Verstrahlt

15. März 2011 | Kategorie: Aufgelesen

von Joachim Goldberg (Blognition)

Als uns am vergangenen Freitagvormittag die dramatischen Bilder vom Erdbeben und dem Tsunami in Japan erreichten, rechneten zu diesem Zeitpunkt wohl die allerwenigsten damit, dass es auch noch zu einem atomaren Gau kommen würde. Aber aus großer Distanz konnten wir dann später zusehen, wie es zu Explosionen im Atomkraftwerk Fukushima kam und weißer Qualm aufstieg – ein schlechtes Zeichen.

Denn Wasserdampf bedeutet, dass sich im Innern des Hochdruckreaktors vermutlich eine Kernschmelze ereignet. Im Gemüseladen hörte ich am Samstagmorgen eine ältere Frau murmeln: „Das ist ja zum Glück alles weit weg von hier – Tschernobyl war damals näher“. Klassischer Fall eines Verfügbarkeitsirrtums.

Doch so fern ist die Katastrophe in Japan für uns gar nicht. Denn während man dort Hunderte von Menschen aus der Umgebung der Atomkraftwerke in Sicherheit brachte, wurde hier die Diskussion über die vor kurzem beschlossene Laufzeitverlängerung für hiesige AKWs von neuem entfacht. Ich bin kein Kernphysiker und kann daher nicht beurteilen, ob man darauf vertrauen darf, dass hierzulande selbst bei einem schweren Erdbeben die Stromversorgung und damit die Kühlung in den Atommeilern niemals unterbrochen wird.

Auch weiß ich nicht, wieweit man den Betreibern der Anlagen glauben kann, wenn sie versichern, alles Mögliche unternommen zu haben, um im Ernstfall eine vergleichbare Katastrophe wie die in Japan zu verhindern. Doch fühle ich mich momentan an die Finanzkrise der vergangenen Jahre erinnert, aus der man damals, noch unter dem Schock der Lehman-Pleite, wichtige Konsequenzen ziehen wollte, damit sich Derartiges nie wieder ereigne. Tatsächlich haben wir aber gesehen, dass mit der Erholung der globalen Finanzmärkte der Druck, tatsächlich etwas zu verändern, rapide abgenommen hat.

Ähnliches ist auch als Folge der atomaren Unfälle in Japan zu erwarten. Unter dem Schock der Ereignisse wird jetzt eine Diskussion wieder aufgenommen, die zwar unter Experten intensiv geführt worden war, in der Öffentlichkeit aber kaum jemals stattgefunden hat. Zynisch könnte man sagen: weil alles so weit gut lief und kein größerer Störfall die Gemüter erregte. Im Gegenteil: Angesichts steigender Energiepreise und möglicher Ölknappheit war selbst mancher kritische Kopf bereit, atomare Risiken auszublenden. Auch mit dem Hinweis darauf, dass ein Verzicht auf Atomkraft nur dann sinnvoll sei, wenn die anderen Länder um uns herum mitziehen würden.

Das Thema „Atom-Ausstieg“ wird uns also bestimmt in den kommenden Wochen beschäftigen. Dummerweise stehen dabei in Baden-Württemberg auch noch Landtagswahlen an. Man kann den dortigen CDU-Generalsekretär Thomas Strobl fast verstehen, wenn er mit den Worten zitiert wird, es dürfe „keinen Wahlkampf auf dem Rücken der Opfer dieser Katastrophe geben“. Das wirkt moralisch einwandfrei, vor allem vor dem Hintergrund der dramatischen Bilder aus Japan, die den ganzen Tag lang bei den Nachrichtensendern ausgestrahlt werden. Aber schon wieder menschliche Schutzschilde, an denen jede weitere Nachfrage abprallen soll?

Das erinnert fatal an das Manöver von Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg, der die in Afghanistan getöteten deutschen Soldaten ins Feld führte, um seine Kritiker zum Schweigen zu bringen. Mit einem Unterschied: Im Gegensatz zu damals ist die „Position“, der Einsatz, das Commitment ungleich höher. Guttenbergs fehlende Fußnoten waren eben nur der Gau in seiner strahlenden Selbstinszenierung.

In beiden Fällen aber zeigt sich: Wer davor warnt, die Opfer für politische Zwecke zu instrumentalisieren, begeht genau den Missbrauch an ihnen, den er anderen vorwirft. Das gilt auch für jene Mahner, die sich jetzt auf die japanische Katastrophe berufen, um für einen Wiedereinstieg in den Atom-Ausstieg zu plädieren. Damit die vielen Toten, die vielleicht infolge des Reaktorunglücks ihr Leben lassen müssen, nicht umsonst gestorben sein werden.

via Verstrahlt | blognition.de.

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