Visionen. Oder: die Münchhausen-Hausse

19. März 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Prognosen über die kommende Entwicklung egal welchen Assets an der Börse können nicht funktionieren. Warum das so ist und warum sie trotzdem so fatal beliebt und begehrt sind, hatte ich in der vorherigen Kolumne zu erklären versucht. Aber ich meine, man darf dennoch nicht versäumen, eine Bestandsaufnahme in ein „was wäre wenn“ zu übertragen. Oder, anders ausgedrückt, die aktuellen Rahmenbedingungen in eine Vision der kommenden Monate zu übertragen…

Wo stehen wir – und wohin kann uns das führen, unter dem Vorbehalt, dass nichts Überraschendes, Unvorhersehbares alles durcheinander wirbelt? Diese Bestandsaufnahme kann weder vorhersagen, wie weit und/oder wie lange es noch höher gehen kann. Noch lässt sich daraus ermessen, wie das „böse Ende“ dieser Aufwärtsbewegung ablaufen wird. Aber sie soll helfen, den Kopf frei zu bekommen, die Situation auch aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, um sich nicht zu verrennen. Denn genau das tun momentan viele Privatanleger, die wütend auf die markante Diskrepanz zwischen den Börsen und der ungeschminkten, nicht medial, politisch, statistisch geschönten Realität starren. Dieser empörte Blick verleitet dazu, stur Short zu gehen, es zu bleiben und darauf zu warten, dass dieses so unlogisch, ja grotesk anmutende Kartenhaus zusammenbricht. Das wird es, keine Frage. Aber womöglich für viele Bären zu spät.

Natürlich sehen wir momentan eine Blase, die vom billigen, ja fast gratis verteilten Geld der Notenbanken ebenso lebt wie von der aktiven Stützung der Anleihemärkte. Das ist im Prinzip gefährlich … aber nur, wenn dieses Geld wieder abgezogen wird, solange nicht anderes Kapital imstande wäre, die Lücken zu füllen. Aber wird man das tun? Warum sollte man? Nein, ich unterstelle, dass dem nicht so ist. Im Gegenteil: Zwar kann die US-Notenbank nicht mehr allzu viel aktiv unternehmen, zwar ist auch die EZB mit ihren direkten Unterstützungen wohl erst einmal durch, aber es kommt ja momentan dennoch neues Geld an die Aktienmärkte und in viele Rohstoffe hinein. Und zwar aus den angeblich „sicheren Häfen“ der Edelmetalle und Anleihen noch eher starker Länder wie den USA, Deutschland und einiger anderer europäischer Staaten. Ob sie wirklich stark sind … ob es wirklich weise ist, Gold wieder zu verkaufen … das ist eine völlig andere Frage. Die aber nicht zur Debatte steht, denn Dummheiten werden an den Börsen schließlich dauernd gemacht. Manchmal meint man fast, sie wäre nur dazu da.

Hinzu kommt, dass sehr viele private Anleger dieser Aufwärtsbewegung zutiefst misstrauen, sodass die Investitionsquote dort noch eher gering ist. Natürlich bestand dieses Misstrauen zu Recht. Genauso übrigens wie im Sommer 2009, als aus tiefer Krise heraus auf einmal alles im Lot sein sollte. Aber genau dieses Beispiel von damals zeigt auf, dass es sich fast immer rächt, gegen den Trend zu spekulieren. Denn die Bürger insgesamt waren nur zu gerne bereit, auf diese damals wie heute inszenierte Lageverbesserung hereinzufallen, denn genau das war es ja, was sie sich wünschten. Es sollte alles wieder werden wie es war, der Kelch an ihnen persönlich gefälligst vorbeigehen und ein neuer Aufschwung beginnen. Und der begann wirklich, wegen des „Münchhausen-Phänomens“. Die Bürger zogen sich, allerdings ohne dass es den meisten bewusst wurde, am eigenen Schopf aus dem Sumpf, indem dieses auf allen Kanälen verbreitete Trommelfeuer des Optimismus sie dazu brachte, wieder mehr zu konsumieren. Mehr noch: Sie nahmen auch noch Kredite auf und kauften, was das Zeug hielt. Warum? Weil man ihnen erklärte, der Aufschwung werde derart heftig sein, dass er mit Inflation einhergehe. Wer sofort kauft, kauft billiger. Also:

