Very Down Under, Australiens Abstieg

21. Juli 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Das konnte wirklich niemand kommen sehen! Dreißig Minuten lang raste der Fahrer bei dichtem Nebel mit Tempo 180 stur geradeaus über die Straße. Es ging flott voran und die Erfahrungen der letzten halben Stunde sprachen dafür, genauso weiterzumachen. Dann kam die Kurve…

Das Kontrollieren der Bewegungsrichtung durch den Blick in den Rückspiegel ist an den Finanzmärkten wesentlich beliebter als auf der Autobahn. Passiert dann ein Finanzunfall, wird rückwirkend rasch das Auftauchen der Kurve als allgemein sehr überraschend dargestellt. Dies gilt natürlich nur für die Autobahnen bestimmter Länder, daher gibt es keinen Grund andernorts den Fuß vom Gas zu nehmen.

An den Finanzmärkten bekommen diejenigen Probleme, die ständig nach einem einzelnen Ereignis als Ursache für eine bestimmte Kursbewegung suchen. Der grundsätzliche Irrtum besteht in der Annahme, der Markt hangle sich nur von einem wichtigen Ereignis zum nächsten und der Kurs würde dieses Ereignis sofort widerspiegeln. Die Vorgänge am Markt sind aber längerfristige Prozesse. Eine Überbewertung baut sich nicht über Nacht auf. In Bullenmärkten interessieren schlechte Nachrichten kaum, in Bärenmärkten ist es umgekehrt. Auch ein Kursanstieg über mehrere Jahre hat selten nur eine Ursache. Möglicherweise sind es zu Beginn nicht mehr so stark wie erwartet fallende Erträge, die die Stimmung positiv beeinflussen. Gegen Ende eines langanhaltenden Bullenmarktes werden die Anteilsscheine meistens schlichtweg teurer, eine Entwicklung für die der harmlos klingende Begriff „PE-Expansion“ geprägt wurde. Auf deutsch bedeutet dies lediglich, dass ein Anleger für jeden Euro Gewinn mehr bezahlt. Aber das klingt dann nicht so schön nach wohlüberlegtem Verhalten.

Das kann uns nicht passieren

Die verschiedenen Einflussfaktoren, darunter natürlich auch die kumulierte Reaktion der Anlegerschar mit all ihren Emotionen, führen dazu, dass gerade das Timing der Kern der Kunst des Investierens ist. Viele erzählen derzeit genau das Gegenteil, was in einem so ausgeprägten Bullenmarkt nicht ungewöhnlich aber dennoch falsch ist. Fragen Sie mal Aktiensparer, die 30 Jahre lang in griechische, portugiesische oder andere unter die Räder gekommenen Märkte investiert haben, was sie vom vermeintlich narrensicheren „buy and hold“-Ansatz halten. Natürlich kann so etwas in vermeintlich entwickelten Regionen nicht passieren, die anderen sind halt nur zu blöd.

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Während wohl die wenigsten wissen, wann genau welches Ereignis eintreten wird, so bahnen sich viele große Entwicklungen auf dem Finanzglobus  frühzeitig an. Ein Beispiel ist der ökonomische Niedergang, der sich gerade in Australien abspielt. Dieser hatte sich schon vor Jahren abgezeichnet. Seither geht es mit der australischen Wirtschaft Schritt für Schritt bergab. Die Zinsen gehen den gleichen Weg, die Währung ebenfalls. Der bereits begonnene Investitionsstopp der Bergbaufirmen, die Entlassungen und die in guten Zeiten aufgetürmte Kreditlast der Konsumenten  werden dem Kontinent in den kommenden Jahren erst einmal den Rest geben.

Rascher Einbruch der Investitionen

Derzeit erwartet auch die australische Statistikbehörde bis 2017 einen Rückgang der Investitionen im Bergbausektor um 90%. Weltweit wird ein Rückgang von mehreren hundert Milliarden Dollar erwartet. Ohne neue Projekte und durch die Stillegung bestehener Förderanlagen sieht die Lage am Arbeitsmarkt auch wesentlich schlechter aus, als viele gedacht hätten. Auch dieser Trend hat vor Jahren begonnen. Er wurde nur ignoriert.

Für die Bergbauunternehmen gibt es angesichts des Eigenkapitalmangels und der wachsenden Hürden für die Aufnahme weiterer Kredite keine Alternative. Lediglich der Verkauf von Minen oder Royalties bietet sich an. Das wissen allerdings auch die wenigen interessierten Käufer, die jetzt alle Zeit der Welt haben. Das ist übrigens normales Verhalten und keine Bösartigkeit, wie der eine oder andere Ex-AStA-Kassenwart in seinem unermesslichen Ratschluss glauben scheint. Die Eisenerzförderer verkaufen ihre Rohstoffe bei Engpässen bekanntlich auch nicht zum Selbstkostenpreis. In den kommenden Jahren wird sich zeigen, welcher Firmenboss den Großmachtsüchten nicht nachgegeben hat und die Krise mit einer gesunden Bilanz übersteht.

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Auch für Australien sind die fiskalisch rosigen Aussichten vorbei. Einzig China hielt in den letzten Jahren die Fahne der Importeure noch aufrecht. Auch dort allerdings ist der Magen gerade gut gefüllt. Ein deutlicher Einbruch wird schmerzhafte Folgen für das Steuersäckel nach sich ziehen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die nächsten Brandherde, die sich in Australien auftun werden, sind der Immobilienmarkt und natürlich der massiv gewachsene Bankensektor. Wer davon ausgeht, die Kreditausfallraten würden in einer ernstzunehmenden Rezession auf dem niedrigen Niveau verharren, sollte noch einmal darüber nachdenken. Angesichts des gehebelten Geschäftsmodells der Banken wird eine Rezession sofort deutliche Spuren in den Bilanzen hinterlassen. Von derzeit zwar nicht niedrigen aber nicht extrem hohen Kurs-Gewinn-Verhältnissen sollte sich daher niemand blenden lassen.

