Viel würfeln hilft viel

19. Juli 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Planung ist wieder groß in Mode. Von der Bildung über die so genannten Kultur bis hin zur Wirtschaft ist die Planung wieder da. Planung sieht gut aus, erweckt den Eindruck systematischer Herangehensweise und riecht nach Arbeit. Die Sache hat nur einen Haken. Sie funktioniert nicht.

Der Mensch mag es gerne einfach und sicher. Ursache A hat Wirkung B und Wirkung C lässt sich auf Ursache D zurückführen. Einige haben einmal im Leben ein Buch über Chaostheorie gelesen oder wissen wer Mandelbrot war, der Ausflug in diese Welt bleibt aber ein Ausflug. Im Alltag und im Berufsleben bleibt man jedoch lieber in der linearen Welt.

In der linearen Welt fühlt der Mensch sich wohl, weil die Veränderungen nicht sprunghaft und schwer zu greifen sind. Kleine Veränderungen haben kleine Auswirkungen, alles verläuft in kleinen Schritten. Wer einen Schritt in die falsche Richtung geht, kann dies korrigieren. Dummerweise hat das echte Leben und die reale Welt nicht nur sanft ansteigenden und abfallende Hügel sondern ab und zu ist es neblig und mitten auf der eben noch harmlos wirkenden Almwiese tut sich ein Abgrund auf oder es ragt eine senkrechte Steinwand in den Himmel.

Auf den Finanzmarkt übertragen ist diese Nichtlinearität in etwa folgendermaßen zu erklären. Ein System, das auf Lebensversicherungen besteht, funktioniert möglicherweise eine ganze Weile. Wenn es nicht mehr funktioniert sinkt die Auszahlung der Versicherten jedoch nicht von 100% auf 95%. Es gibt möglicherweise gar keine Auszahlung. Eben war das Haus noch da, dann hat fünfzig Sekunden die Erde gewackelt und das Haus und alles was darin war ist nur noch Schrott. Eben hat man noch die Tomaten im Garten gegossen und plötzlich meint irgendein Verrückter seine Politik mit F-16 durchzusetzen. Tomaten weg, Haus weg, Menschen weg. Ebenso traurig wie linear.

Das bedeutet zum einen, dass es eine gute Idee ist, das Leben zu genießen. Ein chinesisches Sprichwort bringt es auf den Punkt: Sei froh wenn Du in langweiligen Zeiten lebst. Langeweile ist linear und diese Linearität hat durchaus ihre Vorteile.

Für die profane Welt der Geldanlage bedeutet dies, nicht auf niedrige Risiken zu vertrauen, weil man sich in den letzten 30-Jahren daran gewöhnt hat. Das ist kein Grund zum Verzweifeln, denn Nichtlinearität hat nicht nur negative Seiten, ganz im Gegenteil. Apple oder Amazon-Aktionäre sowie die frühen Käufer von bitcoins und Co blicken sicher ganz anders und viel zufriedener auf die nichtlinearen Preisveränderungen ihrer Papiere zurück als diejenigen, die 1987 ihr Portfolio verdampft haben. Die Kunst ist es, das zu erreichen, was man Konvexität nennt. Sehr große Chancen mit begrenztem Risiko.

Quelle: N.N. Taleb

Solche asymmetrischen Chance-Risiko-Verhältnisse fallen nicht vom Himmel, man muss sie suchen. Hinsichtlich der üblichen „Berater“ die man oft eher Finanzverkäufer nennen sollte, ist der unbedarfte Kunde gut beraten sich folgenden Satz zu merken:

Vorsicht vor Beratern, die Ihnen sagen was sie zu tun haben, wenn das was sie tun sollen angeblich gut für sie ist während es gleichzeitig aber dem Verkäufer einen direkten Nutzen bringt, dieser aber kein Risiko eingeht.

