Vereinzelter Handel

2. Mai 2017 | Kategorie: RottMeyer

Von Bankhaus Rott

Die Abhängigkeit der US-Wirtschaft vom Konsum ist geradezu sprichwörtlich. Damit sich alle in Konsumlaune fühlen wird fleißig am Vermögenseffekt geschraubt. Um alle Konsumwünsche auch umgehend bedienen zu können, wurde in den Staaten ein unermessliches Einkaufs-Disneyland geschaffen. Immer weitere Teile dieser schönen bunten Welt verdienen sich derzeit einen Platz in einer ungeliebten Kategorie: Überkapazitäten…

Überkapazitäten in geringem Maße können hilfreich sein um sprunghaft anziehende Nachfrage schnell bedienen zu können. In einigen Branchen sind Kapazitäten schnell und günstig zu schaffen. Im klassischen „brick-and-mortar“ Einzelhandel sind nicht genutzte Kapazitäten teuer im Aufbau, teuer zu unterhalten und da sie in der Regel kreditfinanziert wurden potentiell toxisch für das eigene Kapital. Ab einem bestimmten Bestand an überschüssiger Verkaufsfläche ist der Druck auf die Preise dieser Flächen enorm, so dass im Falle einer zu zögerlichen Haltung manche Position gänzlich unverkäuflich ist. Da freut sich der Kreditgeber, wenn der Wert der Sicherheit fällt wie ein Stein und der Kreditnehmer keinerlei Einnahmen vorzuweisen hat. Wie sich ein derartiger Abschwung bei privaten Wohnimmobilien und zum Teil bei Gewerbeimmobilien auswirkt hat man in der letzten Immobilienkrise sehen dürfen. Derzeit sieht es so aus, als steuerten die USA und Kanada auf einen massiven Schock bei Einzelhandelsimmobilien zu.

Wirft man einen Blick auf die vorhandenen Einzelhandelsflächen pro Person, so stechen die USA deutlich heraus. Die Zahlen sind in Quadratfuß angegeben

Man muss sich das vor Augen halten. Für jeden Einwohner, vom Neugeborenen bis zum Greis, existieren in den Staaten mehr als 2 Quadratmeter Verkaufsfläche in Einkaufszentren, wenn man die GLA (gross leasable area) heranzieht. Die Einkaufszentren machen in etwa ein Drittel der gesamten Einkaufsflächen aus, auch die anderen zwei Drittel müssen bezahlt werden. Das muss man sich vor Augen halten. Angesichts dieser Zahlen sollte man daran erinnern, dass es sich beim Großteil der Fläche nicht um Juwelenhöker, Uhrmacher und Goldschmiede handelt sondern um stinknormale Geschäfte mit bestenfalls stinknormalen Margen. Zum Vergleich hier die Zahlen aus Europa. 

Geht’s dem Einzelhändler längerfristig schlecht, ist das schlecht für den Besitzer der Immobilie. Über kurz oder lang wird der Mieter die Immobilie verlassen, lebend und nach Überweisung der Miete oder insolvent unter Hinterlassung von Mietschulden. Und Pleiten gibt es im Sektor wieder eine Menge. Die Anzahl der Insolvenzen erreichte unlängst den höchsten Stand seit 2008 und 2009. Aber das Jahr 2017 ist ja schon fast vorbei, was soll da schon noch passieren.

Ohne auf die unterschiedlichen Schattierungen dieser beiden Auszugsmöglichkeiten zu untersuchen, lässt sich konstatieren, dass der Besitzer der Immobilie sich möglichst rasch nach einer Alternative, wie einer möglichen Neuvermietung oder einem Verkauf umschauen muss. In einem rückläufigen Umfeld für klassische Einzelhändler sinken aber sowohl die Mieten als auch die Verkaufspreise der Gebäude. Fallen die Verkaufspreise unter die Kreditvolumina wird das Problem schnell ein existenzielles. Kredite haben die unangehme Eigenart, nur durch Tilgung und daher langsamer zu sinken als Preise. Schnell ist man an dem Punkt des „negativen Eigenkapitals“ angelangt, was schlicht bedeutet, der verbliebene Kredit ist größer als der mögliche Verkaufspreis der Immobilie. Das ist wie man leicht verstehen kann keine sonderlich komfortable Situation, schon gar nicht, wenn die Immobilie keinerlei positiven Cash Flow sondern nur noch Kosten verursacht.

