US-Zentralbank will die Zinsen erhöhen – Anleger sollten auf Gold und Aktien setzen

12. Juni 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Die US-Fed hebt vermutlich die Zinsen an. Für das Weltfinanzsystem dürfte das turbulent werden. Das Halten von Gold ist eine Impfung.

Hebt die amerikanische Zentralbank (Fed) ihren Leitzins auf ihrer nächsten Sitzung am 15. Juni an oder nicht? Das ist eine wichtige Frage – nicht nur für die weltweite Konjunktur- und Finanzmarktlage, sondern vor allem auch für die Edelmetallmärkte.

Das letzte Sitzungsprotokoll der Fed, veröffentlicht am 18. Mai, gab den Erwartungen in den Finanzmärkten Vorschub, die Zinsen würden weiter angehoben. Die Veröffentlichung der jüngsten Arbeitsmarktzahlen am 3. Juni brachte eine Kehrtwende: Die Nachricht über die geringe Anzahl neu geschaffener Arbeitsplätze vertrieb die Erwartung bald steigender US-Leitzinsen.

Bekanntlich spielen die Zinsen – direkt oder indirekt – eine sehr bedeutsame Rolle für den Preis des Goldes. Bei hohen Zinsen wird das Halten von Gold teurer. Schließlich entgehen dem Goldhalter Zinserträge, die er mit dem Halten von festverzinslichen Papieren hätte erzielen können. Entsprechend wird das Halten von Gold attraktiver, wenn die Zinsen niedrig sind. Die Aussicht auf steigende Zinsen ist so gesehen „Gegenwind“ für die Edelmetallpreisentwicklung. Die US-Zinsen sind – gemäß wohl allen gängigen Maßstäben – zu niedrig. Beispielsweise liegt der US-Leitzins nach wie vor deutlich unter der Wachstumsrate des amerikanischen nominalen Volkseinkommens. So gesehen wäre ein weiteres Zinsanheben alles andere als verwunderlich.polleit-2016-06-10-6

Folgen höherer Zinsen

Gleichzeitig gibt es natürlich eine Reihe von Gründen, warum die Zentralbank Zinserhöhungen weiter vertagen beziehungsweise vermeiden möchte. Zunächst einmal ist da der konjunkturbremsende Effekt, den eine Zinsanhebung wohl hätte.

Kreditausfälle sind nach wie vor recht gering; nur im Unternehmensbereich sind sie leicht angestiegen. polleit-2016-06-10-2 Wichtige Konjunkturindikatoren deuten fortgesetztes Wirtschaftswachstum an.

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Die Gold- und Silberbestände sind jüngst merklich angezogen – vermutlich auch angetrieben von der Erwartung weiterhin recht niedriger Zinsen

polleit-2016-06-10-4Schließlich wird der neuerliche Aufschwung der US-Konjunktur von den extrem niedrigen Zinsen (mit-)angetrieben. Hinzu kommt, dass eine weitere US-Zinserhöhung den Kapitalzufluss in die Vereinigten Staaten von Amerika vermutlich weiter ansteigen lassen würde angesichts der weiterhin sehr niedrigen Zinsen in anderen Währungsräumen (wie zum Beispiel Europa und Japan). Das wiederum spräche für eine fortgesetzte Aufwertung des US-Dollar-Außenwertes – was vermutlich den US-amerikanischen Konjunkturinteressen entgegensteht.

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Zudem würde eine weitere Erhöhung des US-Leitzinses, verbunden mit einem weiteren Erstarken des Greenback-Außenwertes, für eine Verknappung der weltweiten Liquidität führen. Kapital würde insbesondere aus den aufstrebenden Volkswirtschaften abgezogen und in die USA transferiert. Das würde die ohnehin fragile Wirtschaftslage in vielen Regionen der Welt weiter verschärfen – mit möglichen negativen Rückwirkungen auch auf die USA.

