Vabanque a la Papandreou ?

2. November 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Ronald Gehrt

Ei, da haben aber einige blöd aus der Wäsche geschaut. Da kommt der griechische Premier Papandreou daher und will seine eigene Bevölkerung darüber abstimmen lassen, ob sie sich weiter die Renten, Sozialausgaben und Jobs kürzen und beschneiden lassen will…

Was ist denn in diesen Mann gefahren? Ein griechischer Journalist formulierte das auf CNBC am Dienstagabend so, dass Papandreou dem mentalen Druck der Situation nicht mehr gewachsen sei. Was letztlich bedeuten soll, dass bei ihm eine Schraube locker ist. Und jetzt hört man munkeln, das Kabinett stehe nach einer Krisensitzung vom Dienstagabend auch noch hinter ihm.

Unglaublich. Dieser Mann kann doch nicht wirklich auf einmal Demokratie praktizieren! Bürger, die mit entscheiden dürfen über Dinge, die sie unmittelbar betreffen! Anstatt dass sich die Politiker darum kümmern, die mal von der Mehrheit der wählenden Bürger dafür gewählt wurden, dass sie den Wählern danach einige Jahre lang vorschreiben, was diese zu wollen haben. Ha! Nachher kommt noch jemand daher und erinnert die EU daran, dass auch bei uns irgendwo hingekritzelt wurde: ‚Alle Macht geht vom Volke aus’. Nachher drehen alle durch und wir werden auch noch gefragt! Dabei verstehen wir doch gar nichts von der Sache. Die Politiker zwar auch nicht, aber die sind kraft ihrer Ämter qualifiziert.

Dass der Rest der EU da hektisch umherspringt wie Popcorn im Ofen, ist kein Wunder. Die haben sich einen so schönen Plan zurecht gestritten, ohne irgend jemand der unqualifizierten Plebejer auf der Straße zu fragen. Erstens, weil die höchstens als Wahlvolk taugen, was manch einem Politiker sicherlich auch schon zu viel ist. Und zweitens, weil all diese Aktivitäten um eine längst geborstene EU immer nur höchst bedingt im Sinne der Menschen war. Vielmehr waren diese Aktivitäten auf die Wirtschaft und das eigene Fortkommen ausgerichtet. Das kann der Bevölkerung nicht gefallen, im sich konjunkturell zu Tode sparenden Griechenland nicht, in den meisten anderen Staaten auch nicht. So gesehen ist die helle Aufregung der EU-Oberen schon verständlich.

Und da man ja schon Übung hat und das kleine Köfferchen mit dem Nötigsten wohl überall im Flur bereit steht, war es eine Kleinigkeit, den nächsten EU-Krisengipfel gleich für heute Abend einzuberufen. In Cannes natürlich. Die Lage würde zwar eher zu einem Treffen in Wanne-Eickel passen, aber man hält ja auf sich. Und die paar Euro für die Kosten solcher Zusammenkünfte haben wir ja locker. Jetzt, nachdem wir um 55 Milliarden solventer sind, als wir dachten. Als Börsianer sollte man dabei aber darauf achten, vor lauter Papandreou nicht Bernanke aus den Augen zu verlieren, der mit seiner US-Notenbank am Abend ebenfalls etwas von sich geben wird. Oder gar die US-Arbeitsmarktdaten am Freitag. Denn auch da brennt die Heide. Aber zurück zum Thema:

Was hat sich der griechische Premierminister also dabei gedacht? Vielleicht mehr, als die anderen denken. Es könnte zum einen sein, dass ihn das Gewissen plagte. Man mutet seinem Land, von außen aufgezwungen, massive Einschnitte zu, die jeden vernünftigen Volkswirt sofort erkennen lassen, dass Griechenland dadurch längerfristig außerstande sein würde, auf eigenen Beinen zu stehen. Würde man die Volksabstimmung durchbekommen und diese mit einem „nein“ zu weiteren Milliarden zum Preis kolonialer Abhängigkeit enden, könnte man die bisherigen Maßnahmen sofort rückgängig machen. Und ob es dann zu einem Staatsbankrott käme – nun, was soll’s? Die Märkte rechnen ohnehin damit, trotz der geflossenen und noch fließenden Milliarden. Und die Alternative wäre eine Dauer-Rezession nebst permanenter sozialer Unruhen. Das soll besser sein? Für die EU vielleicht, aber nicht für Griechenland. Und… (Seite 2)

 

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7 Kommentare auf "Vabanque a la Papandreou ?"

