Vom guten Hirten zum finsteren Herrscher?

2. März 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Ronald Gehrt

Eine unabhängige Notenbank hat einen entscheidenden Vorteil: Sie ist unabhängig. Der Haken dabei ist: Sie ist unabhängig. Letzteres ist dann unerfreulich, wenn Entscheidungen einer Notenbank unmittelbare Auswirkungen auf die Politik haben, die man dort gar nicht gebrauchen kann…

Aber es ist ein Problem, mit dem man weitaus besser umgehen könnte, wenn man den Eindruck hätte, dass die Notenbank das Richtige tut, mit Weisheit und Besonnenheit agiert, einfach der „gute Hirte“ unseres Geldes ist. Wenn. Aber wo ist das denn der Fall? Bei der EZB? Der Bank of Japan? Der US-Notenbank?

Lange Jahre fühlte ich mich bei unserer EZB gut aufgehoben. Wim Duisenberg und nach ihm Jean-Claude Trichet agierten behutsam und auch, als 2008 die Konsequenzen aus Arroganz und zuvor gezielt gezüchteter Dummheit und Habgier über den Finanzmärkten zusammenbrachen, hatte man den Eindruck, dass Jean-Claude Trichet immer und jederzeit besonnen das Richtige tun werde. Heute habe ich immer öfter den Eindruck, Darth Vader säße auf dem Chefsessel der EZB. Und dieser wirkt eher wie ein Thron.

Nun ist es natürlich unvernünftig, das eher düstere und unnahbare Auftreten von Mario Draghi auf die ganze Institution zu übertragen. Eigentlich. Aber Draghi IST nun einmal die EZB insofern, als er dort die Zügel eindeutig sehr straff in Händen hält. Und was er entscheidet, macht ihn und die EZB unbeliebt … was schlichtweg nicht gut ist. Die Anleger, aber auch jeder einzelne Bürger, muss das Gefühl haben, dass die EZB auf ihn aufpasst und nicht womöglich nur die Interessen der Politik und/oder der Finanzindustrie vertritt. Wir alle kannten unsere Notenbank, ob es nun die Bundesbank ist oder die EZB, als eine stille Institution, die eher passiv wirkt, auch, wenn sie entschlossen handelt. Mario Draghis EZB wirkt aggressiv, mit der Brechstange agierend. Und zu viele haben den Eindruck, all das geschieht nicht zu ihrem Besten.

Wenn man sich mit dem Finanzmarkt beschäftigt, zuckt man schon ein wenig zusammen, wenn man sieht, dass eine Notenbank derartig aggressiv auf das Zinsniveau einwirkt wie momentan die EZB. Vor allem, wenn man wie ich der Ansicht ist, dass dieser Weg nicht funktionieren kann – warum, habe ich bereits in mehreren Marktkommentaren dargelegt, zuletzt am 24.1. in „die EZB auf Crashkurs ohne Rückfahrkarte“, nachzulesen u.a. unter www.baden-boerse.de/kolumnen.html). Und man zuckt erst recht zusammen, wenn man erkennt, dass dieser Weg, nun auch gezielt Staatsanleihen am Markt einzusammeln, gegen den Widerstand wichtiger Notenbanken wie der Deutschlands und der Niederlande einfach durchgedrückt wird. Uneinigkeit, ja Unfrieden ist innerhalb der Gremien einer solchen Institution fatal.

Aber auch und gerade der „normale“ Sparer zuckt zusammen und stellt fest: Ihm wird die Basis zur Vermögensbildung entzogen. Die Zinsen sind futsch. Jetzt droht sogar, dass man ihm für seine Spareinlagen Geld abnimmt. Das ist das Werk der EZB. Aber mit welchem Ziel? Um Inflation zu generieren. Das machen Sie mal einem Sparer klar:

Erklären Sie ihm, warum Sie ihm sein jahrzehntelang zusammengespartes Geld zusammenschrumpfen wollen mit dem Ziel, dass es ihm in Zukunft wieder durch die Inflation aufgefressen wird! Wenn Sie für diese Weisheit nur einen Tritt bekommen, sind Sie gut davongekommen.

