Versteuert?

22. Februar 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Steuern können ja so ungerecht sein. Welche Steuern? Alle. Mal treffen sie die Reichen, mal die Armen, mal die Reichen und die Armen zusammen. Jetzt geht es den Reichen wieder einmal an den Kragen – ein weiterer Steuerhinterzieher-Skandal. Na ja, zumindest denen unter den Reichen, die zu lange geglaubt haben, im Ausland sei ihr Geld vor dem deutschen Fiskus sicher und deshalb müssten sie es nicht versteuern. Pech gehabt, ebenso wie die vielen vor ihnen waren sie einfach zu naiv und werden bald dafür bestraft.

Aber was heißt schon ungerecht? Es ist der alte Verteilungskampf: Staat gegen Steuerzahler, Lobby hier, Lobby da, linke Politiker wollen einen hohen Spitzensteuersatz, die anderen sind dagegen, und das alles bei den sieben Arten der Einkommensteuer. Eine von ihnen ist die Steuer auf Kapitaleinkünfte – ein großes Wort, aber sie gilt dummerweise auch für viele Kleinanleger. 801 Euro pro Person und Jahr sind als Sparerpauschbetrag steuerfrei, was darüber hinaus geht, muss versteuert werden.

Von Systematik kann schon lange nicht mehr die Rede sein. Dazu ein Beispiel, das der Fondsverband BVI zuletzt präsentiert hat: Angenommen, eine Aktiengesellschaft erwirtschaftet einen Gewinn von 100 Euro je Aktie. Davon gehen jeweils 15 Prozent an Körperschaft- und an Gewerbesteuer ab, sodass 70 Euro für die Zahlung der Dividende übrig bleiben. Auf diese 70 Euro müssen Aktionäre, die den Sparerpauschbetrag ausgeschöpft haben, 26,4 Prozent Abgeltungsteuer und Soli zahlen. Damit bleiben ihnen nur noch 51,52 von ursprünglich 100 Euro.

Die Gegenrechnung mit Zinsen aus Anleihen sieht so aus: 26,4 Prozent Abgeltungsteuer und Soli auf Zinsen in Höhe von 100 Euro ergeben 73,60 Euro. Das sind 22,08 Euro mehr als im Dividendenbeispiel. Also ein klarer Fall von Bevorzugung der Anleihe und Diskriminierung der Aktie. Wer regt sich darüber wirklich so richtig auf? Fast niemand. Hinzugefügt sei noch, dass auch Kursgewinne von der Abgeltungsteuer betroffen sind, und zwar für Aktien, Anleihen, Fonds und sonstige Wertpapiere, die seit 2009 gekauft wurden.

Im Begriff Kapitaleinkünfte ist das Wort Kapital enthalten. Das gehört vornehmlich den Reichen, also sollen die im Sinn von mehr Gerechtigkeit den Armen möglichst viel abgeben. Da trifft es sich gut, dass der bienenfleißige Franzose Thomas Piketty „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ geschrieben hat, ein mit unglaublich vielen Daten gespicktes Buch, das die Bestsellerlisten raufgeklettert ist. Pikettys Kernthesen lassen sich wie folgt auf den Punkt bringen:

Das Einkommen der Menschen ist ungleich verteilt. Deshalb können nur die Reichen durch Sparen Vermögen bilden. Da die Kapitalrendite höher ist als der jährliche Anstieg des gesamten Volkseinkommens, steigt der Anteil der Reichen am Einkommen und Vermögen fortwährend. Und weil immer mehr Vermögen vererbt wird, kommt es zur Vermögenskonzentration, die zusammen mit dem Auseinandergehen der Einkommen von Arm und Reich letztendlich eine Gefahr für die Demokratie heraufbeschwört.

Ach du liebes Geld!

So weit Pikettys Makrokosmos. Derweil regt sich im Mikrokosmos des deutschen Steuergesetzgebers schon etwas, wofür Piketty unfreiwillig die Blaupause liefert: Die Abgeltungsteuer soll in der nächsten Legislaturperiode geändert werden, wie am Rande der erwähnten BVI-Veranstaltung zu erfahren war. Grundsätzlich bestehen dazu zwei Möglichkeiten: Eine Erhöhung, wie sie schon einmal SPD-Mann Peer Steinbrück vorgeschlagen hat, oder die Abschaffung und stattdessen die Besteuerung aller Zinsen, Dividenden, sonstigen Erträge und Kursgewinne privater Anleger mit dem individuellen Steuersatz.

Die Argumentation der linken Ideologen geht ungeachtet der aktuellen Doppelbesteuerung von Aktien so: Die Abgeltungsteuer sei wegen ihres niedrigen Prozentsatzes eine schreiende Ungerechtigkeit, denn Kapitaleinkünfte würden geringer besteuert als die Einkünfte von Durchschnittsfamilien aus beruflicher Tätigkeit. Das müsse geändert werden. Dass Kapitaleinkünfte aus bereits versteuertem Geld stammen, wird dabei gern unter den Tisch fallen gelassen. Und wie steht es um die Differenzierung zwischen Reichen, die getrost etwas abgeben könnten, und dem Rest der Republik, dem ein hoher Freibetrag – etwa zur besseren Altersvorsorge – zu gönnen wäre? Nichts dergleichen, Kapital, zumal Aktienkapital, ist aus Ideologensicht böse, basta.