Jemand der anderen etwas gegen Provision verkauft und kein Risiko dabei eingeht, hat kein skin in the game wie es so treffend in englischer Sprache heißt. Für sich selbst hat dieser Verkäufer ein schönes Chance-Risiko-Verhältnis geschaffen. Da sie als Kunde aber auf der anderen Seite dieses Geschäftes stehen, halten Sie in der Regel das kurze Streichholz in der Hand. Manchmal brennt dieses Hölzchen sogar.

Ein einfaches solches Modell ist der Verkauf eines lang laufenden Riester-Vertrages, der dem Verkäufer eine Provision einbringt obwohl es ihm nicht direkt schadet, wenn dieses Produkt für den Kunden nicht sinnvoll oder zu teuer ist. Auch aus der Welt der Versicherungen kennt man diesen Ansatz. Wenn man es genau durchrechnet kommen hier inklusive versteckter Gebühren schnell deutlich mehr als 2% Gebühren pro Jahr heraus. Eine solche Belastung ist in vielen Situationen mit den Worten „Eisenkugel am Bein“ noch sehr schmeichelhaft beschrieben.

(Welt.de, April 2016) Perfide ist, dass die Versicherer trotz schlechter Verrentungen nun noch neue Kosten erheben wollen.
Axel Kleinlein,Vorstand des Bundes der Versicherten

Der beste Weg sich gegen so etwas zu schützen ist es, sich Grundkenntnisse in den Bereichen zuzulegen, in denen es sich langfristig lohnt. Die Geldanlage gehört zu diesen Bereichen. Es macht wesentlich mehr Sinn, für ein saubere Daten oder einen wirklich unabhängigen Dienstleister, der für Ihnen für einen klar definierten Betrag Wissensvermittlung anbietet, Geld auszugeben, als für Provisionen, deren wirkliche Höhe und Auswirkungen nicht ohne Grund nebulös dargestellt werden.
Eigenverantwortung reduziert somit nicht nur die Kosten sondern kann auch Spaß machen.

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7 Kommentare auf "Viel würfeln hilft viel"

  1. Insasse sagt:

    „Eigenverantwortung reduziert somit nicht nur die Kosten sondern kann auch Spaß machen. “

    Hallo Bankhaus Rott,

    Optimismus ist doch etwas Schönes! 😉

    Ich bin mir allerdings ganz sicher, dass Sie mit dieser Aussage bei mindestens 95 Prozent der Leute keinen Blumentopf gewinnen. Wenn es um Finanzdinge geht, würde ich sogar auf 99 Prozent tippen. Die meisten Leute wollen für ihr Geld keine Verantwortung übernehmen. Das ist ihnen schlicht zu anstrengend, wo es doch schon so anstrengend war, es zu erarbeiten. Zudem werden sie vom System permanent von „Experten“ umsorgt. Selbst die Erkenntnis, dass diese Experten in den meisten Fällen nur Verkäufer sind, lässt in der Breite schwer auf sich warten. Von dieser Fahrlässigkeit der Leute lebt eine ganze Industrie nahezu risikolos.

    Aber wie heißt es so schön: Alles wird gut und wenns aus Schokolade ist. Vielleicht gilt das auch für die Eigenverantwortung…

    Schöne Grüße vom Insassen

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo Insasse,

      eine Veränderung von 99% auf 98% wäre doch immerhin schon doppelt so gut wie vorher!

      Der schwierigste Teil der Eigenverantwortung ist vermutlich, sich auch Fehler eingestehen zu müssen. Fehler sind normal, oder besser gesagt, waren sie mal normal. Da mittlerweile aber niemand mehr Fehler macht, würde man so geradezu zum Aussätzigen und müsste „unrein, unrein“ rufend durch die Stadt laufen. So ist das leider, wenn die Aussage „1+1=3“ als zwar nicht ganz korrekt aber in Anbetracht der Umstände und der Kindheit des Schülers als in Ordnung eingestuft werden kann, lässt sie doch ein hohes Maß an Kreativität erkennen und offenbart auch die Bereitschaft, starre Regeln zu hinterfragen. Letzeres ist ja derzeit auch ohne jegliches Wissen en vogue.

