Verrückter geht es nicht

17. Januar 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Viel Aufregung um den Ölpreis und wie er die Börsen beeinflusst, dazu ein Potpourri an wirren Prognosen: bis 10 Dollar je Barrel (159 Liter), nachdem er kurzfristig unter 30 Dollar gerutscht ist. Dabei gerät allzu leicht in Vergessenheit, dass der Preis erst im Jahr 2004 die 30-Dollar-Marke nachhaltig von unten nach oben durchbrochen hat; vorher pendelte er um die 20-Dollar-Achse ohne nennenswerte Ausreißer nach oben oder unten.

Der Preisanstieg über 100 Dollar in den Jahren 2011 bis 20014 ist im Wesentlichen dem China-Boom zuzuschreiben. Und weil das chinesische Wirtschaftswachstum jetzt etwas geringer ausfällt, versteht es sich von selbst, dass dies den Ölpreis mit beeinflusst.

Aber 10 Dollar, das ist Unsinn. Auch die 20-Dollar-Prognosen erscheinen unrealistisch. Nicht nur, weil Chinas Wirtschaft weiter wächst, sondern auch aus anderen Gründen: Autos werden überall auf der Welt weiter gefahren, amerikanische Spritschlucker vorneweg, Heizöl wird weiter getankt, jetzt erst recht, das die Umwelt zerstörende Fracking (Gewinnung von Öl aus Schiefer) in den USA ist Gott sei Dank auf dem Rückzug, der Flugverkehr nimmt zu, die Eisenbahn ist für Brummis keine ernst zu nehmende Gefahr und – besonders wichtig – die Opec-Länder werden sich nicht erst bei ihrem planmäßigen Treffen im Juni, sondern bereits vorher auf Maßnahmen gegen den Preissturz einigen.

Der zuletzt genannte Grund, so bedeutsam er auch ist, erfordert natürlich, dass sich die Erzfeinde aus Saudi-Arabien und Iran an einen Tisch setzen, der Rest der Opec-Länder so wie so. Worin besteht die Alternative? Bestimmt nicht im Verteidigen von Quoten, denn das bedeutet Überproduktion und damit weiterhin Preisverfall. Den aber kann sich kein Ölförderland mehr leisten, weder das reiche Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate noch Länder wie Brasilien oder Venezuela, die gerade schlimme Krisen durchleben.

Davon ausgehend, dass der Ölpreis sich auf dem niedrigen Niveau irgendwie auspendelt und später bei halbwegs positiver Konjunkturentwicklung wieder etwas steigt, sei die Frage erlaubt: Ist das nun gut oder schlecht für die Aktienkurse? Viele Börsianer stellen sich diese Frage ja, weil sie zwischen dem positiven Effekt des niedrigen Preises (mehr Geld für den Konsum und damit Stützung der Konjunktur) und seinem negativen Effekt (an dem angeblich die Chinesen schuld sein sollen, Erklärung folgt) hin und her gerissen werden.

Die Sache mit China ist so skurril und gleichzeitig auch so typisch dafür, wie Börsianer ticken, dass sich dazu hier ein paar Anmerkungen geradezu aufdrängen.

So heißt es, die deutsche Industrie sei von der chinesischen Konjunktur mehr abhängig als die Industrien der meisten anderen Länder. Das stimmt im Großen und Ganzen. Wenn jetzt Chinas Wirtschaftswachstum nachlasse, bekomme die deutsche Industrie die Folgen negativ zu spüren, sodass die Kurse deutscher Aktien ganz besonders unter Gewinnmitnahmen leiden. Dieses Argument ist ausgerechnet aus den Kreisen zu hören, die noch vor Kurzem deutsche Aktien als alternativlos bezeichnet haben. Verrückter geht es nicht.

Da hat gerade die deutsche Industrie nicht nur viel nach China exportiert, sondern in China auch große Kapazitäten aufgebaut. In die Zukunft gesehen, profitiert sie also vom chinesischen Wirtschaftswachstum, das immer noch stärker ist als das in den anderen großen Industrieländern, ganz besonders, und das sogar doppelt.

Hinzu kommt ein Aspekt, den Börsianer offenbar ignorieren: Der Strom chinesischer Touristen in Richtung Deutschland hat gewaltige Dimensionen angenommen. Sie lassen hier viel Geld für allerlei Artikel des gehobenen Bedarfs, für Busreisen, Hotels und Gastronomie. Und um den Bogen zum Ölpreis zu spannen: Dessen niedriges Niveau sorgt auch unter Chinesen dafür, dass ihnen mehr Geld als in den vergangenen Jahren für den Konsum zur Verfügung steht.

Die hier angestellten Überlegungen richten sich, wie erwähnt, in die Zukunft. Dagegen wird die Gegenwart, aus Börsianersicht betrachtet, von Gewinnmitnahmen und Kurseinbrüchen bei Aktien dominiert. Das ist nur allzu verständlich, aber weniger aus fundamentalen Gründen als wegen des starken Auslandsengagements in deutschen Aktien (die aus dem Dax befanden sich Ende 2015 zu mehr als der Hälfte in ausländischer Hand). Die Gewinnmitnahmen werden so lange anhalten, bis der VDax, der deutsche Volatilitätsindex – er steht für die Stärke von Kursschwankungen – nach dem nächsten Höhenflug wieder zurückfällt. Verfolgen Sie ihn von nun an besonders gründlich.
Manfred Gburek – Homepage

 

2 Kommentare auf "Verrückter geht es nicht"

  1. EuroTanic sagt:

    Warum sollte nicht ein negativer Ölpreis denkbar sein? Wie ein Negativzins? In diesem System ist alles denkbar. ‚Ironie aus?

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