Auch der australische Anleihemarkt war in den letzten Jahren nicht zu bremsen. Man konnte wie auch andernorts so ziemlich alles verkaufen. Die Illiquidität mancher Emissionen ist dabei sprichwörtlich. Wie Calls sollte man auch seine australischen Bonds besser in einen Anstieg hinein verkaufen. Wenn es rutscht ziehen sich die Bids schnell ins Schneckenhaus zurück. Man achte auf die Skala der Grafik, die platzierten Summen sind kein Pappenstiel.

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Für Investoren, die länger an Bord waren, hält sich der Schmerz bisher in Grenzen. Ob es dabei bleibt, haben die Anleger selbst in der Hand. Denn langsam geraten die größeren Bausteine down under in Bewegung. Für die Minen gilt für uns weiterhin, was wir 2013 schrieben:

In guten Zeiten wird im Bergbau viel über Reserven und strategische Projekte gesprochen. In harten Zeiten kann man sich von den Reserven nichts kaufen und die Pläne der Vergangenheit kosten Milliarden in der Gegenwart. In diesen Zeiten zählt nur Cash.

Diese harten Zeiten sind jetzt. Das gilt sowohl für die Minen, einige Aktien zeigen mittlerweile die ersten Anzeichen von Kapitulation, als auch für Australien und andere Rohstoffländer.Vielleicht heißt es ja in ein paar Jahren ausnahmsweise mal: Das konnte aber wirklich niemand nicht kommen sehen. Dann wäre schon viel erreicht. Träumen darf man ja.


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Zum Nachschlagen für Interessierte hier einige frühere Artikel zu den Themen Minen und Australien

Dezember 2014 Rutschpartie am Ayers Rock

Oktober 2014 Großreinemachen bei den Minen

Oktober 2013 Keine Entwarnung bei den Minen (I.)

Dezember 2013 Keine Entwarnung bei den Minen (II.)

März 2015 Nur noch eine Cocktailkirsche, dann ist Schluss

Januar 2015 Der frühe Vogel fährt das Risiko zurück

Oktober 2013 Absehbare Schieflage

 

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4 Kommentare auf "Very Down Under, Australiens Abstieg"

  1. Skyjumper sagt:

    Nein, das konnte wirklich niemand vorhersehen. Das ist ganz unverschämtes Glück dass das Bankhaus Rott das vorherspekuliert hat 🙂

    Genauso wie die amerikanische Fördereuphorie. Eigentlich konnte es nur aufwärts gehen mit dem abwärtsbohren nach Öl und Gas. Und jetzt das. Die letzten paar Bohrtürme wanken mit Wind. Der Sturm der fallenden Preise hat auch hier mittlerweile nur noch gut 800 Türme stehen lassen ……… von einst 2.000. Aber das konnte man nun wirklich nicht ahnen. Okay, ausser dem Bankhaus Rott natürlich. Bestimmt manipulieren die alles.

  2. Wolfgang sagt:

    Mann, seid Ihr cool hier. Beneidenswert. Dann sagt mir doch mal bitte, wie lange die Durststrecke anhalten wird. Was für Australien gilt, gilt ja sicher auch für Brasilien, oder? Ich hätte gern gewusst, wann’s wieder aufwärts geht! Immer nur abwärts geht doch auch nicht oder müssen wir erst mal vergessen, dass es auch aufwärts gehen könnte .. erst dann ist mit ner Wende zu rechnen?? Macht mir bitte Hoffnung!!

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo Wolfgang,

      wir sind weder cool noch wissen wir wann die Probleme enden. Derzeit läuft die zwar unschöne aber normale Sequenz an. Auf massive Überinvestitionen folgen ausbleibende bzw. zu stark rückläufige Cash Flows. Die Schwierigkeiten bei Arbeitsplätzen und in den Bankbüchern fangen gerade erst an. Auch in anderen Ländern wirken sich die fallenden Rohstoffpreise negativ aus, wichtig ist ob der Sektor und die entsprechenden Sektoren einen nennenswerten Anteil an der gesamten Wirtschaft haben. Eine Menge hängt zudem vom gesellschaftlichen Gesamtgefüge ab. Ist dieses instabil wie etwa in Südafrika, kann die Lage schnell schwer kontrollierbar sein. Dann hat man natürlich noch üblere Probleme als in Australien.

      Aufwärts und abwärts ist eine Frage der Perspektive. Fallende Rohstoffpreise sind gut für die Käufer von Rohstoffen. Für die Verkäufer nicht. Bei Währungskursen wird es noch deutlicher: Fällt der Austral-Dollar gegen den US-Dollar oder den Euro, dann steigen die letztgenannten. Alles nur eine Frage der Notation. Auch fallende Aktienkurse werden gerne als „schlecht“ bzw. die Vermutung, dass sie fallen könnten als „pessimistisch“ bezeichnet. Das halten wir für falsch, es orientiert sich bestenfalls am Investoren-TV oder an Börsen-Blättchen. Warum sollte es gut sein, wenn man für einen Unternehmensanteil mehr bezahlen muss? Alles eine Frage der Perspektive. Auch diese Medaille hat zwei Seiten.

      Beste Grüße und einen guten Wochenstart
      Bankhaus Rott

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