Das billige Geld floss damals nicht in die Hände der Bürger (mal von Steuererleichterungen und der letztlich fatalen Abwrackprämie abgesehen), sonder in die der Banken. Die trieben die Börsen hoch, weil man ihnen das Geld ohne Zweckbindung in die Hand drückte und Zocken an den Börsen vielversprechender schien als mit diesem Geld Kredite an Unternehmen und Private zu vergeben. Da viele aber die anziehenden Börsen als Beweis für die Wende missverstanden, legte der Konsum auch zu, ohne dass man unsereinen an diesem Gratisgeld teilhaben ließ. Clever gemacht … und genau das selbe Spielchen spielt man heute auch. Nur noch eine Liga höher, denn man fährt auch noch zweigleisig.

Auf der einen Seite kommt man wieder mit Inflationsängsten daher. Dieses „fiat-money“, dieser virtuelle Billionenregen, werde zwangsläufig zu Hyperinflation und einem Crack-up-Boom führen, schwadronieren die einen. Zwar kam es auch nach 2009 nicht dazu, weil dieses Geld nie in den Kreislauf zwischen Unternehmen und Konsumenten kam. Aber das ficht die Vertreter dieser Hypothese nicht an, auch, wenn es heute nicht anders ist. Sie kaufen alles, was nicht bei „drei“ auf dem Baum ist: Häuser, Aktien, Rohstoffe, Kunst. Weil das Geld doch morgen nichts mehr wert sein wird. Die andere Hälfte kauft nicht aus Angst, sondern aus Hoffnung. Sie erkennt, dass diese panischen Käufe ja genau das „Münchhausen-Phänomen“ bewirken: Der Konsum belebt sich, die Aktienkurse steigen und das zum Teil auch zu Recht, weil eben der steigende Konsum die Unternehmensgewinne befeuert. Diese Klientel kauft also des kommenden Wachstums wegen. Irren sie sich?

Nun, kurzfristig nicht. Es ist schon irgendwie ein Witz, aber dennoch: Die Lage bessert sich, weil die Angst vor einem Chaos Panikkäufe auslöst, die die Wirtschaft wieder belebt. Nun werden Sie einwenden, dass das den schwachen Staaten in Europa wenig nützt, das Wachstum in China nicht mehr so hoch wie früher sei und die USA dennoch überschuldet sind, privat wie von Staatsseite her. Schon, aber:

Momentan werden die kleiner werdenden Stückchen vom Kuchen der BRIC-Staaten vom steigenden Binnenkonsum ausgeglichen. Die USA werden sich weiter durchwursteln, zumal das Thema Überschuldung bis zu den Wahlen im November garantiert behutsam auf Eis gelegt wird. Und die schwachen EU-Staaten? Deren Wirtschaftsleistung ist, nimmt man Spanien und Italien mit hinein, nicht unbedeutend. Aber da kommt nun ein anderer Aspekt zu Hilfe:

Das Geld vom deutschen Anleihemarkt, ebenso wie von den US-Bonds und aus dem Gold, fließt momentan nicht unwesentlich auch in die dortigen Anleihemärkte. Warum? Weil fünf oder sieben Prozent Rendite auf einmal ein Schnäppchen sind, wo zehn oder fünfzehn Prozent immer noch zu wenig waren, wenn die Akteure nur fest genug daran glauben, dass die Lage wieder im Griff ist. Man mag ob dessen ja den Kopf schütteln … aber es sind genug Akteure da, die das wirklich glauben und danach handeln. Und das bedeutet, dass sich diese Länder auf einmal wieder zu akzeptablen Zinsen refinanzieren können und der Zusammenbruch damit erst einmal aufgeschoben ist.

