Untergang auf Wiedervorlage

5. Oktober 2016 | Kategorie: RottMeyer

vom Smart Investor

Ein bisschen Berg- und noch mehr Talfahrt…Die Aktie der Deutschen Bank legte in den Tagen nach unserem letzten Smart Investor Weekly eine Achterbahnfahrt hin. So notierte das Papier am vergangenen Freitag kurzzeitig sogar unterhalb von 10 EUR – dem tiefsten Stand seit Beginn der Datenaufzeichnung.

Zu diesem Zeitpunkt machten Gerüchte die Runde, dass einzelne Hedgefonds offensichtlich ihre offenen Transaktionen mit der Bank deutlich zurückgefahren haben – aus Angst vor einem Zahlungsausfall. Gleichzeitig haben dieselben Fonds offensichtlich jedoch auch mit Leerverkäufen gegen die Aktie des Bankhauses gewettet. Auf dem Höhepunkt der Panik wurde letzte Woche dann erneut bekannt, dass die Bundesregierung an einem Rettungsszenario arbeite.

Wie durch Zauberhand gab es dann jedoch bereits am Freitag eine neuerliche Wendung: Die mögliche Strafzahlung durch das US-Justizministerium solle Gerüchten zufolge doch nicht ganz so dramatisch ausfallen wie zuletzt vermutet. Statt von 14 Mrd. USD gehen Beobachter nun von lediglich 4 oder 5 Mrd. USD aus. Der Kurs konnte sich daraufhin um bis zu 20% erholen. Wie ist all dies also einzuordnen?

It‘s the CDS-Markt, stupid!

Es ist das berühmte Stochern im Nebel, das jeder betreibt, der sich mit der Bank beschäftigt. Wie bereits bei Lehman Brothers zu beobachten, ist der Sturz einer Großbank häufig ein äußerst dynamischer Prozess. Und hier gibt es zuletzt eine massive Dynamik gegen die Deutschbanker.

Daneben ist im Fall von ungesicherten Informationen häufig die Intelligenz der Masse ein nicht zu unterschätzendes Phänomen. Neben dem Aktienkurs gibt es allerdings auch weitere Kennzahlen, die eine Aussage liefern, wie es um die Bank tatsächlich steht. So sind die Prämien für kurzfristige Credit Default Swaps auf die Bank auf einem absoluten All-Time-High (ca. 550 Basispunkte bei einem Jahr Laufzeit). Der Inhaber von Anleihen der Bank über nominal 1 Mio. EUR mit einem Jahr Restlaufzeit muss damit bereits 55.000 EUR bezahlen, um diese vor einem Ausfall abzusichern.

Im Gegensatz zur Aktie ist bei den CDS in den letzten Tagen keine Entspannung festzustellen gewesen. Während bei der Aktie eventuell auch ein kurzfristiger „Short-Squeeze“ der Grund für den fast 20%-Anstieg sein könnte, scheinen langfristige Anleger mehr denn je eine Absicherung für ihre Positionen zu suchen. Statt auf eine unmittelbare Pleite der Deutschen Bank in den nächsten Tagen sollten sich Anleger daher eher auf einen schleichenden Untergang und ein Schlüpfen unter die diversen Rettungsschirme einstellen.

Münchner Finance Forum

Unter dem Motto „Investieren in Zeiten unkonventioneller Geldpolitik“ fand gestern in München die 12. Jahrestagung des Münchner Finance Forum e.V. statt. Die Plattform dient dem Gedankenaustausch zwischen der Finanzmarktforschung und der Kapitalanlagepraxis institutioneller Investoren mit Fokus auf den Finanzplatz München. Dieses Jahr stand die Tagung ganz im Zeichen der Null- und Minuszinspolitik der Notenbanken, wobei das Attribut „unkonventionell“ für diese, in immer mehr Währungsräumen praktizierte Geldpolitik durchaus als Euphemismus zu verstehen war.

Nicht nur zwischen den Zeilen fiel das Urteil über den Experimentalkurs der Notenbanken deutlich negativ aus. Denn gerade institutionelle Anleger sind durch das aktuelle (Zins-)Umfeld vor besondere Herausforderungen gestellt, die diejenigen an Privatanleger noch deutlich übersteigen. Festverzinsliche Anlagen machen beispielsweise in der Versicherungswirtschaft – nicht zuletzt aufgrund aufsichtsrechtlicher Vorgaben wie aktuell „Solvency II“ – traditionell den Löwenanteil der Kapitalanlagen aus. Die Abschaffung des Zinses löst in diesem Bereich daher besonderen Handlungsbedarf aus.

Plakativ brachte Dr. Daniel Stelter das Anlagedilemma auf den Punkt, dem alle Investoren unterliegen: „Investieren in der Eiszeit!“ Einen schmerzfreien Weg aus der Krise gebe es nicht. Besonders Europa sei in vielerlei Hinsicht auf dem absteigenden Ast. Wer jung ist, dem empfahl Stelter auszuwandern. Ein noch immer aktuelles und lesenswertes Interview mit Dr. Stelter finden Sie übrigens in unserem Archiv in der Ausgabe Smart Investor 10/2015 ab Seite 20 – für Smart-Investor-Abonnenten kostenlos.

