Ver-rücktes von der Kopfschmerz-Bank

12. November 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Frank Meyer) Für die Commerzbank habe ich immer etwas übrig: Je nach Tageskurs eine Mischung aus Mitleid, Erstaunen und Aufmerksamkeit. In letzter Zeit eher Mitleid. Die Erfolgszahlen für die letzten neun Monate waren nicht gerade der Knaller. Das drum herum schon. Eigentlich wollte ich nichts dazu schreiben, aber als Staatsaktionär kann ich nicht anders…

Soweit in Erfahrung zu bringen war, gibt es 5,8 Milliarden Coba-Papiere. Dem Staat gehört ein Viertel, also 1,45 Milliarden Stück. Tolle Wurst! Alle zusammen bringen sie es an der Börse auf 8,7 Milliarden Euro. Rechnerisch besitze ich also 18 Commerzbank-Aktien zum derzeitigen Gegenwert von 23,94 Euro oder einem großen Schnitzel mit Salat. Frankfurt ist teuer. Nur die Coba nicht. Da sollte mich die Bank doch interessieren.

Aufgeregt kam am Donnerstag unser Filmmacher in unser Büro gestürmt und erzählte, dass es auf der Pressekonferenz noch freie Stühle zu sehen gegeben hätte, wenn nicht aufmerksame Coba-Mitarbeiter diese mit eigenem Personal aufgefüllt hätten. Die Pressekonferenz zu den Quartalszahlen war fernsehtauglich vorbereitet, doch die Anstalten schienen sich nicht sonderlich für „LIVE aus Tower“ dafür zu interessieren.

Sollte sich aber einer der immer noch hoffenden und bangenden Aktionäre irgendwann auf irgend eine Webplattform verirren, soll das gut aussehen und nicht nach mangelndem Interesse, war meine Überlegung. Ich kann da schief liegen. Also wurde kurzerhand Personal in die Reihe der Besucher der Pressekonferenz gesetzt – erkennbar an gelben Krawatten bei den Herren und Tüchern bei den Damen, sagte der Redakteur. Es erinnert irgendwie an die DDR, dachte ich. Später gibt es vielleicht noch passende Winkelemente.

Commerzbank – eine Mischung aus „Ideen nach vorn“, dem grünen Band der Sympathie, technischer Pleite und gelber Gefahr. Die Deutsche Bank soll nach einer neuen Studie „gefährlicher“ sein, was immer damit gemeint war – vielleicht wegen ihrer Derivateposition. Ich habe mich immer gefragt, warum die Coba damals kurz nach dem Aufkeimen der sogenannten Finanzkrise die Eurohypo übernommen hatte und dann auch noch die Dresdner Bank von der Allianz. Haben die damals in München gefeiert! Vielleicht dachte man sich, dann, wenn man drei brennende Häuser zusammen schiebt, brennt es weniger und man nur einmal löschen muss – was dann ja auch geschah.

Seitdem wird die oft liebevoll „Coba“ genannte Bank, die mit einem Kurs von 1,35 Euro pro Papier auf dem Parkett notiert, auch mal scherzhaft „Kommerz-Amt“ oder „Kopfschmerz-Bank“ genannt, nachdem der Steuerzahler einspringen musste. Zinsen für den 18,2 Milliarden Euro schweren Not-Einstiegs des Staates gab es entgegen aller Absprachen nie. Nach HGB-Bilanzierung gab es 2010 und 2011 leider, leider, leider, leider, leider keinen Gewinn – dafür aber im letzten Jahr rund 400 Millionen Euro Bonus an die Mitarbeiter – für besondere Leistungen, stand in den Zeitungen.