Dass die Struktur als solche die selbe bleibt und damit auch so marode wie zuvor … zumal man damit rechnen darf, dass die Politik sofort manch eine ambitionierte Maßnahme wieder einmotten wird, kaum, dass es den Anschein einer Beruhigung hat (2009/2010 lief es ja nicht anders), ist eine Sache. Aber denken Sie daran: Für die nächste Runde des Zusammenbruchs dieses auf Schulden aufgebauten, weltweiten Kartenhauses braucht es jemand, der aktiv unten die erste Karte wegzieht! Wir dürfen nie vergessen, wie das Drama vor zwei Jahren losging: Das war doch kein unabwendbares Schicksal, sondern ein aktives Starten einer Lawine. Die Ratingagenturen schliefen doch damals den Schlaf der Selbstgerechten, hatten keine Probleme mit den guten Ratings Irlands, Griechenlands, Portugals etc. Sie reagierten erst, als die griechischen Anleihen auf einmal im Kurs massiv einzubrechen begannen. Die Herabstufungen setzten das Problem nur auf eine breitere Ebene und brachten sie in aller Munde, denn wer weiß, wie viele Anleger sonst auf steigende Zinsen in Griechenland mit einem Achselzucken reagiert hätten!

Nein, erst wurde dieser massive Druck auf die Anleihemärkte gezielt losgetreten. Der brachte das ganze System ins Rutschen. Und heute sind eben diese Anleihemärkte zwar angeschlagen und waidwund, aber wieder weit stabiler als vor einigen Monaten. Und bevor nicht diejenigen (oder andere) großen Adressen, die diese Attacke damals bewusst geritten haben, erneut zuschlagen, sprich erneut auf den „Chaos-Button“ drücken, wird diese Stabilisierung, angestachelt durch allerorten zur Schau gestellten Optimismus, weitergehen.

Im Konsum und damit der Wirtschaft, weil diese momentane Belebung zwar zum Teil aus der Angst geboren wurde, aber dennoch eine Kettenreaktion im Wirtschaftskreislauf auslöst, der sich genauso selbst betreibt wie der Abschwung zuvor. Und an den Börsen, weil zum einen die Rating-Agenturen jetzt nach und nach wieder mit Heraufstufungen kommen werden, die Unternehmensgewinne sich auch trotz China wegen des anziehenden Konsums zumindest werden leicht verbessern können und viele bislang bearishe Investoren nach und nach in den Markt gezwungen werden. Allerdings ist mit diesem dritten Aspekt auch ein nahendes „böses Ende“ verbunden:

Dieses ganze Spielchen ruht auf Treibsand. Die Abstände, in denen das Kartenhaus ins Wanken gerät, werden immer kürzer. Und das ist unvermeidbar, solange man das Fundament nicht komplett saniert. Was mit massiven Einschnitten verbunden wäre, die niemand in dieser Situation akzeptieren würde. Weder die Politik noch die Bürger. Also macht man einfach weiter … und dass der nächste Knall um die Ecke lauert und noch heftiger wird als beim letzten Mal, mögen die normalen Anleger nicht realisieren. Die großen Adressen, die momentan den Löwenanteil dieser Rallye der Aktienmärkte zu verantworten haben, aber sehr wohl. Was bedeutet:

Sie werden höchst interessiert daran sein, den normalen Anlegern ihre Bestände anzudrehen, bevor sich die Rallye mangels Masse totgelaufen hat. Denn dort weiß man ganz genau, was manch ein privater Anleger gerne vergisst: Gewinne sind nur dann „echte“ Gewinne, wenn man sie auch realisieren konnte. Und wenn es erst einmal rutscht, wird das, gerade bei den gigantischen Positionen der Banken im Eigenhandel, meist schwierig.

Das kann ob der Flucht aus Anleihen und Gold und ob der wieder hinreichenden Barreserven der Banken noch dauern. Aber in dem Moment, wenn die Analysten auf einmal von neuen Allzeithochs faseln … wenn sie noch vehementer als sonst betonen, dass Aktien jetzt spottbillig seien … wenn die Privatanleger auf einmal auch den letzten Mist als „zurückgeblieben“ einstufen und blind kaufen … wenn die Umsätze auffällig steigen … dann darf man vermuten, dass eben diese großen Adressen gerade dabei sind, ihre Eigenhandels-Bestände an die euphorisierten Privatanleger zu verticken (wobei bekehrte Bären dann meist die verbissensten Bullen sind). Wenn es so weit ist, dürfte der nächste, gezielte Tritt gegen das marode Fundament der Anleihemärkte nicht weit sein. Und dann wird es ungemütlich für uns alle. SEHR ungemütlich.

