Verführt und irregeleitet mit „QE“

29. August 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Zwar gibt es noch keine Neuauflage der QE-Politik, die Finanzmärkte und Konjunkturen sind aber längst von ihr abhängig. Die jüngsten Kursverluste auf den weltweiten Aktienmärkten mögen viele Gründe haben…

Es könnte beispielsweise die Sorge vor einer Verlangsamung der Weltkonjunktur sein, ausgelöst durch Chinas Währungsabwertung. Oder die Furcht vor steigenden Zinsen in den Vereinigten Staaten von Amerika: Schließlich spielt die US-Zentralbank (Fed) mit der Idee, ihre jahrelange Nullzinspolitik zu beenden. Was auch immer die Gründe sein mögen: Für Sparer und Anleger ist es ganz entscheidend, wie die Zentralbanken handeln werden. Und um das abschätzen zu können, richtet man am besten den Blick in die Vergangenheit.

polleit-2015-08-28-1Die Selbstermächtigung in 2008

Als am 15. September 2008 die US-amerikanische Investmentbank Lehman Brothers zahlungsunfähig wurde, begann die US-Zentralbank (Fed) am 17. September die Basisgeldmenge auszuweiten. Im Zuge der sogenannten „QE“-Politik (QE steht für „Quantitative Easing“ und bedeutet Geldmengenvermehrung) sollte die Zahlungsunfähigkeit des Bankensystems abgewendet werden.

Zweifelsohne wäre es ohne diesen Eingriff der Fed zum Kollaps gekommen. Banken, Unternehmen und Staaten wären Konkurs gegangen, und die Weltwirtschaft wäre in eine Rezession-Depression geschlittert. Das Einschreiten der Fed im Herbst 2008 war aus einem weiteren Grund eine weitreichende Maßnahme: Es hat weltweit zu einem geldpolitischen Regimewechsel geführt.

Mittlerweile orientieren sich alle bedeutenden Zentralbanken der Welt an der neuen Fed-Geldpolitik. Diese Politik ist darauf ausgerichtet, das ungedeckte Papiergeldsystem über Wasser zu halten. Und zwar gemäß dem Motto: „Koste es, was es wolle“ – wie es der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Mario Draghi, am 26. Juli 2012 unmissverständlich formulierte.

polleit-2015-08-28-2Dass die Zentralbanken ihren Auftrag eigenhändig verändert haben, hat in der Öffentlichkeit zu keinem Aufschrei geführt; man scheint die Selbstermächtigung der Zentralbankpolitiker gutzuheißen.

Wie dem auch sei: Alle bedeutenden Zentralbanken der Welt haben sich jetzt, mehr als je zuvor, in das Schlepptau der Finanzmärkte, der Finanzindustrie und der Regierungspolitiken begeben. Die Finanzmarktakteure erwarten, dass ihnen die Zentralbankräte immer mehr Kredit und Geld, bereitgestellt zu extremen Tiefstzinsen, verabreichen. Und zwar unlimitiert, wenn nötig. Man geht davon aus, dass die Preise von Vermögenswerten wie Anleihen, Aktien und Häusern nicht dauerhaft fallen werden – denn ansonsten entstünden Banken und anderen Kreditgebern existenzgefährdende Verluste.

Bei fallenden Aktien- und Anleihekursen wird erwartet, dass die Zentralbanken eingreifen: dass sie die Zinsen weiter senken, oder per Anleihekäufe die Geldmenge weiter erhöhen. Und das geschieht bereits. Die chinesische Zentralbank hat am 25. August 2015 die Leitzinsen zum fünften Mal seit Ende 2014 abgesenkt – als unmittelbare Folge der fallenden Aktienkurse und der sich abschwächenden Konjunktur.

Die US-Zentralbank zögert, die Zinsen anzuheben. Mittlerweile dürfte sich das Gelegenheitsfenster für eine Abkehr von der Tiefzinspolitik – wenn es denn überhaupt eines gegeben haben sollte – wieder geschlossen haben.

Verführt und irregeleitet

Dass das eine höchst problematische Entwicklung ist, liegt auf der Hand. Denn sie läuft darauf hinaus, eine inflationäre Geldpolitik, die die Vermögenspreise bereits in die Höhe getrieben hat, immer ungestümer zu verfolgen. Sollten sich die Kursverluste auf den Aktienmärkten fortsetzen, ist es daher wahrscheinlich, dass die Fed erneut zur QE-Politik greift, um die Zinsen niedrig zu halten und die Geldmenge auszuweiten.

