Verbotene Zone: Aktien auf Kredit

31. August 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow, Zeitlos

von Bankhaus Rott

Nicht viel fällt derzeit in die Kategorie guter Long-Positionen. Wer in unsicheren Zeiten auf eine sichere Wette aus ist, kann immerhin auf vermehrten Aktionismus setzen. Die Hektik schwingt in Phasen großer Nervosität routiniert das Zepter. Verunsicherte Entscheider suchen auf die Schnelle nach vermeintlich Verantwortlichen, um sie schnurstracks an den Pranger zu stellen…

 Ansätze struktureller Lösungen haben schlechte Chancen, Eingang in Diskussionen zu finden. Wie sollte es anders ein? Wer Eigenkapital, Ratings und Staatsverschuldung durcheinanderbringt, verliert leicht die Übersicht. Der Short-Seller ist alle Jahre wieder einer der Hauptverdächtigen der verwirrten Großstrategen. Wer etwas verkauft, was er gar nicht hat, der bietet sich bei Reden auf dem Marktplatz als Sündenbock natürlich geradezu an. Da gibt’s kein Pardon und das gewohnte „Bündel an Maßnahmen“ wird eilends geschnürt.

Dieser Marktteilnehmer hat in der politischen Rangliste der Bösewichte selbst dem Hütchenspieler den Rang abgelaufen. Ob das daran liegt, dass das Hütchenspiel die Grenze des ökonomischen Verstandes so manch Berliner und Brüsseler Protagonisten markiert? Wo ist die rote Karte, wo ist die schwarze Karte – viel differenzierter sind leider auch die Darbietungen in Funk und Fernsehen selten.

Wir blicken heute auf das Gegenstück des Leerverkaufs, den Aktienerwerb auf Kredit. Aktien zu verkaufen, die man gar nicht hat, und dafür Geld zu bekommen, ist schließlich nicht seltsamer, als Aktien mit Geld zu kaufen, dass man nicht hat. Oder?

Der kreditfinanzierte Kauf von Aktien oder anderen Wertpapieren ist nichts Neues. Er stellt den Kern des heutigen Großbankengeschäfts dar. Ein Institut leiht sich Geld und kauft mit diesen Mitteln Wertpapiere. Ein bedeutender Teil der Finanzierung des Bankensystems sind die Einlagen der Kunden. Diese sind nichts anderes als sehr kurzfristige und spottbillige Darlehen an die Bank. Die geringen Kosten haben einen Haken, Einlagen sind flüchtig, sie können schnell abgehoben werden. Jede Bank bekommt in kürzester Zeit massive Probleme, wenn diese Gelder schlagartig abfließen. Die mit diesen Darlehen finanzierten Anlagen lassen sich in der Regel nicht so schnell reduzieren, wie die Mittel abschmelzen. Die Folgen eines solchen bank run sind dramatisch.

Wenn private oder institutionelle Investoren Wertpapiere auf Kredit kaufen, kann sich ein ähnliches Szenario entwickeln. Nehmen wir an, ein Anleger lässt sich einen Wertpapierkredit einräumen und der Broker bietet dem Kunden einen Hebel von fünf. Mit einer Million Eigenkapital kann der Investor nun Assets für fünf Millionen Euro erwerben. Beim Aktienkauf ist das gang und gäbe – von einem Verbot oder auch nur einer Einschränkung des Hebels haben wir bisher aus der politischen Szene dennoch nichts gehört. Kaufen wird generell positiv bewertet, so scheint es, und verkaufen ist per se böse. (Seite 2)

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6 Kommentare auf "Verbotene Zone: Aktien auf Kredit"

  1. FDominicus sagt:

    Wie wäre es diese Aktienkäufer einfach in’s Messer laufen zu lassen und nicht auszukaufen?

  2. vegaman sagt:

    Wieder einmal ein sehr interessanter und informativer Artikel.
    Ich habe 2 Anmerkungen bzw. Fragen:
    1.) Habe ich nicht hier vor Kurzem (hier auf dieser Website??) gelesen, bei Kursstürzen geht kein Geld verloren? Das könnte man bei einer Kreditfinanzierung mit einem Faktor von über 8 bei Weitem nicht mehr behaupten. Denn schließlich ist ja bei Begebung des Kredites Geld entstanden. Wenn nun durch Fallen der Aktien die Kreditsummen ebenfalls (massiv! Hebel!) abgebaut werden, so wird ja tatsächlich in etwa so viel Geld zerstört, wie der Wertverfall der Aktien anzeigt! Die schlappen 12% Eigenkapital (bei Margin Debt > 800%) kann man da ja getrost vernachlässigen.
    2.) Es besteht m.E. sehr wohl ein Unterschied zwischen Aktienkauf auf Pump und Leerverkauf. Während bei Aktienkauf auf Pump im schlimmsten Fall man selbst (und evtl. der Kreditgeber) betroffen ist, erscheint mir die Lage beim Leerverkauf bei weitem nicht so klar. Wer hat die Stücke verliehen? Und sind es wirklich die eigenen Stücke oder evtl. die der eigenen Kunden? Haben diese Kunden (bewusst!) zugestimmt? Wie sieht dies beim naked short aus? Wo kommen die Stücke her? Werden hier sogar Stücke unkontrolliert „emittiert“? Bei welchen Aktiengattungen ist das tatsächlich möglich? Geben Namensaktien hier einen Schutz?

    Beste Grüße

    vegaman

    • auroria sagt:

      Auch beim Aktienkauf auf Pump ist letztlich nicht so genau klar, wer betroffen ist. Wenn man selbst zu hohe Verluste macht, hängt der Kreditgeber mit drin, also eine Bank. Und wenn die dadurch hohe Verluste macht, sind auch deren Kunden, die dort Geld angelegt haben betroffen usw.

      Einen Unterschied gibt es aber: Beim Kauf auf Kreidit, ist der maximale Verlust begrenzt, bei Leerverkauf nicht.

      • Bankhaus Rott sagt:

        Hallo

        @auroria

        Ja, im Prinzip ist das mit den unbegrenzten Verlusten richtig, allerdings dürfen die Wahrscheinlichkeiten nicht vergessen werden. Wir haben schon sehr viele Papiere auf Null fallen sehen und noch keins auf „unendlich“.

        Beste Grüße an alle
        Bankhaus Rott

  3. vegaman sagt:

    @auroria, Bankaus Rott:
    Na ja, das ist zwar richtig, aber das mit dem Kreditausfall ist bei jedem Kreditgeschäft der Fall und betrifft „das Innenverhältnis“ zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer (im schlimmsten Falle also auch das Verhältnis zwischen Sparer und Bank…darum geht es ja seit 3-4 Jahren…).
    Aber: Beim Kauf von Aktien auf Kredit sind wenigstens die Besitzverhältnisse bei der Aktien-Transaktion klar. Das scheint mir beim Leerverkauf nicht (immer) der Fall zu sein. Die entscheidende Frage ist doch: Gehört die Aktie wirklich mir, wenn ich sie gekauft habe, oder muss ich damit rechnen, dass mir irgendwann jemand sagt: „Pech gehabt, da hättste Du besser mit paypal bezahlt, da gibts Käuferschutz“ (was immer der Wert ist…). Wie real ist diese Gefahr überhaupt? Und wenn sie real ist, welche Möglichkeiten gibt es eigentlich, sich vor solchen Szenarien zu schützen?

    Beste Grüße

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