Vierter Aufguss: Merkel holpert ins Amt

15. März 2018 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Hätten Sie es ohne Nachrichten und politische Magazine bemerkt? Knapp ein halbes Jahr war das Land ohne „richtige“ Regierung. Immerhin blieben den Bürgern in diesen glücklichen Monaten die berüchtigten „großen Würfe“ der Exekutive erspart…

Denn als Anhänger der Österreichischen Schule wissen wir nur zu gut, dass selbst der wohlmeinendste Interventionismus in aller Regel mittel-, spätestens aber langfristig schiefgeht. Ab heute soll das wieder anders werden.

So sehr sich der Boulevard aber auch bemühte, die Kanzlerwahl als Volksfest der Demokratie nach dem Motto „Wir sind Kanzlerin“ zu inszenieren, Begeisterung sieht anders aus. Der vierte Merkel-Aufguss hätte kaum schaler ausfallen können. Nach den schon quälend langen Koalitionsverhandlungen holperte Merkel heute mit nur 364 der 399 Stimmen der sogenannten „großen“ Koalition ins Amt. Das waren gerade einmal neun mehr als die benötigten 355 Stimmen. Wo die 35 (!) Stimmen der „großen“ Koalition abgeblieben sind, darüber darf man spekulieren.

Die Abgeordneten der verbündeten SPD mochten der frisch Gewählten nicht einmal Applaus spenden. Und dass „bei Hofe“ Realismus zu den weniger gefragten Eigenschaften gehört, bestätigte die neue CDU-Generalsekretärin Kramp-Karrenbauer eindrucksvoll mit diesem liebedienernden Statement: „Klare Wahl, reibungsloser Start. Jetzt mit aller Kraft für Deutschland.“ Na, denn.

„You‘re fired!“

Wesentlich lebendiger geht es dagegen derzeit in den USA zu – allerdings auch hier ohne Begeisterung. Erwartet unerwartet verlor US-Außenminister Rex Tillerson nun sein Amt. Er war das Schwergewicht im Trump-Kabinett und hatte sich auch außerhalb von Trumps engerer Anhängerschaft Respekt erworben. Dass das Tandem der zwei Alphatiere nicht für die Ewigkeit konstruiert war, konnte man mit Händen greifen. US-Präsident Trump scheint nicht der Typ zu sein, der weitere „Götter“ neben sich akzeptiert. Tillerson seinerseits machte keinen Hehl daraus, dass er sich für intellektuell überlegen hielt. Zwar reagierte Trump auf dessen flapsige Bemerkung („Trottel“) mit verkniffenem Humor, aber spätestens seit dieser Episode war Tillerson ein Minister auf Abruf.

Die Entlassung kommt dennoch zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Denn erst Tage zuvor wurde bekanntgegeben, dass sich Donald Trump und Kim Jong-un nach ihren gegenseitigen verbalen Schmähungen in Bälde auch einmal persönlich treffen wollen. Mit einer solchen Aufwertung hätte der nordkoreanische Diktator wohl nicht im Traum gerechnet. Verständlich, dass man einer solchen Begegnung der beiden Streithähne ohne den mäßigenden Einfluss von Tillerson & Co. mit eher gemischten Gefühlen entgegensieht. Allerdings zeigt sich an der ganzen Abfolge wohl auch so etwas wie Trumps typischer Politikstil: Das verbale Poltern ist Teil des Verhandlungsprozesses, am Ende zählt das Ergebnis.

„Im Auge“ der rechten Schulter?

Die kräftige Erholung des DAX nach den letzten Tiefs konnte zu dem Schluss verleiten, dass die Korrektur damit erst einmal ausgestanden wäre. Allerdings belehrte der gestrige Handelstag die Marktteilnehmer erneut eines Besseren. Wiederum kam es aus einer Standardsituation heraus zu massiven Abverkäufen, die nur zu deutlich sinkenden Kursen Aufnahmebereitschaft fanden. Die Ablösung Tillersons ist zwar unerfreulich, aber die gestrige Marktreaktion erscheint übertrieben. Ein gesunder Markt hätte da möglicherweise nur kurz gezuckt. In der Nervosität steckt also auch eine Aussage: Im Zweifel: Raus!