Die Finanzmärkte und Konjunkturen weltweit werden durch die Aussicht auf eine mögliche Neuauflage der QE-Politik (ein „QE-4“) angetrieben oder besser: verführt und in die Irre geleitet. Spekulationsblasen, Fehlinvestitionen und Finanzmarkt- und Konjunkturturbulenzen sind die Folge. Die jüngsten Börsenturbulenzen und Wachstumsschwächen in vielen Ländern sind daher auch alles andere als zufällig.

Sie sind Folge einer inflationären Geldpolitik, die für immer größere Ungleichgewichte sorgt, und die sich letztlich in immer größeren Erschütterungen entladen werden – bis hin zu einem Währungssystemkollaps.

Goldpreis

Trotz der QE-Politiken ist der Goldpreis ab etwa Herbst 2011 gefallen. Vermutlich hatte das vor allem zwei Gründe: (1) Als die Erkenntnis um sich griff, dass die Zentralbanken den Willen und die Macht haben, jede benötigte Geldmenge bereitzustellen, haben sich die Sorgen um einem Zusammenbruch des Kredit- und Geldsystems verflüchtigt. (2) Das Ausweiten der Basisgeldmengen hat gleichzeitig nicht zu steigenden Inflationssorgen geführt, es hat vielmehr die Erwartung geschürt, die QE-Politik werde die Volkswirtschaften wieder auf Wachstumskurs bringen.

polleit-2015-08-28-3Die Politik der Zentralbanken wird sich irgendwann entzaubern: Dauerhaft lassen sich Zahlungsausfälle nicht mit einer Geldmengenvermehrung abwenden, ohne dass der Geldwert verfällt. Wenn sich diese Einsicht bei Sparern und Investoren verbreitet, wird sich auch die Lücke zwischen dem Goldpreis und den weltweit wachsenden Geldmengen schließen – und zwar durch einen steigenden Goldpreis.



Risiko, „Mr. Market“ und Gold

Gold ist einzigartig: Als ultimatives Zahlungsmittel trägt es kein Zahlungsausfallrisiko und kann durch politische Willkürakte nicht entwertet werden.

Heutzutage wird unter Risiko die Schwankung der Marktpreise verstanden. Sie wird auch als „Volatilität“ bezeichnet. Doch sind beispielsweise Kursschwankungen von Aktien ein Risiko für Anleger? Sie sind es für Anleger, die Aktien nur kurzfristig halten, nicht aber für Anleger, die Aktien langfristig halten. Die erstgenannten sind Spekulanten, die zweitgenannten Investoren. Wenn Sie, lieber Leser, Investor sind, besteht Ihr Risiko darin, einen dauerhaften Kapitalverlust zu erleiden (wie die Anleger in beispielsweise einigen Mittelstands- oder Griechenlandanleihen schmerzlich erfahren haben); kurzfristige Kursschwankungen sind für Sie als Investor kaum von Bedeutung.

Benjamin Graham (1894 – 1976), der Urvater des „Value Investing“, bezeichnet die Börse als „Mr. Market“, den der Investor, so Graham, für seine Zwecke einsetzen solle. Die meiste Zeit über sorgt Mr. Market für richtige Kurse. Manchmal sind seine Kurse aber jedoch zu hoch, und manchmal sind sie auch zu tief. Der Investor soll stets Ausschau halten, ob Mr. Market etwas Attraktives anzubieten hat. Letzteres ist dann der Fall, wenn eine Aktie zu einem Preis gekauft werden kann, der (deutlich) unter ihrem Wert liegt; oder wenn eine Aktie verkauft werden kann zu einem Preis, der (deutlich) über ihrem Wert liegt. Was aber ist der Wert? Das ist in der Tat die entscheidende Frage beim Investieren. Bei einer Aktie lässt sich der Wert prinzipiell dadurch bestimmen, indem man alle künftigen Gewinne, die das Unternehmen erzielt, richtig abschätzt und ihren Barwert ermittelt. Das ist keine leichte Aufgabe. Sie erfordert Erfahrung und Können (und – wie ja übrigens vieles andere im Leben auch – das notwendige Quäntchen Glück).

Bei Anleihen ist die Wertermittlung einfacher. Hier sind die künftigen Zahlungen (die Coupons) vorab bekannt (es sei denn, der Schuldner fällt aus). Alles, was der Investor abschätzen muss, ist die Entwicklung der künftigen Zinsen, mit denen er die Zahlungen der Anleihe abzinsen muss, um den Barwert der Zahlungen zu erhalten. Genauso wie bei Aktien, so lässt sich auch bei Anleihen Mr. Market befragen, ob sie zu teuer oder zu billig sind: Man vergleicht den Wert der Aktie oder der Anleihe mit den Preisen, die Mr. Market anbietet.

