Verzweifelt gesucht: Deflation

13. November 2009 | Kategorie: Kommentare

von Frank Meyer

Ach, es ist schon wieder so heiter da draußen. Jeder Experte fabuliert von einer Deflation. Wenn alle davon sprechen – na, Sie wissen schon, fliegt um die Ecke direkt ein schwarzer Schwan. Vor einer Inflation müsse man sich jetzt nicht fürchten, heißt es. Man sichtet überall sinkende Preisen und schaut komisch um sich, wenn nach der Herkunft dieses Effekts fragt. Dann schauen die Fachleute so, als ob die in der Kirche gerade eine Opferkerze gestohlen haben..

Deflation bedeutet aus monetärer Sicht ein Absinken der Geldmenge mit der Folge, dass dann auch die restlichen Preise fallen. Merken Sie das auch? Da ich gegenüber einem Supermarkt wohne, ist das Jauchzen und Frohlocken schon unerträglich geworden. Sinkt der Milchpreis um sagenhafte 10 Cent, ist vor der Tür die Hölle los. Nun gibt es sicherlich Leute, die trinken am Tag 100 Liter Milch, um 10 Euro zu sparen, um sich dann von der „Ersparnis“ einen neuen Flachbildschirm finanzieren zu lassen. Naja, es muss wohl am Gammelfleich liegen. Nicht umsonst versteht man unter „Investitionen in die Bildung“ das Anstreichen von Schulen statt das Einstellen von neuen Lehrern.

Sinkt die Geldmenge wirklich? Sie wächst zumindest nicht mehr so stark wie vor etlichen Monaten. Die Folge sind die Schwierigkeiten im Kreditsystem, von denen in der Zeitung steht. Deflation gab es vielleicht in den Anlagepreisen, aber im normalen Alltag? Hauspreise, Aktienkurse und andere Anlagen mögen preislich jetzt niedriger stehen als im letzten Jahr, doch was hat das mit dem täglichen Leben der Bevölkerung zu tun?

In den USA kommt Wachstum der Geldmenge M3 zurück, doch die Geldmenge weitet sich weiter aus. Offiziell hat man die Bekanntgabe dieser wichtigen monetären Größe aus Gründen der Kosten eingestellt. Doch die Notenbank kümmert sich ja darum. Da muss man keine Sorgen tragen.

Schrumpfende Geldmengen und Deflation sind der Horror von jedem Notenbanker. Fragen Sie mal Ben Bernanke. Er hat das studiert und weiß sicherlich Rat. Bei Gefahr: einfach Geld drucken…

Auch in Europa kann von einer kleineren Geldmenge nicht wirklich die Rede sein. Sie wächst weiter an, wenn auch nicht mehr so stark wie vor einigen Monaten. Im Vergleich zu Juni 2008 stiegt im Euroland die Geldmenge M3 um 3,7 Prozent nach 4,9 Prozent im April. M3 umfasst Bargeld, Einlagen auf Girokonten, kurzfristige Geldmarktpapiere sowie Schuldverschreibungen bis zu zwei Jahren Laufzeit.

Wenn die Preise sinken, müssten man davon ja etwas mitbekommen haben. Wer hat in den letzten Monaten eine Mietsenkung erhalten? Wer bezahlt weniger für Krankenkassen, Rentenversicherung und den Rest der Sozialsysteme? Wo gibt es wirklich fallende Preise außer denen zwischendurch mal an den Finanzmärkten? Ich weiß es nicht. Die Damen mögen sich in der Welt der Schuhmode auskennen….

Nun, da ich ja nicht unbedingt ein Kind von Traurigkeit. Deshalb schaue ich mich auch in Frankfurt um. Einen Äppler im Freien zu genießen, hat schon etwas an einem Abend bei 25 Grad im Schatten. Gegenüber der alten Oper in Frankfurt sitzt man dann mit einem Freund und fragt sich, was die Zukunft wohl so alles mit sich bringen könnte und zischt dabei ein Hefeweizen für 4,80 EUR. Doch dem Äppler gebührt heute der Pokal der Preisstabilität unserer EZB…

5,10 Euro (10 Mark) für einen Schluck Apfelwein mit Mineralwasser, inklusive einem unaufmerksamen und vor allem überforderten Kellner, der dafür mindestens eine Stunde lang diese Getränke schleppen muss – brutto, versteht sich.



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