Vier Prozent! Geschnitten oder am Stück?

29. September 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Zu sagen, die Aktien könnten nicht fallen, weil Anleger keine Alternative hätten, ist in etwa so, als würde man behaupten, die Arbeitslosigkeit könne nicht steigen, weil die meisten Menschen keine Alternative zum Erwerbseinkommen haben. Den Aktienmarkt interessieren die Wünsche und Hoffnungen der Anleger nicht. Wie sollte das auch funktionieren? 

Die Wünsche sind vielfältig. Wer nicht investiert ist oder noch viel Zeit hat, der freut sich über tiefere Kurse. Wer hingegen in Bälde sein Geld benötigt, der kann mit einer Halbierung vermutlich wenig anfangen. Abgesehen davon wären es ja tolle Aussichten, wenn der Aktienmarkt oder irgendein anderer Markt sich an den Wünschen oder Nöten der Anleger orientierte. Sie kennen das sicher von den Lokalnachrichten. Während der Sendung „Konsum vor Ort“ wird der hohe Milchpreis im Laden beklagt, den sich kaum ein Rentner mehr leisten könne. In der Abendschau unter der Rubrik „Ackerbau und Vieh im Landkreis“ ist es dann der niedrige Milchpreis, der die Erzeuger in die Knie zwingt.

Mit der Wunscherfüllung, das wäre aber wirklich eine tolle Sache. Dann setzen wir einfach die Zielrendite der Pensionskassen von 4% jährlich auf 8% hoch. Dann gibt es ebenfalls keine Alternativen und der Markt muss etwas mehr liefern. Es braucht schon ein gerüttelt Maß an Tumbheit um so auf die Finanzmärkte zu blicken. Natürlich steigt derzeit der finanzielle Druck auf viele institutionelle Anleger. Das liegt aber nicht am Finanzmarkt oder am schlimmen Kapitalismus an sich. Wer sich die absurden Annahmen von Pensionskassen oder auch des Rentensystems anschaut, der wird die Fehler eher in einer fachlich überaus dürftigen Planung dieser wirtschaftlichen Komponenten finden. Es macht halt mehr Freude Versprechen zu geben, für deren Erfüllung in dreißig Jahren jemand anderes sorgen muss, als letzterer zu sein.

Die Kehrseite sind die Anleger oder Empfänger. Zu sagen, man habe den Verantwortlichen beim Rentenamt und den Pensionskassen geglaubt, ist angesichts der geradezu lachhaften Schieflagen doch reichlich albern. Natürlich kann nicht jeder Bürger zum Derivatefachmann werden. Für 90% der Finanzthemen genügen allerdings Dreisatz und Prozentrechnung. Dafür sollte es in der selbst ernannten Bildungsrepublik eigentlich reichen. Angesichts der aktuellen Finanzierungseuphorie bei Neubauten muss man allerdings wohl auch daran zweifeln. Vielleicht glaubt aber auch tatsächlich jemand an eine Zahnzusatzversicherung für alle, bei der man 100 Euro im Jahr einzahlt und später ohne weitere Kosten für 20.000 Euro neue Keramik-Beißer bekommt. Klappt bestimmt. Die Rechnung findet sich dann im Winter in einer großen Socke, die man an einem ganz bestimmten Tag raushängen muss. Direkt unter der Apfelsine.

Neben dem Wunschzettel gibt es noch Scheuklappen, die den Blick auf andere veränderliche als den Kapitalmarktertrag zur Gänze verdecken. Eine Pensionskasse hat neben dem unsicheren Kapitalmarktertrag mindestens zwei Variablen, die von den Entscheidern direkt beeinflussbar sind. Angepasst werden können die Höhe der Auszahlungen und die der Einzahlungen. An diesen Schrauben zu drehen macht natürlich ebenso wenig Freude, wie nur das Geld auszugeben das man hat. Wer will das schon seinen Beitragszahlern beibringen? Dann mischt man doch lieber ein paar High Yield Bonds ins Depot.

Wenn dreißigjährige Bunds unter 1,4 Prozent rentieren und ein Entscheider schwadroniert von jährlichen Zielrenditen von 4 Prozent oder mehr pro Jahr, dann bewegt er sich irgendwo zwischen der Hoffnung, bis zur Rente mit der Nummer durchzukommen, und dem Wahnsinn, das tatsächlich zu glauben.

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Selbst bei einer Allokation von 50% der Anlagen auf Aktien bräuchte man unter der unrealistischen Annahme einer kostenlosen und steuerfreien Wiederanlage eine jährliche Rendite von mehr als 5,5% auf den Aktienanteil. Die in der Realität benötigten Erträge liegen bedingt durch Kosten und Steuern deutlich darüber. Warum viele Menschen das immer noch für gar nicht soviel halten, und davon ausgehen, dass sei doch über einen Zeitraum von 30 Jahren eine sichere Sache, ist schwer zu sagen. Es muss daran liegen, dass irgendwo im Schlachtengetümmel der medialen Berichterstattung über den aktuellen Bullenmarkt das Gefühl für die Erträge der letzten 20 Jahre verloren gegangen ist. Selbst der Dax, ein Index der keine Transaktionskosten und Steuern kennt und der Dividenden kostenlos wieder anlegt, hat in den letzten 20 Jahren unter diesen lachhaften Annahmen.

Vom Blick in die Historie oder über den Tellerrand wollen wir an dieser Stelle lieber schweigen. Zu groß ist der Eindruck des gigantischen Bullenmarktes von 1982 bis 2000. Vergessen sind die 60er, die 70er oder die 30er Jahre und viel nicht nur finanzielles Elend dazwischen. Ignoriert werden die langfristig trostlosen Aktienmärkte vieler Länder wie Italien, Griechenland, Portugal und auch Frankreich.