Aber noch ist das nicht zu erkennen. Und bis dahin sollte man sich diesem Hausse-Zug nicht entgegenstellen. Natürlich ist der Kursanstieg der vergangenen drei Monate auch unter den Bedingungen einer „Münchhausen-Hausse“ nicht einfach 1:1 in die Zukunft projizierbar. Es wird immer wieder Rücksetzer geben, wenn Zweifel wieder aufkeimen. Aber unter dem Strich kann es sehr wohl noch deutlich höher gehen. Immer vorausgesetzt, diese oben genannten Faktoren bleiben uns so erhalten und es passiert nichts, was wir heute noch nicht einmal ahnen können. Und so bleiben diese Überlegungen ein Vision und können niemals eine „Prognose“ sein. Nichtsdestotrotz sollte man sich das einmal durch den Kopf gehen lassen … vor allem, wenn man momentan verbissen auf die Trendwende setzt.

Mit den besten Grüßen
Ihr Ronald Gehrt
(www.system22.de)


 

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5 Kommentare auf "Visionen. Oder: die Münchhausen-Hausse"

  1. kneipier sagt:

    Die Hektik der EZB beim Gelddrucken dürfte ihre Ursache darin haben, daß fast alle Geldinstitute jetzt in die Pflicht kommen, ihre Schulden, seit 2008 aufgenommen, zurückzuzahlen.

    Wegen der „Systemrelevanz“ sind alle dazu nicht in der Lage und die EZB hilft gerne aus, um den grossen Plan Anderer nicht zu gefährden.

    Es ist Konkursverschleppung!

  2. VickyColle sagt:

    Sehr sehr schöner Beitrag, mehr davon bitte! 🙂
    Es ist in unseren Augen ein hochkrauchen an der „wall of worrie“, aber das im Artikel beschriebene steht u.M.n. auch bereits in den Charts.

    Gruß
    Vicky & Volker

  3. Hans Kolpak sagt:

    Ihre Perspektive verdient einen Ehrenplatz in der „Hall of Fame“ möglicher Weltsichten. Einerseits „erwachen“ immer mehr Menschen aus allen möglichen Lebensweisen. Andererseits werden die Verteidiger der „Titanic-Fahrgäste“ immer verbockter beim Festhalten an der System-Propaganda.

    Hans Kolpak
    Deutsche ZivilGesellschaft

  4. FDominicus sagt:

    Ich glaube ein Spruch war: „Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen“ 😉

  5. Fnord23 sagt:

    Warum nur kommt mir unser Finanz-und Wirtschaftssytem vor als hätte es eine manisch-depressive Störung:

    „Die Bipolare Affektive Störung ist durch einen episodischen Verlauf mit depressiven, manischen, hypomanischen oder gemischten Episoden gekennzeichnet:

    Depressionen zeichnen sich durch überdurchschnittlich gedrückte Stimmung und verminderten Antrieb aus. Bei starken Depressionen kann es zu Suizidgedanken kommen.

    Eine manische Episode ist durch gesteigerten Antrieb und Rastlosigkeit, oft mit inadäquat euphorischer oder gereizter Stimmung, gekennzeichnet. Dabei ist die Fähigkeit zur Prüfung der Realität mitunter stark eingeschränkt, und die Betroffenen können sich in große Schwierigkeiten bringen.“
    Quelle: h t t p s ://de.wikipedia.org/wiki/Bipolare_St%C3%B6rung

    Weil die Wirtschaftssubjekte sich so verhalten? Sich damit in große Schwierigkeiten bringen und zum Suizid neigen?
    Na dann gibt es doch noch Hoffnung für diese Welt.

    VG aus Sachsen

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