Verordneter Finanz-Sadismus

3. März 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Früher hieß es, wer gut schlafen will, kauft Staatsanleihen. Wer heute gut schlafen will, sollte keine mehr haben. Ach Sie haben gar keine? Wirklich nicht? Staatspapiere sind schließlich der Grundpfeiler fast jeder Altersvorsorge. Na dann, Gute Nacht!

Die alten Börsenweisheiten nutzen sich irgendwann mal ab, vor allem in Zeiten der voll-politisierten Finanzmärkte. Das sind die heutigen Standbeine – mit starkem Verdacht auf Osteoporose. Mit Staatsanleihen ist inzwischen nichts mehr zu holen, außer eventuelle Kursgewinne bei noch tieferen Minus-Renditen. Aber Staatsanleihen gelten ja als sicher… Ha! Ha! Ha!

Sollte jemand ein Depot besitzen, kann er sich ja mal seine Risikoneigung anschauen, die ihm die Bank oder der Broker zuweist. Dort steht, ob man sicherheitsorientiert, konservativ, gewinnorientiert oder risikobewusst ist – und das in Zeiten, in denen alles auf dem Kopf steht.

Wer früher sicherheitsorientiert agierte, also nur Festverzinsliches oder Geldmarktfonds hielt, fährt heute automatisch volles Risiko in Zeiten von Null-Zinsen, steigender Inflation und noch schneller steigenden Vermögenspreisen. Sicherheitsorientierte rennen gerne diesem Irrlicht nach, welches ganz automatisch in den Sumpf führt, inzwischen nicht nur real, sondern jetzt auch nominal.

Schauen Sie sich zum Spaß mal einen Geldmarktfonds an. Da verlieren selbst die „Sicherheitsorientierte“ ganz automatisch. Früher war der Chart je nach Leitzins mal mehr oder weniger nach oben gebogen. Heute geht es abwärts, und das garantiert. Wie können Geldmarktfonds bei negativer Verzinsung etwas erwirtschaften? Gar nicht! Die Umgruppierung dieser Fonds in „risikobewusst“ ist längst überfällig. Was sicher ist, das sind die Ausgabeaufschläge und Verwaltungsgebühren, wobei ich nicht verstehen kann, dass überhaupt noch jemand Fonds mit einem Ausgabeaufschlag kauft. Sachen gibt`s!

Wer früher auf Staatsanleihen gesetzt hat, galt im Großen und Ganzen auch als sicherheitsorientiert. Seit mehr als 30 Jahre stiegen die Kurse und fielen die Renditen. Seit nunmehr zwei Jahren manipuliert die EZB die Kurse nach oben und die Renditen nach unten – und wird damit wohl nicht aufhören. Wenn sie irgendwann alle Anleihen aufgekauft hat, wird sie sich wohl auch Aktien unter den Nagel reißen – mit Geld aus dem Nichts. Bill Bonner stellt zu Recht die Frage nach der Zukunft des Privateigentums. Vielleicht steigt ja auch deshalb die Börse.

Manch gerissener Fondsmanager hatte in der letzten Woche das große Glück und konnte für seine Sparerschäfchen in Rentenfonds einen tödlichen, Pardon, todsicheren Deal machen. Im Angebot waren Schuldpapiere im Volumen von 1,49 Milliarden Euro vom ESM. Laufzeit: Sechs Monate. Der durchschnittliche Zinssatz betrug -0,6163 Prozent, was diese Papiere zu garantierten Geldfressern macht. Dabei gab es viermal mehr Nachfrage als Angebot. Da kommt also jemand daher und zahlt dem ESM 0,62 Prozent Zinsen dafür, um ihm Kredit geben zu dürfen. Wie viele Stockhiebe ist das eigentlich wert? Und was würde passieren, wenn NIEMAND mehr dieses perfide Spiel mitmachen würde?

Aber die Leute wissen ja nicht, woraus ihre Rücklagen bestehen, die man ihnen damals als Altersvorsorge verkauft hat. Zu den Kapitalsammelstellen mit den Hochglanzprodukten und coolen Werbebotschaften gehören ja nicht nur Lebensversicherungen. Deren Geldmanager mutieren durch die EZB-Politik zu überbezahlten Verlustbringern. Sie leihen Herrn Schäuble Geld, legen also das Geld von Sparern an, und zahlen automatisch drauf. Bei zweijährigen Bundesanleihen derzeit -0,9 Prozent jährlich. Moment, der Wolfgang kann gar nix dafür, auch wenn er das meiste davon hat. Die Geldpolitik wird von der EZB bestimmt. Basta! Schäuble wird nur offiziell mal ein Wahlkampftränchen vergießen.

Und die Bundesbank warnt ab und zu mal, kann aber nichts gegen die Gegenstimmen aus dem Rest des Eurolands ausrichten. Inzwischen hat sie auf Anweisung der EZB für 322 Milliarden Euro deutsche Staatsanleihen aufgekauft, welche nicht nur bei steigenden Zinsen zu Verlusten führen. Kauft sie diese Papiere zu Negativ-Zinsen, dann werden zwar am Ende aus Berlin 100 Prozent der Schulden beglichen, nicht aber der Aufpreis, den die Bundesbank beim Kauf gezahlt hat. Deshalb bildet sie jetzt schon einen Puffer für garantiert eintretende Verluste.

Schon 2016 ist der Gewinn der bunten Bank, früher Bundesbank, von drei auf rund eine Milliarde Euro gesunken.

Nicht zu vergessen, die Target-Salden. Andere Euroländer haben 800 Milliarden Euro bei der Bundesbank angeschrieben…

Die zweithöchste Kategorie unter den Einschätzungen der Sparschäfchen auf Depots und Brokerkonten wäre „gewinnorientiert“ Da dürfen es dann schon ein paar Aktien sein, also ausgewählte Blue Chips, ganz gleich, ob sie teuer oder billig sind.

Die nächste Kategorie wäre risikobewusst. Früher war sie das vielleicht mal. Da waren dann mehr alternativlose Aktien drin. Diese sind vielleicht sogar sicherer als Anleihen, sieht man mal vom Preis ab. Heute müssten in dieser Kategorie Rentenfonds aufgelistet sein. Aber die Welt der Finanzanlage ist heute so bunt wie Karnevalsjacken, vor allem, wenn man sie verkehrt herum anzieht. Mal schauen, wann die Risiko-Einschätzungen für Sparer gewendet bzw. verändert. Dann gilt der Besitz von Aktien als sicherheitsorientiert der von Geldmarkt – und Rentenfonds als risikobewusst. Schöne neue Zeit!

Wer heute Rendite sucht, muss höhere Risiken eingehen. Wie wäre es mit 2,2 Prozent Rendite? Nach der Steuer, versteht sich. Damit würde man die aktuelle und offizielle Teuerung ausgleichen, denn diese wurde für Februar mit 2,2 Prozent ausgewiesen. Man könnte ja auch seine Ausgaben um 2,2 Prozent senken. Und wir lesen nur die offiziellen Zahlen. Wahrscheinlich braucht man mehr Rendite.

Danke, liebe EZB! Das mit dem höheren Risiko ist ja genau die Lieblingsbeschäftigung und die Kompetenz der deutschen Sparer – die dann am Ende mit den großen Augen dastehen. Aber irgendwie ist ja jeder für sich selbst verantwortlich und bekommt vielleicht nicht das, was er sich wünscht oder ihm versprochen wurde, sondern das, was er verdient.

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