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Die Marke von 5000 Punkten wurde vom DAX im Jahre 1998 zum ersten Male erreicht. Seither wurde diese Zahl gerne wieder besucht und zwar in den Jahren 1999, 2001, 2005, 2008, 2009 und 2011. Naja, was soll’s, lediglich ein kleiner Volatilitätsanfall im hundertjährigen Bullenmarkt. Der Dax-Kursindex, der lediglich die Preisentwicklung der Aktien ohne Dividenden nachbildet befindet sich derzeit bereits wieder deutlich tiefer als zur Zeit des Hochpunktes 2007. Im Vergleich zum Hochpunkt von vor 15 Jahren hat der Preisindex sogar mehr als 20% eingebüßt. Die Dividenden, die Dax Performance Index ganz nonchalant steuerfrei in seinen Ertrag hineinrechnet muss der Normalbürger versteuern. Ganz so kuschelig ist die Anlagewelt eben doch nicht.

Besonders hübsch finden wir die durchschnittlichen Renditen von Aktien über 100 Jahre oder mehr als Dauerkaufargument. Das mag für den Menschen, der die Geldanlage nur zwecks Vererbung betreibt relevant sein. Herrlich, mal eben dreißig Jahre fiese Märkte aussitzen. Man hat ja Zeit. Für die meisten anderen sind Zeiträume, die zwanzig bis dreißig Jahre umfassen, relevant. Es gibt zu viele Zeiträume in den die Anlageergebnisse auch über solche Perioden trostlos waren. Das ist kein generelles Argument gegen Aktien. Es ist ein Argument dafür, darauf zu achten, wann man kauft. Wer bei zu hohen Preisen kauft hat weniger Freude an seinem Einkauf als derjenige der auf den Preis achtet. Niemand behauptet übrigens, die Wartezeit sei kurzweilig. Wer Unterhaltung will, muss am Finanzmarkt dafür bezahlen.

 

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5 Kommentare auf "Vier Prozent! Geschnitten oder am Stück?"

  1. nursongedanke sagt:

    … um die Wartezeit abzukürzen bieten sich ja auch Schlaftabletten an. Bei einem besonders unglücklichen Timing eventuell auch eine Überdosis. Dann kann er wenigstens bis zum jüngsten Gericht mit Kostolany dessen Schwachsinnsrat ausdiskutieren.

  2. Finanz-News sagt:

    Super Artikel, der mit einer herrlich ironischen Art und Weise das aktuelle Geschehen und die „Blindheit“ mancher Anleger perfekt widergibt! Super, mehr davon!

    Viele Grüße

    Dieter

  3. MFK sagt:

    Die Marktrisikoprämie, also die Überrendite von Aktien gegenüber langlaufenden Anleihen wird in der Tat von vielen Investoren überschätzt. Die Aktienlobby tut das ihrige, um Anleger in falscher Sicherheit zu wiegen. Als Beispiel mag ein Zitat aus dem Credit Suisse Global Investment Returns Yearbook 2015 diene . Dieses weist unter Berufung auf Untersuchungen der Professoren (London Business School) Dimson, Marsh, Staunton die folgenden Überrenditen von Aktien gegenüber langlaufenden Anleihen Bonds) für die Bundesrepublik Deutschland aus (S. 44):
    1900-2014: 4,6%
    1965-2014: 0,1%
    2000-2014: -6,0%.
    Es ist müßig, darauf hinzuweisen, dass die hohe Überrendite bei 100-jähriger Betrachtung durch Sondereinflüsse (Krieg, Wiederaufbau, Hyperinflation) zustande gekommen ist.

  4. Lickneeson sagt:

    “ Warum viele Menschen das immer noch für gar nicht soviel halten, und davon ausgehen, dass sei doch über einen Zeitraum von 30 Jahren eine sichere Sache, ist schwer zu sagen.“

    Wer noch nie eigenständig ein echtes Depot geführt hat, kann nicht erahnen wie schwer es ist nicht nur einmal 5% Jahrerendite zu machen, sondern beständig um oder über dieser Marke zu bleiben. Viel leichter ist es natürlich mit einem virtuellen, bzw. Demoaccount. zu „arbeiten“ und ständig mit Hot Stocks 100 % u. mehr zu machen.

    Aber da sich scheinbar immer noch 95 % der Deutschen lieber mit Autos, Handy und Twittergdödel beschäftigen, wird sich an dem Realitätsverlust und hirnlosen Renditewünschen auch nichts ändern. Leider. Da hilft auch ein „Mini Dax“ nichts, der scheinbar im Gespräch ist.

    Wie so oft ein „süffisanter Artikel“, informativ und breit grinsend zu lesen!

    Der Gewinn liegt im Einkauf – so einfach wie wahr.

    MfG

  5. RealTerm sagt:

    Ja, ja, das mit der Langfristigen Performance von Aktien ist so eine Sache…

    So war es ziemlich wurscht, ob ein Anlger vor 45 Jahren den (nachträgliche zurgerecheneten/erstellten) DAX ins Depot gelegt hätte oder für das gleiche Geld einen Golbarren in den Tresor, das Vermögen in Euro heute ist trotz aller bezahlten Dividenden und trotz des jüngsten „massiven Goldpreisverfall“ das gleiche.
    Es hat doch was Faszinierendes, dass es langfristig gleichgültig sein kann, was man mit seinem Geld macht. Die Kunst ist, den Zyklus zu erkennen, in dem wir uns befinden, und der spricht seit 2000 und heute immer noch gegen Aktien … (wenn ich denn recht behalte)

    http://www.realterm.de/images/DAXinGold_max.png

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