  1. crunchy sagt:

    Zunächst will Papa mal seine Haut und die seiner Partei retten, bevor das Volk beide zusammenhaut. Zu verlieren gibt es für Griechenland nichts, da die Schulden, so, wie von den freundlichen Geldgebern vorgesehen, nur eine unendliche Hypothek und keine endgültige Lösung mit Restart sind. Eine Cashmachine für das anglo-amerikanische (inkl. holl. Königshaus) Geld-Establishment, wie sie von diesem auch initiiert wurde, frisst mal eben die Zukunft eines Volkes und später eines Kontinents auf, war aber ein glänzendes Geschäft.
    Die EURO-Politiker sind dabei Gefangene des Systems.
    Sie haben zunächst nicht an eine solche Verschwöhrungstheorie glauben können. Und nun, da sie sich offenbart, können sie ihren Wählern die Wahrheit nicht erklären, da das politischer Selbstmord wäre.
    So gibt man im Zweifel den Wünschen Papas nach, der die Dividende für seine Gefolgschaft (G.S.- Draghi)
    mit seinen Wählern teilen darf. Ich frage mich, was bei dem heutigen Krisengipfel sonst beschlossen werden sollte. Die 8 Mrd. sind sowieso schon auf dem Weg. Merkozy und die Wacht ohne Macht (Lagarde) stehen den Helfern der Geldmafia hilflos gegenüber.

  2. Lotus sagt:

    Ich sehe die Kernzonen-EU nicht kommen. Dazu fehlt es am Willen der Kernländer, ihre Souveränität aufzugeben. Außerdem werden andere Regierungschef bis dahin gewählt sein. Eine Kernzonen-EU evtl. für 2025? Na mal sehen, ob nur die Erwähnung/Äußerung nicht schon Anlaß für Attentate auslöst. Die Wut in Europa ist gegenwärtig und nicht mehr aufzuhalten. Jede Wette.

  3. Personenschaden sagt:

    Der Neu-Linke Frank Schirrmacher argumentiert in der FAZ ja ähnlich:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/der-griechische-weg-demokratie-ist-ramsch-11514358.html

    Worüber will Papandreou das griechische Volk abstimmen lassen ? Das setzt doch Handlungsalternativen voraus, die es real gar nicht gibt. Entweder man akzeptiert die Bedingungen der Gläubiger bedinungslos, oder es wird keine nächste Tranche der EFSF-Hilfen überwiesen und man wandert in die unkontrollierte Pleite mit der Nicht-Zahlung von Renten und Staatsbezügen im November.

    Oder will sich Papandreou den Rücken freihalten und die unkontrollierte Pleite von einer Volksabstimmung legitimieren lassen, um nicht selbst „laterniert“ zu werden, getreu dem Motto: das Volk hat für die Pleite votiert, ich bin unschuldig.
    Warum thematisiert Schirrmacher nicht das Demokratiedefizit in D-land, wer fragt den deutschen Steuerzahler im Plebiszit, wie lang er das Spiel noch mitspielen will ?

    Aber richtig, den deutschen Steuerbürger hat man ja noch nie zu Euro-Entscheidungen per Referendum befragt, warum sollte man ausgerechnet jetzt damit anfangen ?

  4. DonTrader sagt:

    Volksabstimmung wegen drohenden Militärputsch?

    In Griechenland wurde kurzfristig der gesamte Generalstab ausgetauscht:
    – General Ioannis Giagkos, Generalstabschef, durch Generalleutnant Michalis Kostarakos;
    – Generalleutnant Fragkos Fragkoulis, Chef des Generalstabs der Armee, durch Generalleutnant Konstantinos Zazias;
    – Generalleutnant Vasilios Klokozas, Chef der Luftwaffe, durch Luftmarschall Antonis Tsantirakis;
    – Vizeadmiral Dimitrios Elefsiniotis, Chef der Marine, durch Konteradmiral Kosmas Christidis.

    http://www.noows.de/griechenland-ersetzt-militaerfuhrung-hat-papandreou-angst-vor-einem-militaerputsch-32729

  5. Andre sagt:

    Sehr toller Artikel, ja Herrn Gehrt gelingt es immer wieder, die Dinge beim Namen zu nennen! Aber vielleicht weht der „Wind“ auch aus dieser Richtung?

    http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2011/11/papandreou-ersetzt-gesamte.html

    Vorstellen könnte ich mir dies durchaus!

  6. DonTrader sagt:

    Merkel denkt sicherlich: „Volksabstimmung? Was ist das?“

    Als ehemalige FDJ-Sekretärin wird sie Papandreou ein altes FDJ-Lied vorsingen: „Sag mir wo Du stehts …“

    http://www.youtube.com/watch?v=tyShCNbsplI&feature=results_main&playnext=1&list=PLB395559A6A6913EE

    Darum liebe EWU-Genossen:

    http://www.youtube.com/watch?v=3XMZwE055qo

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