Einen interessanten Aspekt der aktuellen Zinspolitik brachte Ingo Mainert von Allianz Global Investors in seinem Vortrag „Negativzinsen, die geldpolitische Erziehung zur Ungeduld?“ zur Sprache: Was in der Überschrift noch mit einem Fragezeichen versehen war, wurde im Vortrag zur Gewissheit – die Honorierung der Gegenwartspräferenz durch Minuszinsen führt mittelfristig zu massiven und negativen Verhaltensänderungen. In der Geduld sah Mainert nämlich eine echte Primärtugend, die heute allerdings deutlich zu niedrig bewertet werde.

Zu den Märkten

Geduld war nicht nur ein Thema auf dem Münchner Finance Forum, Geduld brauchen derzeit auch Edelmetallinvestoren – und gute Nerven. Wenn man eine Aussage zu Märkten allgemein und zu den Minenaktien im Besonderen treffen kann, dann die, dass sie zum Überschießen neigen. Während des fulminanten Aufschwungs im ersten Halbjahr 2016 wurde von Experten mehrfach das Ende der Aufwärtsbewegung ausgerufen, beispielsweise weil die Gold- und Silberminen bereits fundamental zu teuer geworden seien. Die Kurse ließen sich davon nicht beirren und kletterten unaufhörlich weiter.

Schon in der Baisse zuvor überschossen sie teilweise dramatisch nach unten. Als kaum noch jemand mit einer Korrektur rechnete, setzte diese schließlich doch ein. Und erneut zeigt sich das gleiche Bild, allerdings mit umgekehrten Vorzeichen: Auch die aktuelle Korrekturbewegung will scheinbar nicht enden. Auch wir witterten bereits die unmittelbar bevorstehende Wende nach oben – vgl. unsere „Grafik der Woche“ vom vergangenen Donnerstag mit dem Silberchart in USD – und wurden gestern eines „Besseren“ belehrt. Da reagierten die Anleger nämlich äußerst empfindlich auf Äußerungen aus dem Federal Open Market Committee (FOMC) der Fed, in denen eine baldige Zinserhöhung in den USA gefordert wurde. Der USD wurde stärker und Gold & Silber plumpsten in den Keller.

Bei Gold (vgl. Abb.) wurde die psychologisch wichtige Unterstützung bei 1.300 USD nach unten durchbrochen, bei Silber die vielleicht sogar noch wichtigere Unterstützung zwischen 18,20 und 18,50 USD/Feinunze. Das führte dazu, dass zahlreiche Stopp-Loss-Absicherungen ausgelöst wurden und eine regelrechte Verkaufslawine über den Markt rollte. Natürlich passierte auch hier das meiste im Futures-Bereich.

2016_10_05-gold

Der bekannte Edelmetallexperte Martin Siegel berichtete heute auf goldseiten.de, dass beim Edelmetallhändler Westgold auf etwa 15 Käufer nur ein Verkäufer komme. Im Bereich der physischen Ware wird also weiter zugegriffen, bei günstigeren Kursen sogar noch lieber. Dennoch ist das Chartbild im Moment ziemlich desolat. Wir neigen zu der Einschätzung, dass die Bewegung aus den Termínmärkten im Wesentlichen spekulativer und kurzfristiger Natur war – also eher ein Ausschüttler als der Auftakt einer neuen Edelmetallbaisse.

So hässlich das Tagesereignis für Edelmetallinvestoren war, vergessen wir bitte nicht, dass es sich vor dem Hintergrund einer geradezu panischen Notenbankpolitik abspielt, die weltweit zügig in den Negativzinsbereich vordringt. In einem solchen Szenario ist Gold eine absolute Kernanlage. Auch ist die Zinserhöhungsankündigungspolitik der Fed nichts wirklich Neues. Vor nachhaltigen und vor allem nennenswerten Zinserhöhungen schrecken die US-Gelddrucker nämlich weiter aufgrund der exorbitanten Verschuldungssituation zurück – und daran wird sich auch in absehbarer Zeit nichts ändern.

Bargeldfeinde bleiben hochaktiv

Apropos Negativzinspolitik. Wird diese auch nur annähernd in die Tiefen ausgeweitet, die der US-Ökonom Kenneth S. Rogoff jüngst mit Raten von bis zu minus 6% p.a. gefordert hat, dann ist eine Zurückdrängung des Bargelds in den Bagatellbereich – wenn nicht dessen vollkommene Abschaffung – zwingend. Wir haben darüber oft berichtet. Dies ist die wesentliche Triebfeder hinter den verstärkten Bemühungen, dieses bewährte Zahlungsmittel öffentlich zu diskreditieren. Im aktuellen Newsletter 5/2016 der Initiative Stop Bargeldverbot wird ins rechte Licht gerückt, mit welchen unwissenschaftlichen und zweifelhaften Methoden dabei gearbeitet wird – etwa bei der im Auftrag des Bundesfinanzministeriums im Jahr 2015 veröffentlichten „Dunkelfeldstudie über den Umfang der Geldwäsche in Deutschland“.

Lassen Sie sich keinen Sand in die Augen streuen. Politik und Finanzwirtschaft wollen wieder mal nur Ihr Bestes – Ihr (Bar-)Geld. Unterschreiben Sie die Petition (www.stop-bargeldverbot.de) und kommen sie zur großen Kundgebung am Samstag, den 22.10. um 14:00 Uhr an der Hauptwache in Frankfurt am Main, um gegen diese Politik Flagge zu zeigen.

Fazit

Alles hängt mit allem zusammen: Der wieder sichtbarer werdende Niedergang europäischer Großbanken und die Negativzinspolitik der EZB und anderer Notenbanken sind zwei Seiten derselben Medaille.

© Christoph Karl, Ralph Malisch – Homepage vom Smart Investor

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