Aktien und Truthähne

23. November 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Wenn der international angesehene Psychologe Gerd Gigerenzer Vorträge hält, erwähnt er gern die sogenannte Truthahn-Illusion. Das Federvieh kommt in den USA bekanntlich zur Thanksgiving-Feier als Braten auf den Tisch. Was es mit der Illusion auf sich hat, ist schnell gesagt…

Der Truthahn erhält, bevor er geschlachtet wird, regelmäßig nahrhaftes Futter. Daran gewöhnt er sich so sehr, dass er es mit zunehmender Fütterung für immer wahrscheinlicher hält, auch in Zukunft Tag für Tag schmausen zu können – bis der Thanksgiving-Tag kommt und damit sein Lebensende.

Diese Geschichte erinnert mich sehr an die japanische Börse während der 80er Jahre. Damals stiegen dort die Aktienkurse in so schöner Regelmäßigkeit, dass Groß- und Kleinanleger der Illusion erlagen, die Börsenparty ginge fast risikolos immer weiter – bis sie von einem Ereignis, das scheinbar nichts mit japanischen Aktienkursen zu tun hatte, aus ihren Träumen gerissen wurden: im Sommer 1990 Einmarsch irakischer Truppen in Kuwait. Dieses Ereignis löste überall auf der Welt Gewinnmitnahmen an den Aktienmärkten aus. Und weil die Kursgewinne an der japanischen Börse im Lauf von Jahrzehnten am meisten angeschwollen waren, erwischte es die Aktionäre dort besonders heftig. Intime Kenner der Verhältnisse in Japan, wie der für mehrere Medien tätige Helmut Becker, hatten früh vor dem nahenden Desaster gewarnt. Doch erst nach dem Kurssturz sorgten sie für die ihnen gebührende Aufmerksamkeit.

Wiederholt sich die Geschichte jetzt in ähnlicher Form woanders?

Die Entwicklung an den Aktien- und Anleihenmärkten spricht für diese Vermutung: Unter den führenden Aktienindizes hat der Dax zwar immer wieder mal schlapp gemacht, aber der amerikanische Dow Jones und der viel breiter gefasste S&P 500, zwei Leitindizes schlechthin, lassen Erinnerungen an die japanischen Verhältnisse in den 80ern aufkommen: Sie sind wie am Schnürchen gezogen immer weiter gestiegen. Ähnlich die Kurse der Anleihen, kräftig unterstützt von den führenden Notenbanken mit ihrer lockeren Geldpolitik. Die Volatilität, Maßstab für die Höhe der Schwankungen, ist sowohl bei Aktien als auch bei gängigen Anleihen minimal wie seinerzeit in Japan.

Daraus schließen viele Börsianer irrtümlich, ihr Risiko sei begrenzt. Wenn sie sich da mal nicht täuschen! Halten wir uns bei der Definition des Risikobegriffs an den eingangs zitierten Psychologen Gerd Gigerenzer:

„Wenn sich die mit einem Ereignis assoziierte Ungewissheit anhand empirischer Beobachtungen oder kausalen Wissens quantifizieren lässt, wird die Unsicherheit als Risiko bezeichnet.“

Also von wegen Volatilität als Risiko. Dieses ist schlicht und einfach abgeleitet aus der Unsicherheit. Wobei uns in Bezug auf Aktien- und Anleihenkurse weder empirische Beobachtungen noch kausales Wissen entscheidend weiterhelfen. Denn die Börse macht eh, was sie will. Empirische Beobachtungen sind nur in der jeweiligen Gegenwart – bei Rückwärtsbetrachtung – möglich.

Die Vorhersage von Kursen reduziert sich dann sinnvollerweise auf Prognosen von Kursbandbreiten in einem bestimmten Zeitabschnitt aufgrund subjektiver Einschätzung und Erfahrung. Kausalitäten aus ihrer Entwicklung abzuleiten, bleibt für immer ein hoffnungsloses Unterfangen, weil jede Kursentwicklung nur multikausal zu begründen ist.

Ganz zu schweigen von der Quantifizierung.

Kurse stehen heute hier, morgen da, basta. Insofern sind in den Mainstream-Medien immer wieder auftauchende Fragen wie die, was denn wohl den Kurs der Siemens-Aktie nach oben, den der Deutsche Bank-Aktie nach unten und den Dax seitwärts getrieben hat, kaum noch an Naivität zu überbieten. Dennoch werden sie immer wieder gestellt und sogar beantwortet – die Börse als geistloses, pseudo-kausales und -quantitatives Spiel. Es mitzumachen, indem man einfache Kausalitäten für bare Münze nimmt und danach handelt, kann für Anleger sehr teuer werden. Denn sie laufen Gefahr, sich einlullen zu lassen, statt selbst nachzudenken.

cover_gDabei ist das Nachdenken über die Kursentwicklung gerade jetzt, da die Börsen scheinbar so wenig volatil sind, dringend geboten. Deshalb folgt hier noch ein weiterer Rückblick, diesmal bis zum Beginn der 70er Jahre, und zwar nach Amerika.

Damals wurden, nachdem die Aktienkurse 1970 eingebrochen waren, hoch bewertete Aktien favorisiert, die sogenannten nifty fifty. Deren Kursentwicklung verlief zunächst ähnlich wie ein Jahrzehnt später die der japanischen Aktien – und wie jetzt die der amerikanischen.

