Verpasste Anschlüsse

21. Dezember 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Frank Meyer

Ich hasse Bahnhöfe! Dort wartet man auf verspätete und oft verschmutzte Züge, verpasst den nächsten Anschluss und malträtiert seine Ohren mit den im Computer produzierten Stimmen aus Lautsprechern. Oder man stopft sich aus Langeweile Fast Food in den Leib. Frankfurts Bahnhof ist besonders…

Bahnhöfe sind kein Hort der Heiterkeit, außer für Leute, die dort ihren Geschäften nachgehen. Man wartet auf Züge oder auch auf Begrüßungsküsse. Letzteres ist lange her. Heute fährt fast jeder ein Auto. Aber schön war es damals schon. Bahnhöfe sind einzukalkulierende Zeitfaktoren ohne Effizienz – eine Wartehalle zwischen wichtigen Terminen, Kaffeebuden und verschmutzten Toiletten.

Die Gedanken pulsieren zwischen den Hirnlappen in einer Zeitschleife hin und her und haben wie Dackel das dringende Bedürfnis, Gassi zu gehen und sich danach zu säubern. Was sollen sie sonst auch tun? Und so beobachtet man Leute, wie sie hastig durchs Leben rennen, wohin auch immer. Die einen rennen dem Liebsten entgegen, die anderen ihrem Zug hinterher, den Geschäftsterminen oder dem verlorenen Gepäckstück nach. Und manche rennen in ihr Verderben. Am Tag werden statistisch gesehen drei Personenschäden gemeldet. Auf der anderen Seite des Blickwinkels durchwühlen Leute die Abfallbehälter nach Essen oder Pfandflaschen. Trickbetrüger greifen den Damen in ihre Handtaschen. Zumindest die Raucherinseln bieten etwas Platz für Kommunikation, vor allem bei Zugverspätungen. Ich möchte gerne erfahren, wie viele Kinder aus solchen Inconvinience-Ereignissen später das Licht der Welt erblickt haben.

Das Bunteste an Bahnhöfen sind immer die Wortvorgaben des Dienstpersonals, gesendet aus ihrer Zentrale für optimierte Kommunikation. Auch die prüfenden Blicke des unter Tarif bezahlten Aufsichtspersonals sind so spannend wie die übergroßen Werbetafeln, auf denen man mehr über Hotels, Finanzanlagen, Zeitungsverlage, Schokolade und Ideen erfährt.

All das ist wuchtiger als sämtliche Werbekampagnen der Deutschen Bahn. Alles soll unser Leben glücklicher machen. Wie überall in der Welt werben übergroße Plakate für das Restaurant „Zur Goldenen Möwe“, bekannt auch als Mc Donalds, obwohl doch der Kampf gegen die Killerfette inzwischen so verbreitet ist wie der Kampf gegen Terroristen und Bahnbomber. Seltsam ist dabei, dass manche Leute wegen ihrer Auswahl oder der Nicht-Auswahl eines passendes Deodorants gar nicht als Gefahr für die Öffentlichkeit wahrgenommen werden.

Um zum Angenehmeren zu kommen, hier kann es sich nur um das Speisen auf dem Weg der langen Strecken handeln, ist mir etwas Erstaunliches inmitten aller vergeudeter Minuten aufgefallen: Dem Speisen wird in den Zügen weiterhin eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Ich beobachte das immer mit einer Art von Verwunderung, wenn die ICE`s mit Schlauchessen bestückt werden, das als biologisch-ökologischer einwandfreier Füllstoff später zu überteuerten Preisen auf den Tellern der Bordrestaurants landet. Mehr oder weniger bekannte Sterne-Köche legen sich allmonatlich ins Zeug und stellen gegen ein Entgelt ihren Namen und ihr Lächeln zur Verfügung. Doch nicht nur das: Die halbstündlichen Snack-Attacken der Bord Caddys sind eine besondere Herausforderung für alle, die gerade etwas Schlaf gefunden haben. Und ist es nicht auch eine heitere Angelegenheit, wenn ein Sachse als Schaffner im Zug verkleidet in Angelsächsisch den nächsten Halt ansagt?

Ich glaube, auf Bahnhöfen geht es nicht mehr in erster Linie um das Reisen. Die Werbeindustrie hat diese Stätte längst schon erobert wie laufende Spielfilme im Fernsehen – Einladungen für Dummköpfe, sich von ihrem Geld zu trennen. Werbung gibt es vielleicht nur deswegen, weil es von allem zuviel gibt – was aber nur unterschiedlich verteilt ist. Zu viele Produkte und Dienstleistungen kämpfen um zu wenige Käufer oder Leute, die kaufwillig oder kauffähig sind. Ha! Die frische Luft auf den Gleisen oder auch nur Langeweile machen doch hungrig. Oder? (Seite 2)

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3 Kommentare auf "Verpasste Anschlüsse"

  1. holger sagt:

    Schön… 13 Sterne dafür.

    Ich freue mich immer im Bordrestaurante so um FFM, wenn eine Rolex und Manschettenknöpfe vor mir auftauchen. Und fragen: „Ist hier noch frei?“ Die meisten trinken Apfelschorle. Empirisch nicht ermittelt , ist aber so. Ich achte gerne auf die Uhren und frage mich… mehr als 24 Stunden? Ich weiß nicht was die kosten 3, 4 tausend Euronen? Und trotzdem nur 24 Stunden… aber hoch wichtig.

    Interessant wird es, wenn plärrende Kinder ihre Wurst nicht wollen. Und hoch begabte Mütter, ihre Kinder, Barfuß ins Restaurante treiben. Tja… und die lieben Kleinen die Innenausstattung zerstören. Und nun wagt man nach ca. 5 Stunden Fahrt daheim anzurufen, um der besseren aller besseren Hälften zu sagen: „Schatz… ich bin tatsächlich pünktlich“. Da die Kleinen am brüllen sind, und partout nicht die Nürnberger Rostbratwürstchen wollten, musste ich lauter mit meiner besseren aller besseren Hälfte sprechen. Und siehe da… So ne Feministen machte mich an, ob ich nicht raus gehen könnte zum Telefonieren.

    Man gut, dass der Tag nur 24 Stunden hat.

  2. rolandus sagt:

    14 Sterne (einen mußte ich noch dazu geben @Holger)
    denn das Bild entspricht 101% dem meinigen. Es fehlen nur noch die in Hypnose gehaltenen Fussballschnullis und Sessel die zu Sitzen geworden sind ….ah jetzt habe ich endlich die Lösung, warum ich nach 2 Stunden immer Richtung Plastikrestaurant muß…mache es den Leuten unbequem und sie flüchten …auf noch schlechtere Sitze ,-)

    Schön Gruß ins Ried
    rolandus

  3. pat sagt:

    1 Bienchen, mehr gab es ja wohl nie, sonst würde ich mehr vergeben. (Bin ja ein lernfähiger Wessi in Ossiland).

    Ich amüsiere mich immer köstlich bei diesem brillanten Sprachwitz. Traurige Inhalte so humorvoll zu verpacken ist wirklich eine Gabe. Falls alle Stricke reißen, ich glaube im Kabarett würden sich selbst in düstersten Zeiten immer Leute finden um dir zuzuhören und über die Realität auch mal lachen zu können.

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