Auch technisch bleibt der Markt angeschlagen. Nachdem der steile Aufwärtstrend klar gebrochen und das Niveau von 12.800/13.000 Punkten praktisch kampflos geräumt wurde, nähern wir uns nun mit ca. 11.850 Punkten der nächsten markanten Unterstützung (vgl. Abb., graue Waagerechte), an der der Markt zuletzt noch nach oben abgeprallt ist. Diese Linie könnte sich sogar als Nackenlinie einer größeren Schulter-Kopf-Schulter-Umkehrformation entpuppen, wie durch die grauen Bögen in der Abb. angedeutet. Schon aus Gründen der Symmetrie wird diese Formation bis zu ihrer Vollendung jedoch noch einige Zeit benötigen. Währenddessen dürfte dann auch die Aufwärtstrendlinie aus dem Jahr 2011 (grün) in die Nähe dieser möglichen Nackenlinie gestiegen sein, wodurch sich erneut eine der gefürchteten Kreuzunterstützungen ergeben könnte. Das ist freilich noch Zukunftsmusik, aber wir hatten dieses Jahr bereits ein vergleichbares Thema mit der Kreuzunterstützung bei 13.000 Punkten, deren Durchbruch zur ersten Verkaufswelle führte (vgl. Abb., oberer Teil, rote Linien, gelbe Markierung).

Geradezu lehrbuchmäßig negativ bleibt das Kurs-Umsatz-Verhalten. Praktisch ausnahmslos manifestieren sich die Abwärtstage mit steigenden Umsätzen (vgl. Abb., unterer Teil, rote Markierungen), während der Handel in den Zwischenerholungen regelmäßig ermüdet. Für einen echten Boden müsste sich diese Charakteristik grundlegend ändern. Ideal wäre auch ein finaler Ausschüttler. Ansonsten bleibt es bei unserer Arbeitshypothese, dass wir für die nächsten Wochen nur eine Pseudo-Stabilisierung oberhalb der Nackenlinie bzw. die Ausformung der rechten Schulter beobachten. Von der Dimension wäre dies dann übrigens eine Umkehrformation, die dem vorangegangenen Aufschwung angemessen korrespondiert, die aber aufgrund ihrer langsamen Entwicklung vermutlich nicht besonders wahrgenommen wird. Bei Kursen über 13.000 DAX-Punkten müsste man die These einer Schulter-Kopf-Schulter-Formation aber vermutlich verwerfen.

Käme es zum Durchbruch der Nackenlinie, dann stünde dem Aktienmarkt der eigentliche Sturm tatsächlich erst noch bevor. Wir haben uns mit der These eines Börsensturms auch ausführlich in der Titelgeschichte „Der Sturm“ des aktuellen Smart Investor 3/2018 beschäftigt. Was wir bislang gesehen haben, waren nicht mehr als ein paar leichte Windstöße. Die Marktteilnehmer erscheinen uns durch den rund neunjährigen Aufschwung ziemlich eingelullt zu sein, was die Möglichkeiten eines echten Bärenmarktes betrifft.

Euro-Stärke mit Rissen

Ein anderes Thema, das uns zunehmend interessant erscheint, für das die Zeit aber ebenfalls noch nicht ganz reif sein dürfte, ist die aus unserer Sicht überfällige Erholung des US-Dollar. Vor gut einem Jahr war eine Dollar-Stärke noch allgemein erwartet worden, wobei dieser „crowded trade“ bekanntlich nicht aufging. Inzwischen hat sich die Wahrnehmung den Verhältnissen aber weitestgehend angepasst. Die US-Regierung wünscht einen schwachen Dollar und die Euro-Stärke ist nicht nur als Faktum akzeptiert, sondern wird zum Teil sogar munter fortgeschrieben. Dabei gibt es durchaus Gegenkräfte. Da ist beispielsweise die Zinsdifferenz, die eindeutig für den US-Dollar spricht, ihre Wirkung allerdings erst richtig wird entfalten können, wenn die Aufwärtsdynamik des Euro endet. Und genau danach sieht es im Moment aus. Denn seit Wochen kommt der Euro nicht mehr so richtig voran. Wer dachte, dass mit der Amtseinführung der deutschen Regierung nun frische Stabilität in die „Zone“ einkehrt, könnte sich ebenfalls getäuscht sehen. Denn mit dem heutigen Tag gibt es in Berlin wieder offene Ohren für die mannigfachen Begehrlichkeiten aus Paris, Rom, etc. All diese Forderungen haben eines gemeinsam: Sie beruhigen den Euro an der Oberfläche, höhlen dessen ökonomische Funktionalität aber immer weiter aus. Für die Märkte sind das perspektivisch Argumente, wieder über US-Dollar-Anlagen nachzudenken – trotz Trump.

Fazit

Die Reaktion auf den Tillerson-Rausschmiss hat einmal mehr gezeigt, wie verletzlich der Aktienmarkt derzeit ist. Immerhin hat die Bundesrepublik seit heute eine bestens ausgeruhte neue alte Regierung. Für den Rest der Eurozone heißt das erst einmal aufatmen: Es ist wieder Suppe da!

© Ralph Malisch, Ralf Flierl – Homepage vom Smart Investor

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