Viel Deutung, wenig Konkretes

10. März 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Egal ob Migrationskrise oder Marktszenario, momentan sind viele Szenarien möglich… Der EU-Flüchtlingsgipfel verlief ohne nennenswerte Ergebnisse. Zumindest nicht in der Sache. Die Bundeskanzlerin wollte dies dennoch zunächst als „Durchbruch“ verstanden wissen, Stunden später dann eher doch nicht…

„Durchbruch“ nach Merkel-Art…

Dies ist geradezu symptomatisch für ihre immer weltfremderen Lageeinschätzungen. Selbst unser südliches Nachbarland ging die Kanzlerin zwischenzeitlich recht undiplomatisch an:

„Ich bin Österreich nicht dankbar. Ich fand es nicht glücklich, dass einseitige Entscheidungen getroffen wurden.“

Das sagt nun ausgerechnet jene Angela Merkel, die mit der Grenzöffnung „per Ordre de Mutti“, ja geradezu als die „Mutti aller einsamen Entscheidungen“ gelten muss. Dabei hätte sie durchaus Grund zur Dankbarkeit, denn es ist die Schließung der Grenzen im Osten und Südosten Europas, die den Zustrom nach Deutschland just im Vorfeld dreier wichtiger Landtagswahlen deutlich ausdünnt.

Was bei den Wahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt am 13. März zu erwarten ist, darauf lieferte die etwas widerwillige Berichterstattung zur hessischen Kommunalwahl vom vergangenen Wochenende schon einen Vorgeschmack: Die ungeliebte AfD lag stabil zweistellig bei rund 13%. Dabei ist gerade diese Partei, wie keine andere Merkels Baby – entstanden durch ihre rechtswidrige und völlig verfehlte Euro-„Rettungspolitik“, großgemacht durch eine wiederum rechtswidrige und geradezu irrsinnige Politik der offenen Grenzen.

Nun besteht weder das Volk aus lauter Nazis, noch ist es das Volk, das plötzlich übergeschnappt wäre, vielmehr erschließt sich die AfD ihr Wählerpotenzial vorwiegend aus den ehemaligen Wählern von CDU und SPD, die durch die Linksverschiebung des Koordinatensystems der Republik aus ihren Stammparteien weggeekelt wurden. Bis zum heutigen Tage dürfen Merkel, Maas, Schwesig & Co. als die aktivsten Wahlkampfhelfer der AfD gelten.

„MS Brüssel“

Die osteuropäischen EU-Staaten haben inzwischen ohnehin Fakten geschaffen und die Grenzen dichtgemacht. Die dortigen Völker haben es mehrheitlich offenkundig satt, dass deren Gesellschaften durch die moralistische deutsche Eigenmächtigkeit tiefgreifend verändert und letztlich umgebaut werden sollen. Ganz nebenbei erweist sich die EU als das, was sie immer war – eine reine Schönwetterveranstaltung.

Die dort agierende „Zweite Riege“ der Berufspolitiker ist Krisen, die nicht unmittelbar mit dem deutschen Scheckbuch „gelöst“ werden, nicht ansatzweise gewachsen. In einer Art Bunkermentalität hält allerdings Jean-Claude Juncker, Kapitän der havarierten „MS Brüssel“, weiter ostentativ zur fast völlig isolierten deutschen Kanzlerin – ohne Berlin ist schließlich auch sein Arbeitsplatz Geschichte.

Angst essen Seele auf

Die politische Gemengelage schwebt also wie ein Damoklesschwert über den Börsen und dabei geht es noch um wesentlich mehr als das Thema „Europa“. Dennoch hat die multiple Krise auch ihr Gutes. So betitelte der Vorstand der Star Capital AG, Peter E. Huber, den aktuellen Newsletter seines Hauses mit dem Fassbinder-Zitat „Angst essen Seele auf“ – und brachte es auf den Punkt.

Weil die Angst derzeit vorherrscht sind die Kurse gedrückt und bieten aus genau diesem Grund Chancen. Wir stehen also vor jener sprichwörtlichen „Mauer der Angst“, an der die Kurse im Regelfall gut emporklettern können. Dass Angst derzeit ein Thema ist, könne man laut Huber unter anderem an den Sentiment-Indikatoren, der Volatilität und den Zins-Spreads ablesen. Gerade mit Sentiment-Indikatoren gibt es jedoch ein kleines Problem, weil sie gerne herangezogen werden, um die eigene Marktmeinung zu bestimmen: „Ich bin optimistisch, weil ‘die anderen‘ pessimistisch sind“, lautet dann das Motto. Gerät dies aufgrund der Verbreitung solche Indikatoren zum Massenphänomen, dann ist Vorsicht angebracht. Wer hat es schließlich noch nicht erlebt, dass sich bei einem Gespräch alle einig waren, dass die Märkte steigen müssen, weil die Stimmung so schlecht sei.

Zu den Märkten

Nichtsdestotrotz könnte die gedrückte Stimmung letztlich nun doch den Ausschlag in der aktuell noch immer indifferenten Marktsituation geben, die wir in den letzten Wochen ausführlich beschrieben haben. Zoomen wir aus dem Bild der Vorwochen heraus, dann sehen wir, dass der Aufwärtstrend seit 2009 erfolgreich getestet wurde.

2016_03_09-DAX

Das Szenario „rot“ (Schulter-Kopf-Schulter) ist zwar weiter möglich, erscheint uns inzwischen aber unwahrscheinlicher, weshalb es nun nicht mehr ganz gleichberechtigt eingezeichnet ist. Ergänzt man den 2009er Aufwärtstrend zu einem Kanal, dann würde sich im optimistischen Fall ein erhebliches Kurspotenzial eröffnen, das dann auch neue Allzeithochs umfasst und mit der nächsten Stufe des liquiditätsgetriebenen Crack-up-Booms kompatibel wäre.

Geldpolitische Signale

Im aktuellen Smart Investor sprachen wir mit Maximilian zu Sayn-Wittgenstein von der Vermögensverwaltung 1st Capital Management Group über sein mathematisches Modell zum Verhalten der Notenbanken (S. 51). Mitte Februar leitete er daraus eine deutliche Skepsis für die Märkte ab. Denn die EZB hatte den Märkten zuvor deutlich mehr Liquidität zugeführt, als es die gegenwärtigen Ankaufprogramme vorsehen. Demnach hätte Mario Draghi die Märkte in den kommenden Monaten tendenziell enttäuschen müssen – mit entsprechend negativen Folgen für die Börsen.

In der Zwischenzeit haben sich laut Sayn-Wittgenstein jedoch die Parameter entscheidend verändert. Vor allem durch deutlich niedriger als erwartete Inflationsraten in der Eurozone gibt das Modell von 1st Capital mittlerweile von der gelpolitischen Seite statt einem negativen Signal eher einen neutrale Ausblick. Denn um den selbst gesetzten Inflationszielen (2% bei der EZB) nachzukommen, dürfte die Geldpolitik nun noch einmal deutlich lockerer ausfallen. Womit ein positives Überraschungsmoment für die Marktteilnehmer verbunden sein könne.

Fazit

Sowohl politisch als auch an Märkten stehen wir noch immer vor wichtigen Entscheidungsmarken. Umso mehr gilt es daher, die Schritte der Hauptakteure (Spitzenpolitikern, Notenbanken) richtig zu deuten.

© Christoph Karl und Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

 

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