Bei Gold (und bei den anderen Edelmetallen) ist solch ein Vorgehen zur Wertbestimmung nicht möglich, weil Gold keine laufenden Zahlungsströme hat, aus denen sich sein „fairer Wert“ ermitteln ließe. Bei genauer Überlegung ist das alles andere als verwunderlich. Denn Gold ist Geld, es ist das ultimative Zahlungsmittel. Dabei ist Gold ein Geld besonderer Art: Anders als das ungedeckte Papiergeld (oder auch anders als Aktien und Anleihen) hat Gold kein Zahlungsausfallrisiko. Sein Preis kann zwar mitunter schwanken. Aber der Wert des Goldes und damit auch sein Marktpreis können nicht auf null fallen. Gold hat neben seinem monetären Wert immer auch noch einen nichtmonetären Wert (weil es in der verarbeitenden Industrie und für Schmuck nachgefragt wird). Derzeit liegt der Schluss nahe, dass der Preis, den Mr. Market derzeit für das Gold bietet, deutlich unter dem Wert des Goldes liegt. Denn der Wert des Goldes steigt in dem Maße, in dem die Qualität des ungedeckten Papiergeldes abnimmt. Und mit der Qualität des letzteren geht es immer weiter bergab.

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

 

Schlagworte: , , , , , , , ,

9 Kommentare auf "Verführt und irregeleitet mit „QE“"

  1. Argonautiker sagt:

    Gäbe es doch bloß endlich rein virtuelles Geld, alles wäre so easy, um nicht zu sagen ME, also Maximal Easing, just by pressing the button. Ups, da ist wohl das Komma verrutscht, na ja, kann ja mal passieren, und man sollte nicht vergessen die Soma Produktion zu erhöhen, falls es wider Erwarten doch einmal vermehrt Nachfragen geben sollte. Und in den Wohlfühlkinos sollte man das Programm vielleicht besonders prickelnd gestalten.

    Es gibt ja den Spruch von so einen Präservativ der USA, „wenn die Bevölkerung das Geldsystem verstehen würde, wir hätten morgen einen Aufstand“. Nun diese Aussage ist alt, sehr alt, und der Inhalt längst aus der Mode gekommen. Ich glaube die wundern sich eher schon so langsam selbst, was sie alles machen können, ohne auch nur einem Raunen zu begegnen.

    Ich glaube, wenn man heute Beamte durch die Straßen schicken würde, die die Menschen ansprechen würden, und sagen würden, es tut uns leid, aber wir müssen ihnen heute 10% ihres Geldes im Portemonnaie abnehmen, weil,…, man würde auf viel Verständnis stoßen, und in Deutschland würde man sich natürlich um den Obolus abzugeben nach einer Weile brav anstellen, in Reih und Glied natürlich.

    • bluestar sagt:

      @Argonautiker
      Erst kommt die Ankündigung 20% Abgabe – natürlich für einen guten Zweck. Staatsmedien und deren gleichgeschalteten Ableger der Multis unterstützen die Aktion. Künstler, Gutmenschen und Systemtrottel gehen mit gutem Beispiel voran. Die Medien sind begeistert.
      Dann kommt die Ankündigung 10% wenn sofort gezahlt wird. Die Leute sind erleichtert, stellen sich brav an um den Obolus sofort zu zahlen. Dann kommen Wahlen und die Massen wählen aus Dankbarkeit die alte Regierung.

      • Argonautiker sagt:

        Ich liiiiebe gute Zwecke, besonders wenn sie meiner geliebten Regierung zu Teil werden.

        Ich überlege aus Solidarität eine Dauerspende an die Regierung einzurichten. 110% meines Einkommens. Und weil ich dann nix mehr habe, frage ich höflich nach Harz 7 an, weil Sieben meine Glückszahl ist.

        Meine untertänigsten Grüße an alle Politker, Beamte, Kredithaie, und sonstige Menschen, die einen Weg gefunden haben, gut auf Anderleuts Kosten zu leben.