Vor allem aber hätten weiter steigende US-Zinsen natürlich auch Folgen für die weltweiten Finanzmärkte. Die niedrigen Zinsen haben zu einer Aufblähung von Anleihekursen sowie auch der Preise von marktgehandelten und marktbewerteten Krediten geführt. Das wiederum hat das Eigenkapital vieler Banken und Finanzinstitute erhöht. Steigende Zinsen würden Luft aus aufgeblähten Kursen entweichen lassen – und dem Finanzsektor neue Verluste bescheren mit negativen Rückwirkungen auf das Wirtschaftsgeschehen.

Ein weiterer Faktor, der den Handlungsspielraum der US-Zinspolitik beschränkt, ist China. Die ansteigenden US-Kurzfristzinsen haben bereits den Außenwert des Renminbi gegenüber dem US-Dollar ganz erheblich unter Druck gesetzt: Kapital ist aus dem Land geflossen, und die chinesische Zentralbank hat sich bereits durch beträchtliche Verkäufe ihrer Devisenreserven gegen eine weitere Renminbi-Abwertung gestemmt. Ein weiteres Abwerten der chinesischen Währung hätte absehbar bedeutsame Auswirkungen, vor allem auf den internationalen Handel.

Chinesische Waren würden billiger. Das wiederum versetzt Anbieter aus anderen Währungsräumen (wie den USA, Europa und Japan) unter Druck, ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen. Das wiederum erfordert ein Erhöhen der Produktivität und/oder eine Verbesserung der Kostensituation, also Beschäftigungs- und/oder Lohnkürzungen. Mit anderen Worten: Der politisch so gefürchtete Abwärtsdruck auf die Güterpreise würde weltweit verstärkt, verbunden mit einer vermutlich zumindest kurzfristigen Eintrübung der Welt-Konjunkturlage.

Der schwere Abschied vom Boom

Aus den vorangegangenen Überlegungen erkennt man, wie folgenreich ein weiteres Anziehen der US-Zinsschraube wäre für den weltweiten Konjunktur- und Finanzsystemverbund. Dahinter verbirgt sich letztlich die Einsicht, dass eine Politik der niedrigen Zinsen nicht so ohne weiteres beziehungsweise nicht ohne mitunter weitreichende Folgen für Produktion und Beschäftigung beendet werden kann.

Die Niedrigzinsen ermutigen Unternehmen dazu, neue Investitionen anzugehen, die sich nur rechnen, weil die Zinsen künstlich verbilligt wurden. Konsumenten werden zu kreditfinanzierten Ausgaben ermutigt, die sie immer weiter in die Verschuldung treiben. Und natürlich verschulden sich die Staaten bei extrem niedrigen Zinsen, beziehungsweise die fallenden Zinskosten verschaffen ihnen neue Haushaltsspielräume, die dadurch den Reformeifer natürlich erlahmen lassen.

Der Versuch der Fed, die Zinsen anzuheben, sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die generelle Richtung der Zinsen in einem ungedeckten Papiergeldsystem nach unten zeigt: Die Zentralbank senkt im Zeitablauf, über das konjunkturelle Auf und Ab hinweg, die Zinsen auf immer niedrigere Niveaus; ein Zinsanheben wird von einer umso größeren Zinssenkung gefolgt. Das gilt nicht nur für die US-amerikanische Zentralbank, sondern natürlich auch – in ihrem Gefolge – für die Zentralbanken in anderen Währungsräumen, die ebenfalls ungedecktes Papiergeld ausgegeben haben.

Argumente für Gold

Der Zins landet letztlich nicht auf, sondern unter der Nulllinie – wie es in einigen Währungsräumen bereits zu beobachten ist. Das bewirkt nicht nur weitreichende Fehllenkungen von Kapital. Es sorgt auch dafür, dass das Vermögen, das in ungedecktem Papiergeld ausgewiesen ist – insbesondere Bankeinlagen und von Banken, Unternehmen und Staaten emittierte Schuldpapiere – entwertet wird.