An anderer Stelle schraubt man offenbar schon an der Kostenschraube. Die Veränderung der Beschäftigung im Einzelhandel ist rückläufig. Immer wieder erhellend ist es, den Einbruch der Jahr 2008 und 2009 anzuschauen. Das war kein Kindergeburtstag.

Ein nachhaltiger Rückgang ist nicht alltäglich, selbst wenn man bei zwei Monaten eher wachsam als panisch werden sollte. Ein Teil der Veränderung wird auf die langsam zunehmenden Verlagerung in die digitalen Welten zurückzuführen sein, ein Zeichen der Stärke senden die Zahlen jedoch nicht aus. Dazu passen auch weitere Kennzahlen.

Nicht ignorieren sollte man inmitten der Euphorie den beginnenden Abschwung, den auch die zeitnah ermittelten Daten der Fed Atlanta („GDP Now“) erwarten lassen.

Gemessen an diesen Zahlen nähert sich das Wirtschaftswachstum rasch der Marke von Null. Zum Glück leben wir ja in kreativen Zeiten und da lässt dann der Wirtschaft-Onkel grüßen: Weniger Wachstum heißt weiterhin niedrige Zinsen und daher ist alles in Butter. Mit dieser rechte debilen Nummer kommt man in der Finanzbranche immer ein paar Jahre über die Runden. Warum die Zinsen so niedrig sind, darüber spricht man lieber nicht.

Das ist weder das Umfeld für Neueinstellungen noch ein guter Rahmen für die Besitzer konsumabhängiger Immobilieninvestments.

***

Auf Nachfrage: Anteil e-commerce am Einzelhandel.

Print Friendly, PDF & Email

 

Schlagworte: , , , , , , ,

7 Kommentare auf "Vereinzelter Handel"

  1. Aristide sagt:

    Offenbar verschwinden nicht nur rapide US-Einzelhänder, auch die Vergleichszahlen für Europa scheinen unter die Räder gekommen zu sein. 😉

    • Skyjumper sagt:

      Moin @Aristide,

      für Europa weiß ich keine Zahlen. Für DE sind es etwa 1,5 qm/Kopf. Die Zahl ist allerdings schon 2-3 Jahre alt und betrifft alle Verkaufsflächen, also nicht nur die in Einkaufscentern. Wenn das Verhältniss von 1/3 (Einkaufscenter) zu 2/3 (restl. Verkaufsflächen) aus den USA auf DE übertragbar sein sollte (was ich nicht weiß) würde das bedeuten, dass es in den USA etwa 4x so viel Einkaufscenterflächen pro Kopf gibt wie in Deutschland. Dieses Verhältnis wäre heftig und erscheint mir daher hinterfragungswürdig, wozu ich jetzt allerdings keine Zeit habe.

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo Aristide,

      der Chart mit den europäischen Zahlen ist wieder vorhanden. Die Zahlen für Europa sind in Quadatmetern angegeben, der Umrechungsfaktor in Quadratfuss ist daher enthalten.

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

  2. Lickneeson sagt:

    Wertes Bankhaus,

    ein Chart: Einzelhandel im Vergleich zum Onlinehandel wäre sehr interessant. Auch wenn das Wachstum allgemein deutlich auf dem Rückzug ist ist m. E. Amazon & Co der Totengräber der Shopping Malls. Ob das positiv ist oder nicht sei mal dahingestellt. Im Kapitalismus geht das Kapital dahin wo es mehr wird, d.h. langfristig werden kleine Shops und Fussgängerzonen aussterben.

    Zum Konsumverhalten der Amis sage ich mal lieber nix…

    MfG

  3. Lickneeson sagt:

    @ Bankhaus Rott

    Besten Dank.

    MfG

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.