Was für eine verrückte Welt! (It’s a Twit’s World)

31. März 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Ronald Gehrt

Ich weiß nicht recht, wie ich es Ihnen sagen soll, ohne Sie zu verärgern. Aber vielleicht hilft es, mich ausdrücklich mit einzubeziehen. Die Basis-Aussage dieser Kolumne lautet: Wir Börsianer sind allesamt „twits“ (twitt: british engl. für Depp, Idiot) und genau deswegen fallen wir so oft auf die Schn..ase. Das klingt unverschämt, ist aber schnell erklärt…

Wir alle neigen dazu, immer wieder zwei Kardinalsfehler zu begehen: Zum einen unterteilen wir die Welt dauernd, wenngleich meist unbewusst, in „ich“ und in „die anderen“ bzw. „die Börse“. Zum anderen sind wir jederzeit bereit, die Realität unserem Depotbestand anzupassen, statt anders herum, und merken es nicht einmal. Das ist beides zutiefst dämlich.

Dabei führe ich hier nur zwei Verhaltensweisen an, die uns im täglichen Leben dauernd begegnen. Es ist schon fast normal für die Menschen, sich unbewusst zu verhalten, als wäre der ganze Planet nebst Bewohnern nur als Dekoration für die eigene „One-Man-Show“ vorhanden. Und wie viele schaffen sich ihre eigene Realität, die mit der Welt da draußen wenig zu tun hat, weil es ihnen hilft, so zu leben, wie sie glauben, leben zu müssen/wollen? An dieser Kombination aus zunehmender Egozentrik und Realitätsentfremdung hat die Welt heftig zu knabbern. Meist leiden die anderen darunter. Aber an der Börse sägt man sich als Investor mit diesem Verhalten selbst den Ast ab, auf dem man sitzt.

Ich schreibe das, weil es unmittelbar mit der aktuellen Lage an den Börsen zu tun hat. Ich hatte das Kursverhalten ebenso wie die Entwicklungen in Japan, Libyen und den momentan völlig aus dem Fokus gerutschten, kritischen Bereichen EU und US-Wirtschaft zwar täglich im System 22 Observer begleitet, ich möchte es aber hier noch einmal zusammenfassen und auf den Punkt bringen, denn nicht jeder kann sich den Bezug des Observers leisten … 12,50 Euro im Monat bei einem Sechs-Monats-Abo sind für Börsianer kein Pappenstiel, das weiß ich wohl. Also:

Viermal üble Entwicklungen

Die Lage in Japan, im Bebengebiet allgemein und in Fukushima im Besonderen, ist nicht mehr unter Kontrolle. Das war absehbar, ich hatte das schon vor zwei Wochen klar unterstrichen. Das hat fatale Folgen, auch für die Weltwirtschaft. Und das Gerede von Wachstum durch Wiederaufbau sollte man mal überdenken … denn mittlerweile ist eine immer weiter wachsende Zone verstrahlt. Das kann man nicht mal eben abwaschen. Und dort wird nichts wieder aufgebaut werden. Nur … die Börsen scheinen das anders zu sehen.

In Libyen sind die Regimegegner wieder auf dem Rückzug, was ich ebenfalls avisiert hatte. Ohne Bodentruppen besteht keine Chance, die Streitkräfte des Diktators hinreichend zu schwächen. Das ist schlimm, ebenso wie der Umstand, dass auch in anderen Staaten in Nordafrika und dem arabischen Raum heftige Unruhen herrschen. Auch, wenn diese es nicht in die Schlagzeilen schaffen, sind sie dennoch vorhanden … und das kann in einer für die weltweite Energieversorgung maßgeblichen Region nicht gut sein. Nur … die Börsen scheinen das anders zu sehen.

Die US-Konjunkturdaten sind in den letzten Wochen alles andere als lustig gewesen. Der Immobilienmarkt, bei dem man dachte, dass es schlimmer nicht werden könnte, wird noch schlimmer. Die Auftragseingänge schrumpfen, das Verbrauchervertrauen ebenso. Der Arbeitsmarkt simuliert Lichtblicke … aber der hinkt immer Monate hinter der aktuellen Entwicklung her und kann ebenso noch nach unten abdrehen. Regierung und Notenbank haben ihr Pulver verschossen … und die Pferde wollen nicht saufen. Nicht gut. Nur … die Börsen scheinen das anders zu sehen.