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Zumal der Abstieg der Teuerung zuletzt durch die durch Spekulation großer Finanzmarkt-Zocker massiv befeuerte Baisse der Ölpreise intensiviert wurde. Was für die EZB ein angeblicher Grund war, schnell zu handeln. Der normale Sparer wird Ihnen sagen: „Und was machen Sie, wenn der Ölpreis wieder steigt?“ Dann käme die Teuerung auf diesem Wege zurück. Der Abstieg des Preisniveaus war zum Teil Ausfluss von Spekulation. Wie kann man das als Basis für solche tiefgreifenden Maßnahmen nehmen? Und werden die Staatsanleihen wieder verkauft und der Zins wieder hochgesetzt, wenn Öl wieder auf 80 Dollar steigt und damit die rechnerische Deflation wie von Geisterhand verschwindet?

Natürlich nicht. Denn die Deflation ist nur ein Teilaspekt. Billige Refinanzierung der Staaten sicherzustellen einerseits und der Versuch, die Anleger zum Konsum zu zwingen und so ein Wachstum wieder zu generieren, das auf natürlichem Weg nicht mehr generierbar ist, ist das Kernziel. Und es ist nicht erreichbar. Aber es erzeugt Wut und Unverständnis. Was soll dieses grausam blöde Gefasel davon, dass man dafür doch prima in Aktien investieren könne? Davon abgesehen, dass niemand es mag, wenn man ihn in einem so wichtigen Bereich des Lebens gezielt die Alternativen nimmt:

Nicht jeder ist der Typ, um am Aktienmarkt zu investieren. Die Mehrheit der Sparer will kein Risiko. Lieber weniger Rendite, aber dafür des Nachts ruhig schlafen. Das wurde ihnen jetzt genommen. Und je mehr Menschen, die damit weder umgehen können noch wollen, nun in den Aktienmarkt gepresst werden, desto furchtbarer sind die Folgen, wenn diese Blase platzt. 2000 oder 2008 waren die meisten aus reiner Gier und Sorglosigkeit bis über die Halskrause in Aktien investiert und verloren ihr Geld. Heute würde es Menschen treffen, die von vornherein mit Sorge und einem unguten Gefühl nur deshalb dort einsteigen, weil sie keine andere Alternative sehen. Wenn denen ihre Depots um die Ohren fliegen, wird das das Werk des finsteren Herrschers, der Notenbank, sein.

Die auch in der Politik langsam Freunde verliert. Klar, bei dem Hühnerhaufen, den Europa darstellt, wären wir mit einer Notenbank, die nur auf politischen Konsens hin agiert, verloren. Da wäre seit ihrem Start noch absolut nichts entschieden worden. Aber dafür wird nun auch entschieden, was manche Politiker eben nicht mögen. Sicher, die Staatsanleihe-Käufe reduzieren die Refinanzierungskosten der Länder deutlich. So kann man wenigstens leichter eine geringe Neuverschuldung vorweisen und nach außen hin stabil und solvent wirken. Aber zum einen sehen die meisten Menschen Regierungen und Notenbank als in einen Topf gehörig, so dass sich die Wut über den verschwundenen Zins, sprich über den entzogenen Lohn für das über ein Leben hinweg ersparte Geld, auch auf die Politik erstreckt. Und zum anderen stellt die Politik fest, dass die Unabhängigkeit der EZB dazu führt, dass sie bei vielen Entscheidungen ihre ihr verliehene Macht auch ausspielt und bisweilen gegen eine politische Mehrheit agiert. Wie unerfreulich. Aber wir haben es ja so gewollt. Eines muss man dabei sehen…  (Seite 2)


 

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