euros aus, die dort dann über Nacht zu harten Devisen würden.

Vollkommen falsch liegt dagegen wieder einmal der Darling der Mainstreamökonomie – Thomas Piketty – der ein Ende des „Spardiktats“ forderte.

Absurde Erklärungen

Eigentlich ist das Spektakel von Elmau keinen eigenen Absatz wert. Was soll man von einer „Gruppe der Sieben“ halten, die offensichtlich von der Zeit überholt wurde. Auch sind die Kriterien nicht klar, nach denen die Teilnehmer ausgewürfelt werden.

Der italienische Premier Renzi ist dabei, der chinesische Staatschef Xi Jinping fehlt. Dafür ist ein Herr Juncker anwesend, der gar keinem Staat vorsteht. Der russische Präsident Putin wurde von den „Glorreichen Sieben“ bekanntlich ausgeladen – so etwas nennt man wohl eine Deeskalationsstrategie.

So absurd wie der Teilnehmerkreis waren auch die danach abgegebenen Erklärungen. Auf der einen Seite wollte man sich auf eine Entschärfung zahlreicher Krisen verständigt haben, auf der anderen Seite habe man „Putin knallhart mit weiteren Sanktionen gedroht“, wie das etwa im Boulevard zu lesen war. Und wohl damit man überhaupt etwas verlauten lassen konnte, hat man die vollständige „Dekarbonisierung“ – also den kompletten Abschied von Kohle, Öl und Erdgas – bis zum Jahr 2100(!) beschlossen.

Politiker und Versprechungen, an dieser Stelle kann man eigentlich schon aufhören. Das gilt besonders, wenn sich diese Versprechungen auf eine 85 Jahre entfernte Zukunft beziehen – eine Zeit also, zu der alle Akteure ihre Amtszeiten längst hinter sich gebracht haben und zu Staub zerfallen sind. Besser hätten die Dame und die Herren die Absurdität ihrer eigenen Existenz nicht ins Gedächtnis rufen können.

Ein paar Gaga-Statements für geschätzte bis zu 360 Mio. EUR. Zumindest wurde damit wieder einmal klar, warum Politiker von zwangsweise erhobenen Steuern leben müssen – sie haben nichts Mehrwertiges oder Marktgängiges anzubieten.


Eine alte Börsenregel besagt, dass der Mai der ideale Zeitpunkt zum Rückzug vom Aktienmarkt sei. („Sell in May and go away“). Obwohl nicht ganz klar ist, ob diese Regel sich ursprünglich auf Aktien oder Rohstoffe bezog, die insbesondere im Agrarbereich durch eine ausgeprägte Saisonalität gekennzeichnet sind, gehört die kleine Weisheit definitiv zu den beliebteren.

Nun haben wir Juni und der DAX hatte tatsächlich schon am 10. April sein bisheriges Allzeithoch erreicht. Wer Anfang Mai ausgestiegen ist, hätte sich bislang schon einen Verlust von in der Spitze 700 DAX-Punkten erspart.

Solche Ex-Post-Betrachtungen sind einfach, helfen aber nicht weiter. Selbst viele Beispiele für die Richtigkeit einer Börsenregel sind nämlich kein Beleg für deren gewinnbringende Anwendbarkeit. Wer so vorgeht, betrachtet nämlich die Geschehnisse aus einer Perspektive, die echten Erkenntnisgewinn verhindert. Um also festzustellen, ob zumindest eine gewisse Wahrscheinlichkeit für eine gewinnbringende Nutzung der Regel in der Praxis besteht, muss man sämtliche Vorkommnisse überprüfen. Damit weiß man zumindest, ob die Regel historisch funktioniert hätte. Eine Gewähr für die Zukunft ist das dennoch nicht. Denn weithin bekannte Regeln können auch gerade weil sie so bekannt sind, aufhören zu funktionieren.

Immer mehr Marktteilnehmer versuchen dann nämlich aus einem Phänomen Nutzen zu ziehen, das aber aus genau diesem Grund immer weniger Nutzen stiftet. Zuletzt haben wir uns dem Thema in der Printausgabe Smart Investor 5/2013 ab Seite 54 ausführlich gewidmet. Dort finden sich auch systematische Tests, wobei sich zur Überprüfung der Mai-Regel eine Aufteilung in zwei Jahresteile eingebürgert hat („… and come back in October“). So viel sei hier verraten: Die Outperformance des Zeitraums von Ende Oktober bis Mai ist im Vergleich zum Zeitraum von Juni bis Oktober im Zeitablauf relativ stabil.

Aktien mit Zwischentief

Nachdem es vor einer Woche noch so aussah, als wäre eine Rückeroberung der roten Aufwärtstrendlinie in greifbarer Nähe, legte der Markt unmittelbar nach Erscheinen des SIW 23/2015 den Rückwärtsgang ein. Damit ist der Bruch dieses Trends nun klar bestätigt. Allerdings zeigt der Markt heute erneut Stabilisierungstendenzen an einer entscheidenden Marke. Der gestrige Mini-Ausverkauf endete nämlich fast punktgenau auf der unteren Begrenzung der blauen Konsolidierungsflagge (vgl. Abb.).

2015-06-10_DAX

Heute folgte erst einmal eine kräftige Aufwärtsreaktion. Sollte diese Flagge signifikant nach unten durchbrochen werden, kann man kaum noch von einer Konsolidierung im Aufwärtstrend sprechen, obwohl ein kurzes Unterschießen keine Seltenheit ist und nach einer anschließenden Rückeroberung als positives Fehlsignal zu charakterisieren wäre. Sichtbar bestätigt würde der Aufwärtstrend allerdings erst wieder, wenn die blaue Flagge nach oben verlassen wird. Dann sollte auch das bisherige Allzeithoch überboten werden. Das aber ist im Moment noch Zukunftsmusik – über die schwierige saisonale Lage sprachen wir bereits (s.o.).