Wir haben es hier mit einem extrem komplexen Problem zu tun, dem das Herumfummeln an der Abgeltungsteuer überhaupt nicht gerecht wird: Welche Finanzprodukte sind in Zukunft wie zu versteuern? Sollen Anleihen gegenüber Aktien weiterhin privilegiert werden? Ist damit nicht schon das Ende des letzten Rests von Aktienkultur gekommen? Soll die individuelle Altersvorsorge zugunsten bürokratischer Monster wie der Riester-Rente bestraft werden? Fragen über Fragen, die in der nächsten Legislaturperiode, wenn der Anteil der Rentner unter den Einkommensbeziehern wieder etwas höher sein wird als heute, zur Beantwortung anstehen. Piketty dürfte dann sicher noch mehr Fans als heute haben.
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3 Kommentare auf "Versteuert?"

  1. Helmut Josef Weber sagt:

    Ich weiß, ich schreibe das hier zum xten Mal.
    Denn ich frage mich immer wieder, warum denn dann so wenige Menschen in das „Unkaputtbare“ investieren, das seit Jahrtausenden seinen Wert behalten hat, keiner Besteuerung (gleich welcher Art)unterliegt und auf der ganzen Welt gültig ist.
    Wenn der Bericht richtig ist, den ich vor einigen Tagen gelesen habe, dann ist seit 1970 bis heute der Goldpreis im Jahr durchschnittlich um 8,4% gestiegen und davon muss nicht fasst bis zur Hälfte an Steuern abgegeben werden; nämlich NULL Prozent.
    Wo kann oder konnte man 8,4% steuerfrei einstreichen?
    So etwas nenne ich einen soliden Aufbau einer Altersversorgung über Jahrzehnte, zumal dann auch im Alter keinerlei Steuern oder Abgaben (nachgelagerte Besteuerung) anfallen, wenn es verbraucht wird.
    Wer etwa 35 Jahre die Zusatzrente anspart und etwa 15 Jahre davon im Alter leben will, der muss auf etwas setzen, das etwa 50 Jahre seinen Wert behält, bzw. über die Inflationsrate im Schnitt steigt.
    Sicher liegt der „kleine Aktienbesitzer“ der auch noch Depotführungskosten, Gebührenkosten bei Käufen und Verkäufen von Wertpapieren, weitere Zusatzkosten (für diese Leistungen verlangt so mancher Broker Extragebühren) zahlen muss, schon erheblich über 50% Abgaben, auf den Ertrag aus Aktien.
    Gut- physisches Gold hin und zurücktauschen, kostet auch etwa 4 bis 5%.
    Die ganzen Vorteile, die ein Rentner im Alltag hat, wenn er eine niedrige Rente hat, kann ich hier gar nicht aufzählen und bei Gold hat er diese Vorteile, denn auch beim Verkauf fallen keine Steuern an, da kein Einkommen.
    Und dann höre ich immer in der Presse, dass dem Deutschen Aktien nicht zu vermitteln sind.
    Wenn ich nun rückwärts rechne, dann müsste ein Kleinanleger, der für seine Altersversorgung Aktien hält, mindestens etwa 17% Jahres-Rendite über Jahrzehnte erwirtschaften, nur um mit Gold in der Rendite in etwa gleichzuziehen.
    Vielleicht begreife ich das ja auch alles nicht; aber es ist gut gelaufen in diesen ganzen Jahren; ich hoffe es geht weiter so.

    Viele Grüße
    H. J. Weber

    • rote_pille sagt:

      aus zwei gründen: angst. der goldpreis ist nicht gleichmäßig gestiegen, aber die aufbewahrung verursacht kosten. die angst vor dem verlust wiegt für kleine leute viel schwerer als der entgangene gewinn.
      der zweite sind die medien. über gold wird vergleichsweise wenig in den MSM berichtet, der dax steht immer im vordergrund. und das alte sprichwort: „aus den augen, aus dem sinn“ hat immer seine gültigkeit.

  2. FDominicus sagt:

    „Die Gegenrechnung mit Zinsen aus Anleihen sieht so aus: 26,4 Prozent Abgeltungsteuer und Soli auf Zinsen in Höhe von 100 Euro ergeben 73,60 Euro. Das sind 22,08 Euro mehr als im Dividendenbeispiel. Also ein klarer Fall von Bevorzugung der Anleihe und Diskriminierung der Aktie. Wer regt sich darüber wirklich so richtig auf? Fast niemand. Hinzugefügt sei noch, dass auch Kursgewinne von der Abgeltungsteuer betroffen sind, und zwar für Aktien, Anleihen, Fonds und sonstige Wertpapiere, die seit 2009 gekauft wurden.“

    Ich schon immer, aber das ist doch genauso unwichtig wie der berühmte umfallende Sack in China. Ich habe immer schon gefragt mit wievielen Maßstäben darf/muß/kann man rechnen.

    Das ist doch nicht das einzig absurde. Nehmen Sie doch die 100 Eur aus Mietzahlungen die werden je nach persönlichem Steuersatz versteuert. Es gibt im Steuerrecht keine Logik und schon gar keine Gleichheit. Es gibt nur Gesetze die mal dieses und mal jenes bevorzugen. Überlegen Sie sich doch einfach mal die letzten 10 oder so Steuersparmodelle…

    Wie wurde da den Leuten etwas vorgerechnet, was dann nicht zutraf? Oder schlimmer was dann im Nachinein als Mißbraucht geahndet wurde und dann das Ganze nachversteuert werden „durfte“. Bisher immer Glück gehabt, weil ich mich auf diese „Modelle“ nicht eingelassen habe… Zeigt aber nur mal sollte sein Glück nicht überstrapazieren ;-(

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