Verlieren lernen. Manches geht eben einfach nicht!

4. Mai 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Ronald Gehrt

Im Prinzip ist die Börse grotesk. Nur versucht jeder, das so gut wie möglich zu negieren. Die einen, weil sie an das Geld der Anleger heran wollen. Die anderen, weil sie nicht realisieren möchten, dass das Investieren von Erspartem an der Börse Gesetzmäßigkeiten unterliegt, die, falls sie auch andernorts existieren würden, jeden vernünftigen Menschen um diesen Bereich einen Bogen machen ließen…

Das soll die Börse nicht herabstufen. Ich wäre ein Narr, wenn ausgerechnet ich das täte, nachdem ich mich ihr nun schon 22 Jahre lang hauptberuflich widme. Aber in gewisser Weise geht es dort nun mal oft zu wie in der Klapsmühle. Wichtig ist nur, dass man bereit ist, ihre Regeln zu erlernen. Denn die gibt es durchaus, sie sind bloß deutlich komplizierter, als manch ein Finanzdienstleister es uns weismachen will, wenn er uns vorgaukelt, die Börse sei, so man ihm sein Geld überweist, ein ganz einfacher und überschaubarer Weg zu einer goldenen Nase.

Dass die goldenen Nasen am Ende meist bluten, hat vor allem einen Grund: der Faktor der Emotionen wird permanent entweder verleugnet oder unterschätzt. Die Börse ist nicht nur ein wenig von Emotionen beeinflusst, sie basiert auf ihnen. Das kommt für Werbungen nicht gut, also versucht man, sie wissenschaftlich zu erklären und in Modelle zu pressen oder sich, ganz im Gegenteil zu ersterer Methode, mit dümmlichen Faustregeln durchzulavieren.

Faustregel-Mummenschanz

Die Faustregeln gehen gut ins Ohr, sind aber Mummenschanz. So soll die Performance der ersten zehn Tage eines neuen Jahres vorgeben, ob das Gesamtjahr am Ende im Plus oder Minus enden wird. Ha! Um den US-Feiertag Thanksgiving herum soll man immer unbesorgt Long gehen können, weil die Aktienmärkte da immer steigen. Au weia. US-Präsidentenwahljahre seien immer gute Börsenjahre. Soso. Und, natürlich gibt es da noch „Sell in May an go away … but remember to come back in September“. Dicht gefolgt allerdings von „Kauf im Mai und bleib dabei“. Statistisch betrachtet kann man da durchaus gute Ergebnisse erkennen. Allerdings für alle Arten von Faustregeln, denn es kommt natürlich immer darauf an, wo man zu messen beginnt!

Faktisch sind Faustegeln einfach Unsinn. Die „Sell in May“-Regel hatte früher durchaus ihre Berechtigung, denn damals neigten viele Anleger dazu, nach dem Kassieren ihrer Dividenden im Frühjahr auszusteigen, um in der Saure-Gurken“- und Urlaubszeit nicht unangenehm überrascht zu werden. Denn wer nicht da war, konnte nicht reagieren. Das ist, wie alle wissen, heute anders.

Die Technik ermöglicht Reaktionen binnen Sekunden von nahezu jedem Ort der Welt. Alles eine Frage der Technik. Dividenden und Urlaub spielen keine nennenswerte Rolle mehr bei der Kursbildung. Und so kann es nicht wundern, wenn das Ergebnis der „Mai-Wertung“ für die letzten 20 Jahre im Dax bei elf Fällen im Plus, acht im Minus und einem Fall unverändert (Veränderung unter 0,5%) liegt. Was nicht bedeuten soll, dass „Kauf im Mai und bleib dabei“ die richtige Faustregel ist, sondern dass man sich diese Regeln vors Knie nageln kann.

Wissenschafts-Mummenschanz

Und die „Wissenschaft“? Seit Jahrzehnten werden zahllose Modelle erschaffen, die „richtige“ Kursbewertungen ausweisen sollen oder Kursziele festlegen. Basierend auf volkswirtschaftlichen Größen und/oder auf betriebswirtschaftlichen Kennzahlen wie KGV, KUV, Bruttorenditen etc. Dumm nur, dass sich die Börsen einfach nicht daran halten. Also werden immer neue Modelle gebastelt … und funktionieren erneut nicht. Der Grund ist so simpel, dass man die ganze Mischpoke der Tüftler eigentlich zum Straßenfegen einteilen sollte, weil sie ihn entweder nicht erkennen – oder nicht erkennen wollen. Man baut Modelle, die auf Ergebnissen und Entwicklungen der Vergangenheit basieren und da natürlich funktionieren. Sie fußen aber im Normalbetrieb in der Regel auf Prognosen der Datenbasis, so z.B. dem zukünftigen KGV einer Aktie. Was aber bedingen würde, dass die Prognosen der Analysten über die kommende Gewinnentwicklung der nächsten ein bis zwei Jahre wirklich etwas taugen würden. Was sie nicht tun – worüber man sich eigentlich nicht wundern sollte. Wenn nicht einmal das jeweilige Unternehmen selbst 2011 vorhersehen kann (was nur logisch ist), was es am Ende in 2012 verdient haben wird, wie sollten es dann Außenseiter können!

Und nimmt man solche wilden Schätzungen als Basis für irgendwelche Kursmodelle – wie kann man dann glauben, dass sie funktionieren? Natürlich erzielen solche Modelle auch Treffer und werden dann jubelnd durch die Medien getragen. Aber rein statistisch ist es keine Kunst, wenn eines oder zwei von Hunderten Modellen mal richtig liegen – denn so viele Möglichkeiten, wo Kurse am Ende landen können, gibt es ja nun auch wieder nicht. Nur:… (Seite 2)

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4 Kommentare auf "Verlieren lernen. Manches geht eben einfach nicht!"