In allen drei Fällen waren und sind Ignoranz, Fehleinschätzung und Herdentrieb im Spiel. Nifty-fifty-Aktien fielen bereits 1974 in Ungnade, nur gut zwei Jahre nach ihrem Hype. Dagegen erstreckte sich der Rückgang der japanischen Aktien über zwei Jahrzehnte. Wie viel Zeit die derzeit favorisierten amerikanischen und in ihrem Gefolge – oder sogar vor ihnen – die europäischen Aktien benötigen werden, um sich einem ähnlichen Schicksal zu ergeben, ist zwar nicht absehbar. Aber dass sie sich in Sphären bewegen, die schon für die nächste Zeit nichts Gutes verheißen und für eine kräftige Kurskorrektur sprechen, kann als sicher gelten.

Das bedeutet: Erst werden die Kursschwankungen größer, dann kommt Nervosität auf, die Aktienkurse stürzen ab. Und wenn den meisten Börsianern der Schreck in die Glieder fährt, dürften die Notenbanker den Geldhahn wieder so weit aufdrehen, dass Anleger die Chance bekommen werden, zu Tiefstkursen zuzugreifen. Das Ganze innerhalb der nächsten zwei Jahre.

Manfred Gburek – Homepage




 

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6 Kommentare auf "Aktien und Truthähne"

  1. Matrix sagt:

    Habt Ihr eigentlich nie genug von dem Aktien-Bashing?

    Die Zeit seit Anfang 2009 bis heute sollte doch JEDERMANN zeigen, dass die Börsen nicht mehr abstürzen werden. Die FED und die Regierungen werden dies nicht mehr zulassen.

    Schaut ihr auch einmal auf den Dow Jones? Auf den DAX? Den S&P500?

    Da ist NICHTS mit Krise oder Crash!!!

    Nicht einmal in 2008 sind die Kurse auf das Niveau der 90er Jahre gefallen. Und bei einer „Korrektur von 50 Prozent sind die Kurse IMMER noch mehr Wert als in 2003. Selbst so ein „Crash“ (50 %) wäre letzlich ein Witz.

    • Avantgarde sagt:

      Das stimmt aber nicht !
      Die Kurse fielen sogar tiefer….
      2008/9 sind die Aktienkurse inflationsbereinigt auf das Niveau der 60er gefallen – und jedes noch so popelige Sparbuch hatte zu diesem Zeitpunkt eine bessere Langzeitredite.

      Und das ist eben genau auch das Problem: So popelig die Zinsen auch sein mögen…..wenn es knallt wie 2008 könnten evtl. sogar Negativzinsen besser sein als die Hälfte oder 2/3 zu verlieren.

    • samy sagt:

      Ja, und diese wundersame(n) Rettung(en) gabe es umsonst? Oder stiegen alleine die US-Staatsschulden in den letzten 10 Jahren nicht um ca. 10 Bill. Dollar? Was soll das überhaupt noch für ein Kapitalismus sein?

      Die Matrix lässt grüßen …

      Aber trotzdem, Sie haben schon recht. Niemand weiss wann ein Crash kommt. Vielleicht sehen wir wirklich noch die +20000 oder mehr beim DAX. Aber es wachsen keine Bäume in den Himmel.

      VG

  2. Matrix sagt:

    Hier z.B. ELLI (ein Elliot Waver) aus dem Gelben Forum, der z.B. bei Gold immer richtig liegt:

    Zitat
    „Und ein Satz zum DAX: Ich bleibe mittelfristig bullisch, seit 8350 Punkten läuft ein Aufwärtsimpuls, der letztlich Kurse über 11.000 bringen wird, denke ich.“
    Zitatende

    Ist halt so wie beim Peak Oil:

    Der wurde auch erst einmal abgesagt.

    • Avantgarde sagt:

      Peak Oil ist keineswegs abgesagt – wir sind bestenfalls auf dem Förderplateau.

      Denn wenn es anders wäre würde man wohl kaum elendig teures Öl aus der Tiefsee oder Ölsänden gewinnen.
      Diesen Zusammenhang sollte eigentlich jeder sehen können.

  3. bluestar sagt:

    @Avantgarde
    Peak Oil wurde von den Systemmedien abgesagt und das aktuelle Preisniveau dient mit zur Begründung. Deshalb führen die USA auch weltweit schmierige Kriege um dieses ölige Zeug, sorry natürlich ist das ein Kampf für die Freiheit, Demokratie und Menschenrechte. Deshalb denkt die Bundesregierung auch über Fracking in Deutschland nach und wird es zulassen.
    Das schafft Arbeitsplätze, Wachstum und Unabhängigkeit vom bösen russischen Diktator wird es heißen. Natürlich garantiert streng reguliert und umweltsicher, genauso sicher wie der Euro vor dessen Einführung als stabile Währung garantiert wurde. Nicht nur das, er dient heute auch noch zur Sicherung des Friedens in Europa. Es lebe die GROKO.
    Irgendwie klappt es mit dem Sehen von Zusammenhängen doch nicht bei jedem und deshalb müssen die Sehenden alles mit ertragen, sei es noch so absurd.

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