Verrückt genug?

11. Dezember 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Bill Bonner

Der Internethandelsriese Amazon.com hat seine Verschuldung um 6 Milliarden Dollar erhöht. Investoren werfen ihr Geld nur zu bereitwillig in diesen Fluss ohne Wiederkehr. Die Kreditgeber fordern eine Rendite von 3,8% auf Amazons 10jährige Anleihen. Das sind 150 Basispunkte über der Rendite von US-Anleihen (10 Jahres Laufzeit). (Ein Basispunkt ist Einhundertstel eines Prozentpunktes.) Doch die Käufer der Amazon-Anleihen machen sich keinerlei Sorge über die Rückzahlung ihres Geldes. Im Gegenteil, die Anleger sind sogar eher „sans souci“.

Wenn man mal das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Amazon raussucht, findet man es aufgelistet bei N/A – für „nicht anwendbar“. Der Grund dafür ist, dass das Unternehmen Geld verliert. Selbst nach 20 Jahren im Geschäft hat Jeff Bezos Onlinemarktplatz immer noch nicht begriffen, wie man Profit macht. Das Magazin Fortune berichtet sinngemäß: „Das Amazon Fire Phone, als „Shopping Machine“ bezeichnet, ist ein Flop. Die vom Unternehmen im Juni vorgestellte Erfindung hat zu einer Abschreibung von 170 Millionen Dollar im letzten Quartal und zu einem Preisnachlass auf nur 99 Cent geführt. Der Technische Direktor des Unternehmens, Tom Szkutak, erklärte Fortune im Oktober, dass das Gerät „falsch im Preis ausgezeichnet“ worden sei.

Bezos sagte: „Ich habe bei Amazon.com Milliarden von Dollar an Ausfällen. Ausfälle im wahrsten Sinne des Wortes. […] Firmen, die Ausfälle nicht akzeptieren und weiter experimentieren, könnten in eine verzweifelte Situation geraten.“ Einer der Milliarden Dollar Fehltritte von Bezos war eine Website für Auktionen, die nicht funktioniert hat. Diese Aktion entwickelte sich dann zu etwas, das man zShops nannte, was auch nicht funktioniert hat. Diese Idee mag sich dann zum Amazon Marktplatz entwickelt haben, der nun einen großen Teil des Umsatzes repräsentiert, wie Bezos sagt.

So großzügig und genügsam sind die Amazon-Investoren, sowohl bei ihren Schulden als auch als Aktionäre, dass Bezos keinen merklichen Schaden durch diese Fehltritte hat. Jeder Misserfolg und Flop machen ihn reicher. Er lernt gar nichts. Nichts ist so erfolgreich, wie die Misserfolge…doch nur, wenn sie wehtun. Ein schmerzhafter Fehltritt ist viel mehr wert als ein einfacher wohliger Erfolg. Niemand kann im Vorhinein wissen, was geschäftlich funktioniert und was nicht. Stattdessen wird improvisiert. Wir probieren Dinge aus. Wir handeln nach Belieben. Das meiste was wir tun ist peinlich und unproduktiv.

Aber was bleibt am Ende übrig, wenn man alle Misserfolge hinter sich lässt? Erfolg! Genauso ist es doch im privaten Leben, ein Tiefschlag ist wertvoller als ein Home Run. Ein Mann beginnt eine Unterhaltung mit einer schönen Frau in einer Bar. Sie dreht sich um, ein Gähnen im Gesicht. Das nächste Mal wird er nicht versuchen, mit einer Unterhaltung über Japans Handelsbilanzüberschüsse Punkte zu sammeln. Doch angenommen, dieses verzweifelte Mädchen hätte Interesse geheuchelt. Er hätte sie vielleicht geheiratet und die nächsten vier Jahrzehnte damit verbracht dies zu bereuen.

Kein Schmerz, kein Gewinn

Ein weiteres Beispiel: Japan. Über die letzten 20 Jahre hinweg hat Japan Zig-Billionen Yen für die Wiederbelebung seiner Wirtschaft ausgegeben. Sie haben Null-Prozent-Zinssätze und quantitative Lockerung aufgefahren. Doch dies brachte die Staatsschuldenquote von relativ gemütlichen 60% auf erdrückende 235%.

Diese Mühen waren große Flops: nominal hat sich das BIP während der letzten 23 Jahre auf der Stelle bewegt. Währenddessen belaufen sich die Haushaltsdefizite auf 8% des BIPs. Außerdem ist aufgrund des Populationsrückgangs in Japan fast unmöglich, dass das wirtschaftliche Wachstum gleichsam mit Japans Zinskosten zunimmt.

Kein Land, seit dem Start der industriellen Revolution im 18. Jahrhundert…oder seit der Geburtsstunde des Wohlfahrtstaates im 19. Jahrhundert…. oder seit dem Beginn der Kreditexpansion nach dem Zweiten Weltkrieg…  oder seit dem Aufkommen des freischwebenden Fiat-Währungsystems 1971.. .musste sich jemals einer solchen Herausforderung stellen. (Seite 2)


 

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3 Kommentare auf "Verrückt genug?"

  1. Sandra sagt:

    Wenn man Jahrzehnte eine destruktive Wirtschaft und damit auch Gesellschaft heranzüchtet, übergibt und überläßt man diese automatisch und bewußt der Naturgewalt. Erst durch das volle Einsetzen des Ergebnisses der Destruktion werden auch die erreichten Ergebnisse der zukunftsweisenden Konstuktion sichtbar. Es wird offensichtlich und offenbar was was ist. Dies ist doch ein Grund zur Freude, oder etwa nicht? Jedem das Seine.

  2. Sandra sagt:

    Aus einem anderem Blick heraus, ist doch alles super. Wir haben – jeder hat jetzt die einmalige Gelegenheit eine wichtige Lektion zu lernen und relativ sicheres Wissen, innere Sicherheit und Gewißheit darüber zu erlangen, was für dich selbst, deine Familie und Andere dekonstruktiv war und ist und was nicht. Ohne Schmerz kein Erfolg.

  3. Max sagt:

    Die Frage bei Amazon ist, ob die jemeils in die schwarzen Zahlen kommen, ähnlich wie Zalando und ein paar andere Internetriesen. Finde es schon gewaltig, wie die Investoren und Anleger nur das Geld in solche Firmen pumpen. Immer mehr, immer weiter, immer höher, immer schneller!!! Das mag zwar alles schön und gut sein, aber ist es auch nicht das Ziel eines Unternehmers, dass dieser auch mal die schwarzen Zahlen erreicht und nicht hin und wieder mal, sondern dauerhaft?

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