Vae Victis

7. Juni 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Ronald Gehrt) Am Mittwoch, wurde an den Börsen ein heißer Sommer eingeläutet! Und manch einer wird am Ende zu den Besiegten gehören … wenn er nicht genau hinsieht, sich auf eine feste Meinung über die kommende Kursentwicklung versteift oder einfach nicht versteht, was hier vorgeht. Und zur letzten Gruppe gehören leider viele … meist relativ unverschuldet. Denn…

Ein entscheidender Grund, weshalb sich viele Anleger nach relativ kurzer Zeit wütend oder enttäuscht von der Börse abwenden, ist die Tatsache, dass man hier ein Schlachtfeld betritt, auf dem sich Bullen und Bären weltweit 24 Stunden am Tag gegenüberstehen. Und immer wieder scheinen geisterhaft hinter den Veränderungen auf dem Kursticker die Worte hindurch: vae victis. Wehe den Besiegten!

Klar, wenn einem im Vorfeld von wem auch immer vorgegaukelt wurde, dass man an der Börse mit begrenztem Risiko und mit wenig oder gar keinem Fachwissen und Zeitaufwand Gewinne erzielen könne, die einem die Tränen des Glücks in die Augen treiben, kann man nur enttäuscht sein. Denn so funktioniert die Börse nicht. Nicht nur heutzutage nicht. Nein, so war sie noch nie. Was übrigens in der Natur der Sache liegt, denn eine „einfache“ Börse würde bedingen, dass eine Seite sich freiwillig geschlagen gibt ihr Geld widerstandslos der Gegenseite als Kriegsbeute überlässt. Blödsinn.

In unserer letztlich ja in fast allen Bereichen „frisierten“ Realität jedoch gibt es die Seite der Verlierer offenbar nicht. In der Berichterstattung ist immer wieder zu hören, dass die zahllosen erfolgreichen Anleger ihre Gewinne mitnehmen. Dass unter dem Strich viel mehr Investoren permanent ihre Verluste realisieren müssen oder sie deprimiert und tatenlos anwachsen lassen, davon hören und lesen wir höchst selten.

Hinzu kommt, dass die Börse angeblich furchtbar einfach zu sein scheint. Zu jeder Kursbewegung gibt es irgendwelche einleuchtenden Begründungen. Erst, wenn man sich durch eine ganze Phalanx an Enttäuschungen hindurch gekämpft hat und sich entgegen der Propaganda der Medien und Finanzindustrie ernsthaft mit der Materie befasst hat, erkennt man, wie oft die Nachrichten entsprechend den Kursbewegungen nachträglich zurecht gebogen werden. Die wahren Gründe für Kursveränderungen sind meist völlig andere. Und dass wir von denen so selten etwas zu sehen bekommen, liegt nicht daran, dass sie geheim oder gar verwerflich wären. Sie sind entweder zu kompliziert, um sie in kurzen Artikeln oder Nachrichtenschaltungen zu erklären … oder, was in den letzten Jahren insbesondere in Deutschland zunimmt: Diejenigen, die uns berichten sollen/wollen, warum wann was wie passiert ist, verstehen selbst zu wenig davon.

Schlimm, sicher. Aber wer mit der Tatsache nicht zurechtkommt, dass die Börse ein Dschungel ist, dürfte heutzutage grundsätzlich Probleme mit der Realität bekommen. Denn wird nicht in allen Bereichen des Lebens beflissen ein rosa Bild gezeichnet, das mit unserem eigenen Leben immer seltener übereinstimmt? Hören wir nicht dauernd, dass es Deutschland gut gehe – nur in unserem eigenen Geldbeutel bleibt Jahr für Jahr weniger übrig, weil wir unter einer Inflation leiden, die offiziell nicht existiert? Erklärt man uns nicht seit zwei Jahren, dass die Euro-Krise in den Griff bekommen wird, in Wahrheit ist die Lage den Verantwortlichen jedoch längst entglitten? Wird man nicht immer wieder auf die fantastischen Chancen in der Selbstständigkeit hingewiesen, ohne zu erfahren, dass die große Mehrheit von Unternehmensgründern nach jahrelangem, harten Kampf letzten Endes untergehen? Tut man in den USA nicht momentan so, als hingen alle Probleme an Europa und verschweigt dabei, dass das Land selber mindestens genauso tief in der Tinte sitzt?

