USA – das große Wirtschaftswunder

19. Januar 2009 | Kategorie: Kommentare

Nein, liebe Leser, Sie haben richtig gesehen und gelesen. Die US-Wirtschaft ist im zweiten Quartal gewachsen. Die Nachrichten aus der realen Welt erzählten zwar von ganz anderen Dingen, aber dank offenbar betrunkener Taschenrechner hat man eine fabelhafte Zahl aus dem Hut der bunten Hasen gezaubert und den Dow Jones einen Schubs nach oben verpasst…

Vielleicht hat man sich einfach ver-rechnet. Doch der S&P500 hat sich schnell ein Bullenhorn aufgesetzt und die Bären in die Flucht geschlagen. Der Tag scheint gerettet. Wir lesen auf yahoo.de

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) legte auf Jahresbasis um 3,3 Prozent zu, wie das Handelsministerium in Washington am Donnerstag in einer zweiten Schätzung mitteilte. In einer ersten Berechnung war von 1,9 Prozent ausgegangen worden. Ökonomen hatten erwartet, dass die US-Regierung diese Zahl auf 2,7 Prozent nach oben korrigiert. Im ersten Quartal war die Wirtschaft um 0,9 Prozent gewachsen.

Das Zauberministeriun führt diese Daten vor allem auf Rekordexporte (+13%) und eine vorübergehende (???) Stimulierung durch Steuerrückzahlungen im Rahmen des Konjunkturprogramms der Regierung zurück. „Die Daten sind besser als erwartet“, kommentierte HSBC-Volkswirt Stefan Schilbe. „Das ist aber nur ein Strohfeuer, das von dem Konjunkturpaket der US-Regierung ausgelöst wurde.“

Das heißt übersetzt, die Wirtschaft wurde gedopt, mit Geld von Steuerzahlern an die Steuerzahler, bzw. mit neuen Schulden, von denen niemand weiß, wie sie jemals zurückzuzahlen sind. Offiziell beträgt die Summe am 27.08.2008 um 20 Uhr 46
Genau 9 Billionen und 639 Milliarden US-Dollar. Das macht pro Nase 31.600 USD aus.
Rechnet man die Zusagen der Sozialsysteme an die Bürger mit ein, bewegt sich die Schuldsumme auf mehr als 60 Billionen USD.

Angesichts der überraschend robusten Wachstumszahlen ist von einer Rezession in den USA laut der DekaBank keine Spur. «Zwar wurde das Wachstum von Sonderfaktoren wie dem sehr starken Außenhandel begünstigt, von einer gesamtwirtschaftlichen Rezession kann aber keine Rede sein», sagte DekaBank-Expertin Gabriele Widmann. Darüber hinaus stelle der vergleichsweise schwache Lageraufbau ein positives Vorzeichen für das Wachstum im dritten Quartal dar. «Für das dritte und vierte Quartale rechnen wir mit Wachstumsraten von je 1,5 bis 2,0 Prozent.»

Auch die Mehrzahl der anderen Beobachter sprangen vor Freude aus den Schuhen. Ich weiß nicht, was die Experten essen und trinken, aber sie vergessen dabei offenbar die Fenster zu öffnen und frische Luft in den Raum zu lassen. Es ist so, als ob man die Zimmer verdunkelt und Nacht prognostiziert, als ob die Heizungen aufgedreht werden und man den Sommer ausruft. Aus diesen komischen Zahlen entstehen komische Analysten und darauf hin wiederum komische Erwartungen mit falschen Handlungen. Harry Potter hätte seinen Spaß.

Erinnern Sie sich an die Schwierigkeiten der US-Banken im zweiten Quartal? Erinnern Sie sich auch an die Probleme der Einzelhändler und deren Gewinnwarnungen, die Probleme der dortigen Baumärkte, der Autobauer der Häuserfirmen und den Verlauf der Aktienkurse? Entweder die Börse spinnt, oder die Zahlen stimmen nicht. Erinnern Sie sich auch an den gestrigen US-Armutsbericht, der besagt, dass 37 Mio. US-Amerikaner und damit jeder Neunte an unter dem Existenzminimum leben? Und erinnern Sie sich, wie die Zahlen der Vergangenheit dann immer und immer wieder nach unten revidiert werden, so dass aus gemeldetem Wachstum urplötzlich Stagnation wird? Was nicht passt, wird passend gemacht. Wie die US-Präsidentenwahl scheint auch die Wirtschaft eine große Show geworden zu sein. Die FTD kommentiert:

Wie machen die USA das bloß? Der Arbeitsmarktstatistik zufolge ist die nichtagrarische Beschäftigung im zweiten Quartal mit einer Jahresrate von 0,6 Prozent gefallen – trotz hehrer Annahmen bezüglich des Stellenaufbaus durch Firmenneugründungen. Die Baubeginne haben neuerlich um knapp elf Prozent nachgelassen, und der Autoabsatz ist im Vergleich zum Vorquartal sogar mit einer annualisierten Rate von einem Viertel eingebrochen. Der US-Ölverbrauch ist im ersten Halbjahr so stark gesunken wie seit 26 Jahren nicht mehr. Kurzum: So ziemlich alles, was man mengenmäßig zählen kann, deutet auf ein wirtschaftliches Drama hin und bestätigt damit die Klagen über das US-Geschäft der Firmen rund um die Welt. Aber nein, laut offizieller Lesart sind die USA im zweiten Quartal um 3,3 Prozent gewachsen. Dass der Außenbeitrag (Exporte plus 13,2 Prozent, Importe minus 7,6 Prozent) 3,1 Prozentpunkte dazu beigesteuert hat, lässt die Sache zunächst plausibel anmuten, ist angesichts des vermeldeten Rückgangs der Industrieproduktion um 3,2 Prozent dennoch irgendwie ein starkes Stück.

Mein Kollege Raimund Brichta fragte heute in der 19-Uhr-Telebörse Jens Korte in New York, ob denn diese Wirtschaftsdaten nicht geschönt seien. Jens Korte erzählte von einem Händler, der meinte, diese Daten stammen nicht nur von einem anderen Planeten, sondern aus einem ganz anderen Universum.

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