Mit dem Erreichen einer Rendite von 1% bei der zehnjährigen Bundesanleihe dürfte für einige Marktteilnehmer nun wieder ein relativ(!) attraktives Einstiegsniveau erreicht worden sein. Der Bund-Future hat vom Gipfel am 17. April mehr als 13 volle Punkte verloren (vgl. Abb.).

2015-06-10_Bund

Eine sich abzeichnende Stabilisierung in diesem Bereich sollte auch den Aktien Unterstützung bieten. Eines haben die beiden letzten Monate jedenfalls überdeutlich gezeigt: Der Umstand, dass die Notenbank „Gewehr bei Fuß“ steht, um größere Katastrophen zu verhindern, bedeutet nicht, dass sie jede kleine Kalamität an den Märkten wegbügelt. Das Wirken der Notenbanken bedeutet für die Märkte also einen positiven Bias, jedoch keine Vollkaskoversicherung. Zudem verachtet man in den Geldzentralen traditional trittbrettfahrende Spekulanten – als deren Schutzpatron begreift man sich dort jedenfalls nicht.

Silber am seidenen Faden

Im Prinzip sehen wir bei Silber derzeit eine Bodenbildung. Just als sich das weiße Edelmetall anschickte, den Boden zu verlassen (vgl. Chart, gelbe Markierung), wurde in Rekordzeit eine massive Short-Position an der COMEX aufgebaut. Dies verfehlte seine Wirkung nicht und der Preis rutschte zurück unter den steilen roten Abwärtstrend.

2015-06-10_Silver

Derzeit gibt es minimale Stabilisierungstendenzen, die durch die blaue, aufwärtsgerichtete Trendlinie angedeutet sind. Sollte diese allerdings nach unten gebrochen werden, kann es schnell zu einem erneuten Rutsch in Richtung des 2014er Tiefpunkts kommen. Langfristig bleibt Silber ein Kauf, kurzfristig aber bleibt es turbulent.

Fazit

In Griechenland verhärten sich die Fronten weiter, andererseits kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier bereits hinter den Kulissen an einem abgefederten Euro-Ausstieg des Landes gearbeitet wird. Im DAX zeigen sich trotz der nun ungünstigen Saison nach den Kursrückgängen der letzten beiden Monate nun erste Stabilisierungstendenzen.

Ralph Malisch, Christoph Karl – Homepage vom Smart Investor


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4 Kommentare auf "Von Appellen, Plänen und dem Abschied im Mai"

  1. Insasse sagt:

    „Wenn man schon das Spiel mit verteilten Rollen – good guy, bad guy – zwischen Tsipras und Veroufakis betreibt, dann könnte das nach unserer Auffassung auch eine Ebene höher passieren: Das Euro-System stattet die Griechen im Einvernehmen für einen Grexit mit Euros aus, die dort dann über Nacht zu harten Devisen würden.“ – So kann man einen Marshall-Plan für GR für den Fall des GREXIT natürlich auch umsetzen. Das es sich hierbei um unbeabsichtigte Nebenwirkungen handelt, sollte hier niemand glauben, denn GR muss und soll auf Geheiß von überm großen Teich zumindest in der NATO gehalten werden.

    „Ein paar Gaga-Statements für geschätzte bis zu 360 Mio. EUR. Zumindest wurde damit wieder einmal klar, warum Politiker von zwangsweise erhobenen Steuern leben müssen – sie haben nichts Mehrwertiges oder Marktgängiges anzubieten.“ – Jedenfalls nicht für diejenigen, die sie gewählt haben. Eine Erkenntnis, die nicht oft genug wiederholt werden kann. Erstaunlich, dass das Wahlvolk, welches den Betrug in Teilen bereits erkannt hat, aber diesen zumindest erahnt, diese Betrüger immer noch großteils wählt, also ihren falschen Versprechungen immer noch grob fahrlässig bis sogar vorsätzlich folgt.

    „Das Wirken der Notenbanken bedeutet für die Märkte also einen positiven Bias, jedoch keine Vollkaskoversicherung.“ – Die Notenbanken werden alles zum Erhalt des derzeitigen Systems tun. Dafür müssen die Parameter nur im Großen und Ganzen kontrolliert werden, nicht im Detail. Gewisse Schwankungen der Märkte werden dafür in Kauf genommen. Das gibt dem ganzen Manipulationstreiben sogar noch einen natürlichen Anstrich. Meiner Ansicht nach, haben die Notenbanken derzeit alles unter Kontrolle, insbesondere auch die Preise der Geldmetalle Gold und Silber als ihre natürlichen Gegner.

  2. Sandra sagt:

    Die Masse will pausenlos beschäftigt gehalten werden. Marktgängige Zwangsbeglückung.

  3. MFK sagt:

    Jeden Tag bricht ein Teil der griechischen Wirtschaft weg. Niemand investiert. Ob es also klug ist den Schwebezustand so lange aufrecht zu erhalten?

  4. bluestar sagt:

    „Eigentlich ist das Spektakel von Elmau keinen eigenen Absatz wert. Was soll man von einer „Gruppe der Sieben“ halten, die offensichtlich von der Zeit überholt wurde. “
    Die Akteure dieser steuerfinanzierten Selbstdarstellung wirken wie eine lächerliche, trotzige und überhebliche Gruppe aus dem Kindergarten, die geistig irgendwie stehengeblieben ist, den Kindergarten für den Nabel der Welt hält und noch nicht einmal registriert hat dass eine Einschulung wegen Lernunfähigkeit und vorschulhaften Verhalten ausgeschlossen ist.

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