Nun, das Volk mag keine Verlierer, das war schon immer so. Die haben keine Lobby und schwimmen in der farblosen Suppe, die seit jeher den Fond für die wenigen, aber medial alleine präsenten Sahnehäubchen stellt. Aber ich frage mich: Was tun all diejenigen, die sich wütend und enttäuscht von der Börse abwenden, ansonsten? Nicht nur die Börse ist so, unsere ganze Welt ist nun einmal so gestrickt. Wir haben nur diese eine, also warum stellt man sich dieser Realität nicht und versucht, mit Engagement und Disziplin das Beste daraus zu machen? Wie im Rest unseres Lebens ist es auch an der Börse grundsätzlich ein relativ langer Weg, um sich aus der großen Gruppe der Verlierer heraus zu kämpfen, keine Frage.

Aber allein die faszinierende Komplexität, die damit einhergehende Spannung, die Tatsache, dass wir jeden Tag mit einer neuen Situation, einer neuen Herausforderung konfrontiert werden, ist doch schon Grund genug, sich dahinter zu klemmen. Jeden Tag lernen auch alte Hasen etwas Neues, finden etwas anderes hinter dem Vorhang offizieller Verlautbarungen. Für mich kann es keine schönere Arbeit geben. Und gerade jetzt lohnt es sich, genauer hinzusehen, denn… (Seite 2)

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4 Kommentare auf "Vae Victis"

  1. MARKT sagt:

    Komplett Ihrer Meinung. Es wird noch spannender.

    Es werden wohl beid noch Ihrer Chance bekommen die Bullen zuerst, bis zum Verfall (unterstützt von der Bankenrettung Spaniens, Verabschiedung ESM u.ä. Katastrophen) aber dann dürften wir über einige Wochen heftigste Bärenmarktphasen sehen. Wir dürfen gespannt sein.

    Wohin sich die Aktienindizes mittelfristig bewegen werden zeigen CAC40, IBEX35, MIB und nicht zuletzt aber am deutlichsten ASE. Zeithorizont 4-5 Jahre ?
    Aber dann werden Aktien richtig lukrativ.

    • Avantgarde sagt:

      Vor allem sollte man sich auch ab und zu den Nikkei anschauen.
      Nix Hyperinflation – trotz Geld „druckens“ ohne Ende – was eigentlich nach Ansicht einiger gar nicht hätte geschehen dürfen ist eingetreten: Dauerdeflation.

      Kann mich noch gut an die Sprüche von damals erinnern die in die Richtung ..von Japan lernen heisst siegen lernen…. gingen.

      Lean Administration, lean Production 🙂

      Japan der gefeierte Exportweltmeister, der die Automobil und Elektronikindustrie erzittern ließ.

  2. Avantgarde sagt:

    „..Zu jeder Kursbewegung gibt es irgendwelche einleuchtenden Begründungen. Erst, wenn man sich durch eine ganze Phalanx an Enttäuschungen hindurch gekämpft hat und sich entgegen der Propaganda der Medien und Finanzindustrie ernsthaft mit der Materie befasst hat, erkennt man, wie oft die Nachrichten entsprechend den Kursbewegungen nachträglich zurecht gebogen werden…“

    Jeden Tag in der ARD-Börse schön zu sehen – ein Paradebeispiel.

    Und ehrlich gesagt ich finde es zum K.. , daß die Menschen ständig zwangsbeschallt werden – wobei doch der Anteil der Aktienbesitzer ohnehin nur im 1-stelligen Prozentbereich liegt.
    Scheint als gehöre dies zur Werbestrategie der Fonds: Es den Leuten auf lustige Weise schmackhaft zu machen endlich mit am großen Rad zu drehen und als Plankton für das große Geld zu dienen.

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