USA: Schuldenobergrenzen und persönliche Vorlieben

20. Juli 2011 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer, Slideshow

von Bankhaus Rott

Rund einhundert Jahre hat es gedauert, bis Teile der europäischen Medien die US Schuldengrenze für sich entdeckt haben. Angesichts der langen Geschichte der turnusmäßigen Anhebungen ist es schon erstaunlich, wenn die Debatte nun schon reichlich altbacken auf den Tisch kommt…

Wie so oft gerät im Rahmen der  medialen Debatte eine im Grunde willkürlich festgelegte Marke in den Fokus anstatt einer insgesamt desolaten Geldpolitik, einer Finanzierung des Schatzamtes, die nur durch die Zentralbank am Dampfen gehalten wird oder weit reichender struktureller Mängel der US-Ökonomie. Aber da es nun einmal so ist, werfen wir heute einen kurzen Blick auf die viel zitierte Schuldenobergrenze. Zunächst lassen wir daher kurz das US Schatzamt zu Wort kommen, die Damen und Herren am Ort des Geschehens sollten wissen, was es mit dem Wert auf sich hat.

(US Treasury) Since 1960, Congress has acted 78 separate times to permanently raise, temporarily extend, or revise the definition of the debt limit.

Innerhalb von 50 Jahren hob man also die Grenze 78 Mal an, ein Akt der Routine, der den Parlamentariern offenbar leicht von der Hand geht. Wenig überraschend also, dass dies auch in den letzten Jahren turnusmäßig der Fall war. Der folgende Chart zeigt den historischen Verlauf der Grenze, der eigentlich ebenso wenig Grenze im Sinne von festgelegtem Wert ist, wie die Garantieverzinsung von Lebensversicherungen. Die Daten stammen vom US-Schatzamt.

Kurz zur Geschichte der Obergrenze. 1917 wurde das Limit eingeführt, damals ging es um die Finanzierung des Kriegseintrittes der USA, das Mittel waren die langfristigen Liberty Bonds.  Von 1941 bis 1945 wurde die Obergrenze angehoben. Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges wurde die Grenze von $300 Mrd. auf $275 Mrd. reduziert. Bis 1954 blieb die Marke unberührt, danach folgten bis zum Jahr 1962 sieben Anhebungen und zwei Reduktionen.

1962 war man wieder auf dem Niveau von 1945 angelangt. Nach dem Jahr 1960 kannte die Obergrenze nur eine Richtung, insgesamt kam es seither zu den eingangs genannten 78 separaten Anpassungen. Allein die Anhebung des Jahres 2003 betrug $984 Mrd. Auch in den letzten Jahren wurde der Schwellenwert regelmäßig unter großem Buhei angehoben. Seit 2001 ist der Wert dabei auf fast das Zweieinhalbfache angewachsen… (Seite 2)

 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , , ,

9 Kommentare auf "USA: Schuldenobergrenzen und persönliche Vorlieben"

  1. wolfswurt sagt:

    Ist der Geist erstmal so zerüttet, daß eine Volkswirtschaft für gesund gilt wenn diese Kreditwürdig ist, ist die im Atikel aufgezeigte Entwicklung logische Folge.

    Man kann einen Menschen aus dem Slum holen aber einen Slum aus einem Menschen zu holen ist unmöglich.

  2. stonefights sagt:

    „Rund einhundert Jahre hat es gedauert, bis Teile der europäischen Medien die US Schuldengrenze für sich entdeckt haben.“

    Wo kein adäquate „Rating“(-Agentur)-„Kriegs“-Lösung zur Verneblung der eigentlichen Ursachen (Geldsystem), da eben das Medien-Auge der Schafe in die gewünschte Richtung lenken (nach dem Motto „Schaut, die sind auch nicht besser…“).
    Wenn gestern erst wieder in „PlusMinus“, oder wars „Monitor“, weiss nicht mehr, egal, der EUR als GUT !!!(im Vergleich zum Dollar!!!) den Schafen vermittelt wird, ohne weitere Vergleiche anzustellen, da ist entweder von blanker „Hilflosigkeit“ oder eher „perfertierter Darstellung“ der „Experten“ auszugehen.
    Leider laufen die Schafe immernoch dem Medien-Futter direkt zur Schlachtbank hinterher. Fast wie im richtigen Leben, würde ein richtiges Schaf reden, sofern es könnte .-)
    lg, stonefights

  3. retracement sagt:

    Ach geh, man mag sich noch so gern mit tagesaktuellem beschäftigen. Die Kurven aller von Hr. Ponzi dargestellten Charts erklärt ausführlich der von mir hochgeschätzte Professor Senf. Jemand, der mir vor 3 Jahren grundlegend die Augen geöffnet hat.