Der Staat stützte 2008 die Commerzbank mit 18,2 Milliarden Euro. Vorstände durften nur 500.000 Euro jährlich verdienen. 2011 hat die Coba über eine Kapitalerhöhung 14,3 Mrd. Euro der stillen und schweigsamen Einlagen des Bundes von 16 Mrd. Euro zurückgezahlt. CEO Martin Blessing sagte:

„Mein Verständnis ist, dass, wenn wir im Juni die Rückzahlung geleistet haben, die Gehaltsdeckelung aufgehoben ist.“

Interessant dann auch die Bewegungen anhand der Insider-Käufe – und Verkäufe…

Die Kopfschmerzen blieben bei den restlichen Aktionären und Steuerzahlern. Mein Kollege Rott nennt die Bank bösartigerweise „Bank Bless“ oder „Loch Bless“ und manche Mitarbeiter, die dort noch Boni erhalten, „Unterbezahlte Verlustbringer„. Dabei ist Blessing nur derjenige, der die Kartoffeln aus dem Feuer zerren will.

Um die Bank wieder nach vorn zu bringen (wo ist vorn, wenn man hinten liegt, aber nicht weiß, wo vorn und hinten ist?) sollen die „Personalkapazitäten“ angepasst bzw. einige tausend der 56.287 Mitarbeiter dem Arbeitsmarkt zur Verfügung gestellt, meldete „Die Zeit“…

Wenn ich es richtig verstanden habe, gab es bei der Commerzbank einige Bless-uren. Deshalb baut man die Bank schon wieder um. Kostenpunkt: Zwei Milliarden Euro. Woher kommt das Geld? Eine Milliarde Euro soll ins Privatkundengeschäft gepumpt werden – um unter anderem mit Werbung („Ideen nach vorn!“) wieder Vertrauen in die Sache bringen. Ich bin gespannt, wie man das macht.

Kam eigentlich jemand mal auf die Idee, wie man eine deutsche Bank abwickelt? In den USA ist man da schon weiter. Kollege Rott hat sich die Sache mit J.P.Morgan angesehen. Demnächst gibt es mehr zu diesem Thema – anhand der Commerzbank. Rotti sollte Chefabwickler werden.

Das Privatkundengeschäft der Coba brachte in den letzten neun Monaten netto 215 Millionen Euro ein. Auf die elf Millionen Kunden gerechnet, ist das ein Gewinn pro Kunde von knapp 20 Euro. In neun Monaten. Einfacher ausgedrückt: Jeder Kunde bringt der Commerzbank im Monat 2,22 Euro oder den Gegenwert von neun Pfandflaschen. Läuft es in den anderen Bereichen mal schlecht, ist das auch schnell aufgebraucht. Doch wozu braucht man dann so viel Bank? Und deshalb eine Bitte aus Gründen der Stabilität: Bitte verzichten Sie auf postalischen Verkehr und bestehen Sie auf elektronische Kommunikation! Besser noch: Werfen Sie übrig gebliebene Pfandflaschen in passende Behältnisse im Raum der Auszugsdrucker und Geldautomaten.

Das mit den Banken ist eine komplizierte Angelegenheit. Einfach zu verstehen ist, dass Banken die Einlagen ihrer Kunden lieben. So können sie auf dieser Basis ein Vielfaches an oft überteuerten Krediten herausgeben. Überziehungen kosten schon mal 19 Prozent im Jahr. Irgendwie müssen ja die Kosten beglichen werden und auch eventuell auftretende Schäden, wenn Kredite faul werden. Danach sieht es gerade aus. Inzwischen gibt es Überlegungen, die Zinsen verbraucherfreundlich zu deckeln.

Und da gibt es ja noch eine internen Abwicklungsbank bei der Bank mit dem gelben Band der Sympathie. In dieser „Bad Bank“ sind Schiffs- und Immobilienkredite und auch die früher so sichere Staatsanleihen gebündelt. Die „Vermögenswerte“ von 160 Mrd. Euro sollen bis 2016 „wertschonend“ auf 90 Mrd. Euro abgebaut werden. 40 Prozent der Summe sind Schiffs- und Immobilienkredite. Das wird spannend, nach dem, was man aus der Schiffsbranche alles so hört.

