Vollpfosten-Meteorologen: Die Chronik eines ausgefallenen Chaos

28. Dezember 2014 | Kategorie: RottMeyer

Glosse von Frank Meyer

Frechheit! Mir wurde in den letzten Stunden eine Winterkatastrophe angekündigt. Diesmal nannte sich das Hoch „Hiltrud“ und nicht „Russenpeitsche“. Fünf Meter Schnee versprach man mir, dazu -25 Grad und ein komplettes Chaos. Denkste!

Abkühlung kommt gut an nach diesem nie endenden Jahrtausendsommer. Angeblich kommt jetzt der Winter. Der ewige Klimawandel wird unterbrochen? Was ist eigentlich Winter? Die jungen Leute schreiben den inzwischen mit weichem „d“ und Schneh mit noch weicherem „h“.

Dabei hatten die Wetterexperten auch für Gernsheim einen „Mallorca-Winter“ vorhergesagt. Ja, ich erinnere mich, und auch Jörg Kachelmann. Ich bin nicht sicher, ob Kachelmann im folgenden Video über Wetter oder über Börse berichtet. Seine letzten Aussagen lassen beides vermuten, und das politisch völlig unkorrekt.. Der Wortlaut von Youtube…

Der oberste Vollpfosten-Meteorologe, der zwar immer noch durch den Vollpfosten-Journalismus zitiert wird, der immer gesagt hat, es würde einen tierisch kalten Winter geben – und es gab natürlich nie einen tierisch kalten Winter, hat jetzt für diesen Winter gesagt, es wird Mallorca-Winter geben. Wir werden schwitzen statt bibbern… (Quelle: Youtube)

Ha! Der Kachelmann redet über Börse! 10 Grad am Morgen und 12 Grad am Abend machen dort auch 22 Grad aus.

Und ich bin im Stress. Jetzt kommt die Eiszeit, heißt es seit Freitag Mittag.

Auszüge aus meinem Tagebuch…

Freitag 14 Uhr: Die Nachbarschaft sang gerade noch „Oh Du fröhliche!“ und andere Garanten mit Tinitus-Garantie. Die Kinder haben mit ihrem neuen E-Bike-Mobil fast ein Massaker auf dem Gehweg angerichtet und jemand schickte Silvesterraketen in den Himmel. Aus dem Fernsehen tropfte klebriger Honig, den ich eimerweise vor der Tür entsorgte. Dann passierte etwas Unheimliches: Mein Bildschirm färbte sich rot. Der Winter kommt.

Die Medien hatten endlich ihr Thema. Dann überschlagen sich die Experten mit ihren Prognosen. Wetter-Apps fragen dann nach, ob man wirklich schon 18 wäre und ob man wirklich in der Lage sei, ob körperlich, psychisch und seelisch, die Temperaturprognosen ertragen zu können. Yes! Und wie ich kann! Endlich Bambule!

In der letzten Stunde wuchsen meine Zweifel, ob ich „Hillu“ überleben werde, denn so ein rot auf den Wetterkarten habe ich noch nie gesehen! Am Tag zuvor bin ich noch mit einem Fotoapparat bewaffnet losgezogen, um den letzten Blumen Adieu zu sagen – und auch denen, die zu früh dran waren. Ich schrieb einen vorsorglichen Nachruf auf die Flora am 26. Dezember. Und heute grinsen mich diese botanischen Biester immer noch an, obwohl sie zu Tode erstarrt sein müssten. Manipulation!

Schnell aber waren die letzten Blumen vom Balkon hinein geräumt und gerettet. Ein Osterkaktus hatte zu Weihnachten eine Blüte getrieben. Ich vermutete, er macht sich über mich lustig. Oder ich über ihn.

Für das Aufladen der Autobatterie musste ich 50 Meter Stromkabel zum Auto verlegen. Ich hatte leider so ungünstig geparkt. Als ich dann die Pole an der Batterie verwechselte, hatte ich wenigstens ein kleines Feuerwerk unter der Kühlerhaube. Es sah aus wie zu Silvester.



Freitag 23 Uhr: Die Temperaturen waren unter Null Grad gefallen. Die Experten hatten recht, mitten im Winter. Minütlich beobachtete ich das Außenthermometer. In wenigen Stunden soll es 15 cm Schnee geben und das Chaos losbrechen. Ich lege mich schlafen mit vier zusätzlichen Decken und träume von Rudi Carrells „Wann wird es endlich wieder Winter…“

Samstag 9 Uhr: Was war passiert? Nichts! Zwei Zentimeter Neuschnee. Die Wetterengel korrigierten ihre Prognosen das erste Mal und sagten dann noch zwei Zentimeter Neuschnee voraus. Ich musste wieder an die Börse denken. Das kenne ich doch! Zudem taute das weiße Zeug auch noch weg. War „Hillu“ zu spät dran? Auf dem Wetterradar drehte sie sich direkt über Gernsheim.

mittendrin

Zeit für Teil 2 der Krisenvorsorge…

Kerzenvorräte auffüllen; Vier Wochen bei mindestens -20 Grad… da benötigt man mindestens 5.000 Kerzen und die Hoffnung, dass Putin das Gas nicht abdreht, das Licht nicht ausfällt und das Telefon mit den blödsinnigen Wetter-Apps und Temperaturhorror den Kältetod sterben.

Tausalz kaufen! Aber nur, weil meine Nachbarn sich mit Vorliebe direkt vor unserem Haus den Steiß prellen oder den Oberschenkelhals auf Festigkeit testen. Zuerst denke ich immer, das gehört zum Unterhaltungsprogramm vor meinem Fenster – bis ich die Post öffne.

Was war noch zu tun? Sonnenschirme abbauen, Liegen hereinholen, Kühlschrank füllen. Kühlschrank? Und den Wetterbericht im Auge behalten. Dazu kommt die stündliche Abfrage der Züge von der Deutschen Bahn. Am Montag schon bin ich, so „Hillu“ will, wieder an der Börse. Deshalb plane ich schon gegen 4 Uhr mit der Bahn ins 50 Kilometer entfernten Frankfurt zu fahren, um 12.15 Uhr zur ersten Sendung anwesend zu sein – inklusive zwei Stunden Auftauen. Autobahn geht gar nicht!

Die Bahn teilt seit Stunden mit, die Züge würden pünktlich sein – wahrscheinlich so pünktlich wie die Flieger am neuen Berliner Flughafen. Bedenklich ist aber die neue Strategie der Bahn. Sie begründet seit ein paar Wochen sämtliche Verzögerung im Betriebsablauf mit Verzögerungen im Betriebsablauf – vor allem, wenn sich der Betriebsablauf verzögert hat. Das beweist: Wenn die Bahn einen Plan hat, haben Wetter und Götter viel zu lachen.

Samstag 19 Uhr: Enttäuschung. Aus Hillu wird in Hillary. Viertel nach acht läuft Bond, was mich an den Rentenmarkt erinnert. Nein, jetzt habe ich frei! Montag wieder! Die Temperatur will so wenig sinken wie der DAX. Null Grad. Wo ist Hillary? Ich bin auf die Wetter-Propheten herein gefallen. Okay, Sonnenschirm wieder raus, Hiltrud kann kommen oder besser noch: Hillu kann mich mal! Auch wenn es gerade beginnt zu schneien. Temperatur: -2 Grad. Die Blumen draußen sind jetzt hin. Ich warte noch.



 

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