Verrät die Handschrift den Charakter?

7. November 2011 | Kategorie: Aufgelesen

von Hans-Jörg Müllenmeister

Wer wünscht sich nicht den wahren Charakter eines Menschen zu ergründen. Gibt es dazu geheime Mittel? Das wäre genial, denn wer kauft schon seinen Partner oder Mitarbeiter als Katze im Sack vor einer Eheschließung oder bei einer Firmeneinstellung. Lässt sich z.B. durch die Handschrift auf das Wesen des Urhebers schließen? Handgeschriebenes ist ja individueller Ausdruck der Persönlichkeit…

Wer wünscht sich nicht durch Betrachten einer Handschrift auf das Wesen des Urhebers schließen zu können. Ist doch das Geschriebene eine auf Papier gebannte Bewegungsfolge: der individuelle Ausdruck der Persönlichkeit.

Vielfach ersetzt heute der flinke Tastendruck auf dem PC den persönlichen Griff zur Feder. In beschaulichen Zeiten gab es bereits Sammler von Handschriften, die im Geschriebenen nicht bloß einen Erinnerungswert sahen; sie erkannten in den Schriftzügen wesentliche Charakterzüge des Schreibers. Einer der prominentesten Handschriftensammler war Goethe.

Zwar erlernen wir nach der Schulvorlage das Schreiben, indessen prägt die heranwachsende Persönlichkeit ihr eigenes Schriftbild. Ähnlich wie der Gesichtsausdruck, zeigt jede Schrift ihre typische Physiognomie. Der interessierte Laie möchte den Pionieren der Schriftdeutung nacheifern, und schließt gerne von einzelnen Schriftzeichen auf bestimmte Charaktereigenschaften. Bereits wegen der unendlichen Vielfalt der Einzelzeichen ist ein solcher Deutungsversuch unbrauchbar. In der Praxis der Graphologie bestimmen Deutungsbilder eine Diagnose:

Deutungsbilder

Das Bewegungsbild – die Schrift ist stark oder weniger stark bewegt – offenbart die Anlage und Fähigkeit, also die Antriebskräfte des Schreibers.
Das Raumbild, die Verteilung und Gliederung des Schreibraumes legt Zeugnis ab von der Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Umwelt.
Das Formbild, die Buchstabengestaltung verrät unbewusste Zielvorstellungen, Wünsche und Leitbilder des Schreibers.
Diese „Teilbilder“ können mehr oder weniger ausgeprägt oder auch gestört sein. Einige Schriftmerkmale lassen sich nicht eindeutig einem dieser Bilder zuordnen. So ist etwa die Schreibgröße sowohl Merkmal des Bewegungsbildes als auch des Raumbildes. Dagegen gehören der Schreibdruck eindeutig zum Bewegungsbild oder der Zeilenabstand zum Raumbild.

Ehe wir kurz hinter die Kulissen der Schriftsymbole blicken, sei ein wesentlicher Begriff, das Formniveau, erwähnt: der umstrittene Angelpunkt der Schriftdeutung. Das Formniveau rückt die Lebendigkeit der Schrift, ihre Originalität und ihren rhythmischen Gehalt in den Mittelpunkt des Deutungsprinzip. Dieser „Pulsschlag“ ist die Essenz der Handschrift – so vielschichtig wie die Persönlichkeit selbst. Dabei ist eine so genannte Grundrhythmusstärke immer Ausdruck tiefer Erlebnisfähigkeit, seine Schwäche dagegen ein Indiz für das Gegenteil.

Das Formniveau

Je nach intuitivem Erfassen und Wertung des Formniveaus, kann ein Einzelmerkmal doppelsinnige Bedeutung haben. Bei einem unrhythmischen „Wortkörper“ kann jeder Buchstabe mit persönlicher Note gestaltet und von hohem Formniveau sein. Im krassen Gegensatz dazu steht z.B. ein Wortkörper mit grotesk aufgeschwollenem d-Kopf und weitausgreifenden u-Bogen, der im Widerspruch steht zur mageren Dürre des starken Auf- und Ab der Kleinbuchstaben. Diese Schrift mit niedrigstem Formniveau könnte aus der Feder eines Kriminellen stammen. Ob er allerdings auch der Blutgruppe B angehört, ist fraglich.

Grundformen der Schrift

Eine Handschrift kann
eckig (Winkel),
bogig (Arkade),
kurvig (Girlande), oder
unbestimmt (Fadenschriftzug) sein.
Jemand der winkelbetont schreibt, ist willens- und verstandesgerichtet. Durch eine Girlandenschrift zeichnen sich gefühlsbetonte, verbindliche Menschen aus. Arkaden-Elemente sprechen eher für einen zurückhaltenden, verschlossenen, unter Umständen förmlichen Menschen. Eine Fadenschrift bevorzugt der Anpassungs- und Wandlungsfähige. Es wäre aber eine grobe Vereinfachung, wenn wir daraus schlössen, dass Girlandenschreiber – das sind nämlich 40% aller Schreiber – keinen Willen hätten oder ihres Verstandes nicht mächtig wären… (Seite 2)

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Ein Kommentar auf "Verrät die Handschrift den Charakter?"

  1. auroria sagt:

    Den wahren Charakter von Menschen kann man nicht in Umfragen oder Fragebögen ermitteln, sondern nur wenn man mit diesen Menschen Monate oder Jahre lang eng zusammenarbeitet oder lebt. Und selbst dann bleibt so manches unbekannt.

    Wer Handschriften analysiert kennt nur eine handvoll von Menschen gut genug um zu beurteilen, ob Analyse und Persönlichkeit zusammenpassen, auf jeden Fall viel zu wenig um sinnvolle statistische Aussagen machen zu können.

    Die hier aufgelisteten Charakterzüge sind so verallgemeinert, unspezifisch und wiedersprüchlich, dass man sowieso nichts brauchbares als Ergebniss bekommt.

    Ich habe inzwischen die Schreibschrift verlernt. Und habe damit kein Problem. Fast alles schreibe ich an Computern und wo ich Papier brauche (Formulare), ist meißtens eh Druckschrift nötig.

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