  1. carsten_kai sagt:

    Sehr schöner Artikel. Das Aktienprinzip ist aber seit Dekaden pervertiert. Man gab ursprünglich Geld an Unternehmen, von deren Geschäftsidee und Erfolg man (langfristig) überzeugt war. Heute gilt im Millisekundenhandel ein 30-Minütiger Halter schon als langfristiger Investor. Die momentane Hausse spiegelt nur die Kombination aus Überschussliquidität und Inflation, mehr nicht. Betrachtet man, welche Unternehmen in den letzten Jahren z.b. den DOW verlassen haben, erübrigt sich beinahe jeder Artikel… In diesem Zusammenhang möchte ich gern eine Formulierung eines Hartgeld.com-Lesers an den Mann bringen, der einige „Chartisten“ als „Zeugen Elliots“ tituliert hat. Da habe ich herzhaft gelacht. Es ist jedem freigestellt, ob er die Früchte seiner Arbeit in Aktien, Rohstoffen, Gemälden oder ähnlichem Unfug anlegt. Mein Gefühl und meine Erfahrung sagen mir, dass das Lesen über Investitionsformen von Aktien über Staatsanleihen bis Fonds eher müßig ist. Schrott landet auf dem Schrottplatz und Müll geht den Weg alles irdischen. Sollte „der Crash“ kommen, müssen Aktienhalter möglicherweise einen längeren finanziellen Atem haben, als ihre Restlebenszeit. Und alle „Wertsteigerungen“ möglicher Anlageformen von der Inflation und Manipulation zu bereinigen, ist ein wirklich sinnloses Unterfangen.

    Da nehme ich lieber Anlageformen, die seit etwas längerer Zeit stabil sind…
    c

    • carsten_kai sagt:

      Ich sehe gerade, die stabilen Anlagen stehen auf „kaufen“. Habe ich behauptet, ich kaufe keine Dips? Fällt Gold unter 1000,-U$D/Oz., verkaufe ich sogar meinen Rechner!!! Alles, was ich dann noch besitze, wird zu „Geld (lol, Papier)“ und anschließend zu Gold und Silber (echtem Geld) gemacht! Das würde genau meiner Prognose entsprechen: Gold 900$, dann up and away (Silber 30U$D, dann up and away). O.K., der Stoiker ist etwas aufgeregt. Den kleinen Geldbeuteln rate ich: Silber! Adrenalin bei mir 100, erste Ebayfotos gemacht. Steigende Preise ließen mich kalt, jetzt bin ich Feuer! Runter runter runter, bitte! Mein Hausrat und die Wertgegenstände sind umfangreich, zumindest für Ebay und Flohmarkt. Jetzt nur die Nerven behalten. Auch wenn ich mir selbst wiederspreche: Keynes, lass die Kurse ins Bodenlose fallen! Ludwig von Mises, sei mein Erlöser. Ich sagte, man soll keine Dips kaufen, aber wer diese Drückung an sich vorbeiziehen lässt, dem ist nicht zu helfen! Meiner Meinung nach wird es die Letzte sein. Huch, bin vom Originalthema und Beitrag weg… Egal! EM-Markt on fire. Das Adrenalin des EM-Beitzers: Mehr vom Gleichem. Aktien: Viel Spaß…
      GlG C

  2. zf sagt:

    Das trifft den Nagel auf den Kopf.
    Es ist nicht leicht, die Ruhe zu bewahren in stürmischen Zeiten, sich seine Investments ansehen und zu hinterfragen ob man noch richtig liegt.

    Und wenn es Wochen, Monate, oder vielleicht sogar Jahre nur bergauf geht, dann den richtigen Zeitpunkt zu erkennen um seine Strategie zu verändern und aus zusteigen, ist noch viel viel schwerer.

    Über die Jahre hat mich aber mein Bauchgefühl selten betrogen.
    Seltener als die Analysten.
    Was in den letzten Jahren dazu gekommen ist, ist die Möglichkeit von Katastrophen einzubeziehen – siehe Japan.
    Das erfordert rasches Handeln und es zu akzeptieren, dass man Kapital verliert, oder bei einem Aufschwung nicht dabei zu sein.

    Ich habe schon oft verloren, schon oft einen Aufschwung nicht mit gemacht, aber ich habe mehr Gewinn als früher, wo ich immer investiert war.

    Ich erkenne mich in diesem Artikel wieder. Danke.

  3. Johannes sagt:

    Meine Beobachtungen und meine persönliche Erfahrung scheint teilweise sehr konträr zu sein, vor allem im Bezug auf den Aufschwung.

    Ich verstehe auch nicht, warum der Aufschwung immer negiert wird.

    Für mich und mein Umfeld ist der definitiv da und vorhanden.

    Ich selbst habe ein schönes Umsatzplus, meine Freundin kämpft täglich darum, die in Ihrer Firma produzierte Ware auch verschicken zu können, mangels freier Kapazitäten bei den Frächtern, trotz eines fast verdoppelten Preises.

    Und so weiter und so fort, kurz, es läuft.

    Irgendwie scheint es mir geradezu „mainstreammäßig“ zu sein, die Wirtschaft kaputt zu reden.

    Klar, ich kann nicht beurteilen, wie es in den PIGS oder in Amerika aussieht, aber bei uns läuft es ohne Frage.

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