Für das Halten von Gold spricht, dass der aktuelle Preis (etwa 1.240 US-Dollar beziehungsweise 1.090 Euro pro Feinunze) nicht teuer zu sein scheint: Blickt man beispielsweise auf die Goldpreisentwicklung in Relation zur weltweiten Geldmengenausweitung der letzten Jahrzehnte, so scheint der Goldpreis derzeit vergleichsweise günstig zu sein. Für Anleger, die langfristig orientiert sind – die in Zeitspannen von, sagen wir, fünf, zehn oder mehr Jahren denken –, sollte damit die Wahrscheinlichkeit recht hoch sein, dass sich der Erwerb von Gold zum aktuellen Preis als überaus lohnend herausstellen wird.

Zudem sollten Anleger beachten, dass das Gold – anders als ungedecktes Papiergeld – seinen Wert, seine Kaufkraft nicht durch politische Willkürakte verlieren kann. So gesehen qualifiziert es sich als „ultimative Währung“, wie die Währungshistorie eindrucksvoll unter Beweis stellt. So gesehen empfiehlt sich – in einer Phase, in der die US-Fed mit Zinserhöhungen liebäugelt – (1) das Halten von Gold – und zwar mindestens als Ersatz für unverzinsliche, bei Banken gehaltene Termin- und Spareinlagen; und (2) das Investieren in Aktien, wie auf der folgenden Seite argumentiert wird…

Kapitalfehler: Wie unser Wohlstand vernichtet wird und warum wir ein neues Wirtschaftsdenken brauchen

Eine „Blase“ findet man im Anleihemarkt, nicht im Aktienmarkt

Für Investoren sollte die Bewertung der Anleihen sorgenvoll stimmen, weitaus weniger die der Aktienmärke. Der fulminante Anstieg der Aktienkurse der letzten Jahrzehnte lässt sich durch eine Reihe von Faktoren erklären. Einer davon sind die Zinsen. Sie sind von den Zentralbanken auf immer niedrigere Niveaus geschleust worden. Das wiederum hat die Aktienkurse aufgrund von zwei Effekten in die Höhe getrieben. Erstens: Je niedriger die Zinsen sind, desto geringer sind die Fremdkapitalkosten für die Unternehmen. Entsprechend positiv fallen die Unternehmensgewinne aus. (Das gilt insbesondere für Unternehmen, die mit einem hohen Verschuldungsgrad operieren.)

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Zweitens: Je niedriger die Zinsen sind, desto geringer ist auch die Diskontierungsrate, mit der künftige (erwartete) Unternehmensgewinne abgezinst werden – und desto höher fallen auch die Barwerte der Unternehmen aus. Nun zeigt sich in den Vereinigten Staaten von Amerika, dass die KGVs der Unternehmen im Zuge der Nullzinspolitik (die 2009 eingeführt wurde) nicht auffällig stark in die Höhe geschnellt sind – was man ja eigentlich hätte erwarten sollen angesichts der extrem niedrigen (Leitz-)Zinsen in den USA (siehe hierzu die Ausführungen in der linken Spalte).

Vermutlich ist jedoch die Risikoprämie merklich angestiegen, die die Investoren für das Halten von Aktien verlangen – und das hat dem Ansteigen der Unternehmensbewertungen entgegengewirkt. Die Investoren auf dem US-Aktienmarkt scheinen also durchaus um die Probleme der anhaltenden extremen Niedrigzinspolitik zu wissen, und das hat bisher verhindert, dass die Aktienbewertung extrem angestiegen ist. Das wiederum spräche dafür, dass ein Anheben der US-Leitzinsen die Aktienkurse nicht notwendigerweise stark fallen lassen würde: Steigende Marktzinsen könnten dann nämlich einhergehen mit einer Rückbildung der Risikoprämien, so dass Vorherrschenden die Bewertungsniveaus mehr oder weniger erhalten bleiben. So gesehen muss das Halten von Aktien derzeit als weniger risikoreich eingestuft werden als das Halten von festverzinslichen Wertpapieren. Der große Vorteil der Aktien: Mit ihnen lässt sich eine positive reale Rendite auf das eingesetzte Kapital erzielen!

© Prof. Dr. Thorsten Polleit – Marktreport Degussa Goldhandel GmbH

 

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