  2. MFK sagt:

    In Zusammenhang mit Gold finde ich die Meldung über den Nazi Panzerzug mit 300 tonnen Gold interessant. 300 to Gold haben immerhin einen Wert weit über 30.000.000.000 EURO. 10% davon soll den Findern zugesprochen werden. Wenn solche Mengen Gold auf den Markt geworfen werden, kollabiert der Goldpreis. Aber vielleicht bin ich auch nur etwas paranoid …

    • toter_esel sagt:

      Nein, Sie sind nicht paranoid. Nur ungebildet. 3 mal 3 sind neun. Also 90 Mrd.€. Ausserdem haben – wie Sie sicher wissen – die USA nicht nur 300 to., sondern 8800to. Wenn die die mal auf den Markt werfen…. Werden sie aber nie. Nicht noch mal.

  3. Sandra (andere) sagt:

    Es ist schon der absolute Wahnsinn, wenn man bedenkt welcher Irrsinn der Glaube an eine Illusion (=Geld egal aus welchem Material und in welcher Form es vorliegt) alles anrichten kann. Dies gilt besonders unter Einbeziehung der Tatsache, dass es sich beim Wirtschafts- und Finanzsystem jeweils nicht nur um ein absolutes Nullsummensystem handelt, sondern jeweils auch auf einer Exponentialfunktion basiert. Einmal davon abgesehen, dass dieser ganze vermeintliche westliche Wohlstand nur auf Pump aufgebaut ist (gilt auch für die BRIC(S)-Staaten) kommen scheinbar nur die wenigsten. Gleiches gilt auch für die Idee, dass die eigene Arbeitskraft und das eigene Wissen die einzigen Wertspeicher sind.

    Ich hatte, bevor ich das Geldsystem ausbildungsbedingt im Jahr 2001 verstanden hatte auch einen anderen Bezug zu Geld (=positiv). Dieser hat sich hat bis heuer ins absolute negative gedreht und ich es als einen absoluten Irrsinn ansehe wie blöd in einem Hamsterrad zu rennen, um mir gewisse Dinge leisten zu können, die ich nicht wirklich brauche oder gar so superblöd bin und ein Kredit aufnehme. Dementsprechend verzichte ich viel lieber auf diese ganzen überflüssigen Dinge und führe dennoch ein glücklicheres und zufriedeneres Leben (ich kenne beide Seiten). Hinzu kommt, dass die vermeintlichen Eigentumsrechte nur auf Glauben basieren und nur so lange Bestand haben wie es Leute gibt, die dies ebenfalls glauben. Das ganze System basiert ohnehin nur auf Glauben und wird auch nur von diesem getragen. Aber wie sagte bereits Freifrau Ebner von Eschenbach: „Die glücklichen Sklaven sind die erbittertsten Feinde der Freiheit.“

    An die Adresse der Edelmetallgläubigen möchte ich richten, dass es sich hierbei um dieselben Verbrecher handelt wie seiner Zeit die Portugiesen, Spanier, Franzosen, Niederländer und Briten, die durch ihre von Gier getriebenen niederen Motiven historisch wertvolle Kulturgüter undwiderruflich zerstört haben und Völker extrem dezimiert haben. An dieser Politik hat sich bis heuer nichts geändert und der Kreis hat sich nur vergrößert. Merkt ihr Menschen eigentlich noch irgendetwas?

    Mit Bezug zur aktuellen Entwicklung in Europa mit den dazugehörigen Problemen/Darstellungen wie sie u.a. im obigen Artikel gemacht wurden, werden m. E. bald der Vergangenheit angehören und es werden ganz andere Probleme zum Vorschein kommen, bei denen auch kein Edelmetall helfen wird. Mir kommen diese Diskussionen/Berichte/Artikel wie dem Sinken der Titanic vor. Dieses Beispiel passt als Metapher zur aktuellen Situation ganz gut. Während einige bereits ins Meer gestürzt sind, besteigen andere die Rettungsboote und wieder andere (die Börsen-/Geld-/Edelmetall- und sonstigen Systemgläubigen) bestellen sich weiterhin Cocktails an der noch geöffneten Bar und tanzen zu der Musik des Orchesters, obwohl das Schiff seit langem am sinken ist. Total verrückte Welt ist kann ich da nur sagen.

    • Avantgarde sagt:

      Letztlich ist es aber eben dieser Glaube, der die Welt sich wirtschaftlich drehen lässt.
      Schon die alten Assyrer kannten eine Form für Kredit=Credere=Glaube für ihre Karawanen – das ist in Keilschriften hinterlegt – also wirklich nichts Neues.

      Letztlich ist es immer ein Versprechen auf etwas Besseres auf einen Mehrwert und ein besseres Leben welches alles antreibt.
      Ob das dann auch eingelöst wird steht auf einem anderen Blatt.

  4. Ralf sagt:

    *** gelöscht von Admin ***

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.