  4. khaproperty sagt:

    Immerhin ist festzustellen, daß die GOP (nicht zu verwechseln mit den Mitgliedern von House und Senat) seit ihrer Existenz stets öffentlich den ausgeglichenen Haushalt forderte. Das ist zunächst eine sehr vernünftige und kluge Forderung, die gegenwärtig erneut auf dem Verhandlungstisch liegt. Dazu ist bei den Mitgliedern der GOP weit mehrheitlich ganz selbstverständlich fest verankert, daß jegliche Administration ausschließlich dem Volk zu dienen hat und jährlich Abgaben und Steuern zu reduzieren hat (sic!). Auch dies klingt erfreulich klug und weise. In Europa ist davon nichts zu hören – nirgendwo, mit Ausnahme vielleicht bei den Liberalen, die etwa den Republikanern in USA entsprächen.
    Gegen diese Stimmen der Vernunft erheben sich seit Jahrzehnten Einwände, die vornehmlich darin gründen, daß alle Menschen jenseits des sprichwörtlichen einfachen Mannes dabei Schaden erleiden könnten. Auch die vermögenden Mitglieder der GOP, im Cogress oder anderswo.
    So beugt man sich notgedrungen den zahlreichen „Fakten“, zumal diese stets erst dann wortreich ausgebreitet werden, wenn mal wieder das Geld nicht reicht, wie bald jeder Präsident überrascht feststellen meint zu müssen – hinterher.

  5. Frank2 sagt:

    Ich folge überhaupt nicht. Wieso profitieren Millionäre mehr vom schuldenfinanzierten System?
    Zudem, wenn ich 169.000 USD im Jahr machen würde, würde es mir sehr schwer fallen kein Millionär zu sein/ zu werden.
    Gehe ich davon aus, daß schlauere und fleißigere Leute eher in der Lage sind Millionäre zu werden, dann will ich diese schlaueren und fleißigeren deswegen nicht sondern weniger schlaue?
    In unserem Bundestag sitzen viele nur deswegen, weil sie sich freistellen lassen konnten. So kommen wir zu Beamten und Lehrern im Bundestag. Aus der Wirtschaft kommt kaum einer, denn freistellen geht da meist nicht. Beamte und Lehrer werden eher keine Millionäre, Manager schon – da haben wir wohl Glück gehabt, oder wie?
    Mir wäre mehr ökonomischer Sachverstand lieber, als ein 1 zu 1 Abgleich mit der zu repräsentierenden Bevölkerung.
    Ich würde sagen: Zum Ende hin verrissen, ich verstehe nur nicht warum.
    Auf jeden Fall interessant; ein Bankhaus, das gegen Millionäre wettert.

    • Bankhaus Rott sagt:

      Hallo zusammen,

      @Frank2

      Da haben Sie wohl etwas in den falschen Hals bekommen, aber gewettert wird hier doch nicht 🙂

      Die Frage ist, wie herum man die Sache betrachtet. Unbestritten können Fleiß und Cleverness zu Vermögen führen. Vermögen bedeutet aber im Umkehrschluss nicht, dass jemand fleißig und clever ist (oder wahr). So gibt es sicher viele Menschen, die es auf wirtschaftlichem Wege zu Geld gebracht haben. Die Verquickung des Finanzsektors und der Politik in den USA ist aber so tief greifend und so offensichtlich, dass die Frage, in welchem Namen Entscheidungen getroffen werden, schon erlaubt sein sollte. Dabei geht es nicht um eine generelle Schelte von Millionären, Milliardären oder Trillionären.

      Zudem hilft die offen kommunizierte Politik der FED – laut Bernanke die Steigerung der Assetpreise zur „Stützung der Konjunkur“ – eben denjenigen, die Assets haben. Nun halten wir generell nichts von solchen Experimenten, aber diese Maßnahmen greifen in die Märkte ein und befördern die Preise von mehr oder weniger liquiden Anlagen, also Aktien, Anleihen oder auch Rohstoffen. Die meisten Amerikaner haben ihr „nest egg“ im Immobiliensektor, falls sie viel Erspartes haben.

      Wem die Entwicklung der massiven, nicht nur im Immobiliensektor öffentlich subventionierten Schuldensteigerung schlussendlich genutzt hat, ist in den offiziellen Publikationen des Congressional Budget Offices nachzulesen.

      Aber zum Diskutieren sind wir ja alle hier, deshalb unser Dank ausdrücklich einmal an die gesamte Leserschaft für alle kritischen und freundlichen Kommentare!

      Beste Grüße
      Bankhaus Rott

  6. […] Rott & Meyer: USA: Schuldenobergrenzen und persönliche Vorlieben […]

  7. Takuto sagt:

    Es geht um Folgendes: Millionäre haben genügen Geld, um allein von den Zinsen nicht nur zu leben, sondern weiteren Reichtum anzuhäufen. Das ist eine Form von Feudalismus. Wir sind gar nicht mehr so weit vom Leibeigentum entfernt.

    Außerdem ist es logisch, dass der Club der Millionäre in den Parlamenten natürlich niemals Gesetze machen, die den Feudalismus wieder aufheben und eine demokratische Gesellschaft errichten. Damit ist nichts gegen die Millionäre gesagt, sie handeln für sich gesehen vernünftig.

  8. US-Schuldenkompromiss: Die Reichen kommen davon | IlNeurone sagt:

    […] http://www.rottmeyer.de/u… […]

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.