Der EU-Rettungsschirm ist nun ein wenig größer und zu einer permanenten Einrichtung geworden. Dabei soll die Lage doch im Griff sein … so sehr, dass die EZB die Leitzinsen anheben will. Erstaunlich, dass die EU Dinge anschiebt, die unnötig scheinen. Oder sind sie es doch nicht? Könnte es sein, dass Portugal, Irland, Griechenland nur die ersten einer Kette umfallender Dominosteine sind, weil die schwachen Länder wegen der ihnen genommenen Zins- und Währungshoheit schwach bleiben werden, während die zusehends schwindenden starken Staaten noch mehr zu Goldeseln mutieren als sie es ohnehin schon sind? Aber natürlich könnte das sein. Und anstatt das Basisproblem anzugehen, flickt man nun vorsorglich am Regenschirm herum. Gar keine guten Perspektiven. Nur … die Börsen scheinen das anders zu sehen… (Seite 2)

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4 Kommentare auf "Was für eine verrückte Welt! (It’s a Twit’s World)"

  1. JayJay sagt:

    Das ist der beste Kommentar, über das derzeitige Börsengeschehen, was ich seit langem gelesen habe. Super AAA
    Selbst wenn sie nicht mehr helfen werden, dennoch wird QE3 bis … und auch die Rettungschirme der EU (oder wie immer sie dann, in Zukunft heißen werden) im XXXL bis …. kommen.
    Gold & Silber Ahoi

  2. Stuelpner sagt:

    Wirklich sehr guter und schockierender Artikel.
    Bisher nahm ich an, dass die überbezahlten „Arbeiter“ an den Börsen wenigsten ungefähr wissen was sie tun, aber in letzter Zeit kamen mir immer mehr Zweifel. Das dort als Hauptrichtung, wie vielerorts, der Herdentrieb bzw. die Lemminge in der Überzahl sind, ist bedenklich. Schlimmer noch ist, dass polit. Entscheidungsträger mit Rettungsschirm und ähnlichem Unsinn nicht besser arbeiten. Aber irgendwann wird sich doch die Realität durchsetzen und dann?
    Wahrscheinlich habe ich auch im vorbei gehen solche wichtigen Börsenmeldungen aufgeschnappt. Erst hies es deutsche Autoindustrie kann weniger Autos bauen, weil Teile aus Japan fehlen (würde ich als negativ einstufen) zwei Tage später hörte ich, Japan kann weniger Autos bauen wegen Strahlen und Beben, das wäre gut für deutsche Autobauer, weil sie statt dessen mehr verkaufen (ist doch positiv oder) Also erst Autoaktien verkaufen, zwei Tage später wieder kaufen, das bringt Umsatz. Nun frage ich mich, wenn sie weniger bauen können, weil Teile fehlen, wie sollen sie dann mehr verkaufen? Wenn ich jetzt richtig gelesen habe, passe ich meine Realität an, überhöre die erste Meldung und kaufe weiter Autoaktien. Nun warte ich bloß auf den Tag, an dem dann die berichtigten Umsatzzahlen der Autobauer kommen. Dort wird der Umsatz und eigentlich auch der Aktienkurs nach unten berichtigt, weil Teile gefehlt haben.

    Gold und Silber, nee Gold ist in einer Blase lt. Chinesen, deshalb kaufen sie auch soviel, um den Rest der Welt vor Verlusten zu bewahren. Silber kommt auch bald die große Korrektur.

  3. Hauki sagt:

    Ich erlaube mir, aus einer im September 2009 veröffentlichten Studie zu zitieren (nenne den Namen nicht, möchte keine Werbung machen …):

    Die Ursachen und Folgen der 1929 in den USA geplatzten Verschuldungsblase wurden damals von den wenigsten rechtzeitig erkannt oder verstanden, obwohl die US-Gesamtverschuldung bereits zu diesem Zeitpunkt mit 165% gemessen am
    Bruttoinlandsprodukt eine noch nie zuvor gesehene Rekordmarke erreichte.

    Trotz der bereits 1927 auf Hochtouren laufenden Aktienspekulation versprach der Ökonom John Maynard Keynes für immer crash-freie Zeiten („We will not have any more crashes in our time.“). Später, im Sommer 1929 und nur ein paar Monate vor
    dem „schwarzen Donnerstag“ (24.10.1929) erkannte selbst der angesehene Wirtschaftsprofessor Irving Fisher
    nicht die drohende Gefahr („There may be a recession in stock prices, but not anything in the nature of a crash.”).
    Einer Delegation, die 8 Monate nach dem Börsencrash von US-Präsident Hoover ein Konjunkturpaket für die
    Wirtschaft forderte, sagte dieser nach einer kräftigen Zwischenerholung des Dow Jones im Juni 1930:
    „Gentleman, you have come sixty days too late. The depression is over. “
    Tja, so kann man sich irren!

    Im Gegensatz zu damals „überfluten“ heute die Notenbanken als Reaktion auf die geplatze Verschuldungsblase – US-Gesamtverschuldung aktuell 373,3% zum BIP – das weltweite Finanzsystem mit Billionen an Liquidität. Auch nahmen Regierungen
    rund um den Globus nach der Lehman-Pleite hektisch Billionen an neuen Schulden auf, um nun alle anderen „systemisch“ wichtigen Banken zu retten und parallel ihre Wirtschaft zu stützen.

  4. askanier sagt:

    Robert de Hare (der Papst in Sachen Psychopathie):
    »Bekäme ich meine Probanden nicht kostenlos aus dem Gefängnis, würde ich mich einfach an der Börse umsehen«

    Nur mal so als kleiner Einwurf. Dann wird auch klar, warum Angst an der Börse scheinbar keine Rolle spielt.

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