Ich bin aber auf die Kundenoffensive gespannt. Kostenpunkt: Eine Milliarde Euro. Dafür kann man zwei Milliarden Briefe verschicken oder per Flatrate auf dem Telefon 10 Milliarden Leuten auf den Nerv gehen – oder auch 500.000 Anzeigen in den Zeitungen schalten. Die gibt es gerade preiswert. Eigentlich hätte man sich das alles ja sparen können, wenn man das Vertrauen nicht verloren hätte, wie mit solchen Aktionen, 50 Euro an Neukunden zu geben und 100 Euro, wenn die Kunden nicht zufrieden sind.

Was ist das? Soweit ich es übersehen konnte, hatte die Commerzbank Ende Juni 7,9 Billionen Euro an Derivaten auf der Bilanz. Ende September waren es 8.04 Billionen Euro. Wenn dort ein Prozent ausfallen sollte, wäre es kein Problem – sollte es der Bank Bless gelingen, ein paar Milliarden Kunden für das Privatkundengeschäft zu gewinnen. Von daher erscheint die Suche nach Leben auf dem Mars als durchaus berechtigt.

Vor einem Jahr bot die Bank Zertifikate auf den eigenen Untergang an, bzw. darauf, wenn die Aktie unter einen Euro fallen würde. Anders herum: Je tiefer das Papier stürzt, desto mehr kann man mit zwei von den Zertifikaten daran verdienen. Das nur nebenbei. Ich würde nicht darauf wetten. Unter einer Voraussetzung: Zehn Milliarden neue Kunden bis Ende 2013.


Hinweis in eiger Sache. Man nennt das auch Disclaimer: Uns ist der Kurs der hier besprochenen Papiere völlig schnurz. Wir halten weder welche noch haben das jemals vor. Jeder ist für sich verantwortlich. Da das „Denke selbst“ heute nur noch im Fremdwörterbuch zu finden ist, müssen und wollen wir strikt auf diesen Umstand hinweisen.

 

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4 Kommentare auf "Ver-rücktes von der Kopfschmerz-Bank"

  1. FDominicus sagt:

    Vielleicht bin ich etwas nickelig. Sie schreiben:
    „Der Staat stützte 2008 die Commerzbank mit 18,2 Milliarden Euro. Vorstände durften nur 500.000 Euro jährlich verdienen. 2011 hat die Coba über eine Kapitalerhöhung 14,3 Mrd. Euro der stillen und schweigsamen Einlagen des Bundes von 16 Mrd. Euro zurückgezahlt. “

    Nun d.h doch es sind immer noch 1,7 Mrd mit denen der Bund beteiligt ist (also ich?).

    Die Börsenkapitalisierugn beträgt derzeit:
    7,94Mrd.

    Darf ich das so verstehen das von den 14,3 Mrd so gut wie alles „versenkt“ wurde? Nun ja die alten Aktien sollten ja auch noch einen „gewissen“ Wert haben.

    Der Staat (also auch ich) ist doch mit glatt „nur“ 1,7 Mrd Verlust aus dem Geschäft mit der Coba herausgekommen?

    • Frank Meyer sagt:

      Da gab es doch noch ne KE zu rund 6 Euro… damals beim Einstieg des Staates .. sind nur noch 1,40 Euro.. Tja

      • FDominicus sagt:

        Hm, wo stehen wir dann mit den Verlusten? Soweit ich weiß war doch der Kurs beim Einstieg so um die 5 Euro. Also verstehe ich das richtig mit dem neuen Geld wurde „angeblich der Staat ausbezahlt und damit die Verluste an die Privaten weitergereicht? Wer hat denn damals die Kapitalerhöhung mitgetragen?

        Irgendwie entgeht mir das was….

  2. purity sagt:

    Die Bilanzen der Banken sind immer schwerer vergleichbar:
    http://www.faz.net/aktuell/finanzen/aktien/im-gespraech-claus-peter-wagner-ernst-young-die-bilanzen-der-banken-sind-immer-schwerer-vergleichbar-11934539.html
    „Die Commerzbank hat nach IFRS im Jahr 2011 rund 1 Milliarde Euro Gewinn gemacht, nach deutschen HGB-Regeln 1 Milliarde Euro Verlust.“

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