      Wir geben trotzdem nicht auf! Auch das macht Spaß 🙂

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

  2. Insasse sagt:

    „Wir geben trotzdem nicht auf! Auch das macht Spaß.“

    Hallo Bankhaus Rott,

    in Anbetracht des zu bewältigenden Sachverhaltes, nennen wir ihn zutreffend „Problem“, bewundere ich Ihre Einstellung. Ich hatte vor geraumer Zeit einmal ein ausführliches Gespräch mit einem Kollegen (= 37 Jahre, stammt aus NRW) zu diesem Thema. Seine Position im Allgemeinen: (Viel) Steuern zahlen ist super, da der Staat mit dem Geld besser umgehen kann als der Bürger. Im Speziellen: Für die eigene Verwaltung der (recht kleinen) Ersparnisse ist ihm die Zeit nach Feierabend zu schade. Die Frage, warum er völlig fremden Leuten in Gelddingen vertraut, konnte er mir nicht wirklich beantworten. Eigenverantwortung ist bei ihm nicht wirklich angesagt. Und er ist da bei Weitem nicht der Einzige. Die sozialistisch geprägte Sozialisierung hat weit um sich gegriffen. Und ich habe die starke Vermutung, dass sich daran aus eigenem Antrieb bei den Leuten auch nichts ändern wird. Trotzdem begrüße ich ausdrücklich, wenn Sie Ihre Bemühungen weiter so unterhaltsam und reich an Informationen fortsetzen. Steter Tropfen höhlt ja bekanntlich den Stein. 😉 – Dieser hier ist allerdings aus Granit.

    Schöne Grüße nochmals vom Insassen!

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo Insasse,

      ja, das Gefühl mit dem Granit haben wir auch manchmal. Aber Sie wissen ja, manchmal dauert es eben tausend Jahre 🙂

      Falls Sie schon mal einen Blick in die Zeit nach der Umsetzung der finalen Bildungsreform werfen wollen, die Seiten der Bundeswehr in „leichter Sprache“ müssten Ihnen gefallen.
      https://www.bundeswehrkarriere.de/leichte-sprache

      Ihnen einen schönen Abend
      Bankhaus Rott

      • Insasse sagt:

        Hallo Bankhaus Rott,

        1000 Jahre… Sie machen mir vielleicht Hoffnung!

        Zur leichten Sprache fehlen mir persönlich komplett die Worte (auch weil ich deren Grammatik nicht beherrsche). Aber dieser „Ansatz“ ist ein weiterer Beweis dafür, dass der Fisch am (politischen) Kopf anfängt zu stinken. Genau dort hat die Infantilverblödung, deren Ausfluss auch die „leichte Sprache“ ist, ihren Hauptsitz. Und jetzt werde ich mal „reaktionär“, bleibe aber immerhin in der Frageform: Kann es sein, dass es im Zuge der durch Quoten erzwungenen Gleichstellung und mit Blick auf die große Eile bei deren Umsetzung dazu gekommen ist, dass die Verantwortung nicht unbedingt an die erste intellektuelle Garnitur des gleichzustellenden Geschlechts übertragen wurde? Wenn man sich die entsprechenden Führungspersönlichkeiten in der vordersten Reihe der deutschen Politik so anschaut, spricht einiges für diese These. Auch und insbesondere Frau Merkel ist ja eine konsequente Vertreterin der „leichten Sprache“. 😉

        Na dann: Gute Nacht (im doppelten Sinne)!

      • JayJay sagt:

        Ich arbeite bei der Bundeswehr seit über 25 Jahren und das mit der leichten Sprache erschüttert mich, das war mir auch nicht bekannt.
        Aber im Grunde sollte es mich nicht überraschen, was ich hier in den Jahren bei der BW schon alles erlebt habe.
        Armes Deutschland und seine Biedermeierschläfer 2.0 🙁

  3. Nix sagt:

    Planung ersetzt auch nur den Zufall durch Irrtum.

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