Unsinn in Unmengen

9. Juni 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Mittlerweile nehmen Börsianer – ausgehend von Amerika – jeden erdenklichen Konjunktur-Indikator zum Anlass, tagesaktuell Unsinn zu verbreiten. Am nächsten Tag geht das Ganze dann einfach weiter, oft sogar unter umgekehrten Vorzeichen. Dazu nur drei aktuelle Beispiele…

1. Die Zahl der Arbeitslosen in den USA entwickelt sich ungünstig – das sei ein schlechtes Zeichen für die für die Konjunktur und für den Dollar, gut für Gold, heißt es.

2. Die Kapazitätsauslastung der Industrie sinkt – prompt bekommen wir zu hören und zu lesen, die Zinsen blieben wegen der zu erwartenden Konjunkturschwäche unten. 3.

Die amerikanische Notenbank Fed deutet an, den Leitzins gegebenenfalls doch nicht schon im Juni zu erhöhen – das sei schlecht für den Dollar, aber gut für Gold. Und so weiter. Erkenntnis: Null, denn die verbalen Seifenblasen dienen bestenfalls den Brokern, die ihren Umsätzen damit ein wenig auf die Sprünge helfen können. Viele Medien helfen ihnen dabei. Man fragt sich unwillkürlich, ob nur Gedankenlosigkeit oder bereits Manipulation im Spiel ist.

Bleiben wir noch ein wenig in den USA. Dort befand sich die Rendite der repräsentativen zehnjährigen Staatsanleihen Mitte Februar bei 1,7 Prozent auf Tauchstation; danach stieg sie unter Schwankungen bis zur hinter uns liegenden Woche in den Bereich um 1,8 Prozent. Das ist zunächst zwar alles andere als aufregend, reizt aber zu spekulativen Überlegungen. Vor allem zu dieser: Falls die Rendite aus dem engen Band zwischen 1,7 und 1,8 Prozent nach unten ausbricht, riecht es nach Rezession, und die Fed muss etwas Neues aushecken, um gegen die dann schwache Konjunktur anzukämpfen. Bricht die Rendite dagegen nach oben aus, kann dies unter anderem als Indiz für eine allmählich nahende Inflation gelten.

Von Mainstream-Medien bekommen wir täglich eingetrichtert, ein steigender Zins (hier in Gestalt der zehnjährigen US-Rendite) sei schlecht für den Goldpreis. Doch das Gegenteil ist der Fall: Steigt die Rendite einer Anleihe, sinkt damit automatisch deren Kurs. Unter dem Strich kommt es dann für Anleihebesitzer in der Regel zu Verlusten. Nicht so für Goldbesitzer, wie die Erfahrungen aus den vergangenen Jahrzehnten belegen. Warum? Weil das Vertrauen in Papiergeld (hier in Anleihen als typische Papiergeld-Vertreter) sinkt; und je mehr es sinkt, desto stärker steigt das Vertrauen in Gold.

Nicht auszuschließen ist, dass wir es bald mit einer Art Zeitenwende an den Anleihemärkten zu tun bekommen werden. Dafür spricht nicht zuletzt, dass die Anleihekurse in Amerika wie auch in Europa schon seit dreieinhalb Jahrzehnten – trotz aller zwischenzeitlichen Rückschläge – im Trend steigen. Zur Vollendung des Wendemanövers bedarf es nur noch einer Initialzündung. Diese kann sich unter anderem aus dem erwähnten Renditeanstieg ergeben. Oder aus Inflationserwartungen. Oder aus beiden Komponenten zusammen.

Dass solche Gedanken nicht abwegig, sondern plausibel sind, zeigen seit geraumer Zeit die Aktienkurse: Während die amerikanischen und europäischen seit Jahresbeginn im mittleren bis unteren Performance-Drittel zu finden sind, schnuppern die Aktien auffallend vieler rohstoffreicher Länder Gipfelluft, angeführt von Peru, Brasilien und – auf der Rechnung der wenigsten Fondsmanager – Russland. Auch Kanada und Norwegen gehören noch zu den Top Ten. (Quelle: wellenreiter-invest.de) Die rote Laterne gehört übrigens China.

Rohstoffpreise entwickeln sich im Großen und Ganzen umgekehrt zu Anleihekursen. Wahre Anlageprofis widmen zurzeit beiden besonders viel Aufmerksamkeit, ohne allerdings die Aktienkurse links liegen zu lassen. Das erwähnte Wendemanöver vollzieht sich nur langsam, doch die flotten Aktienkurse in den Rohstoffländern sprechen Bände. Die meisten Anleger – auch solche, die sich für Profis halten, in Wahrheit allerdings nur mit dem jeweiligen Strom schwimmen – haben diese Entwicklung überhaupt noch nicht richtig wahrgenommen. Daraus erklärt sich die relative Ruhe an den Rohstoffmärkten. Dabei kann es erfahrungsgemäß nicht mehr lange bleiben. Machen Sie sich also auf die eine oder andere Überraschung noch in diesem Jahr gefasst.

Gold gehört zwar nicht zu den klassischen Rohstoffen, weil seine Funktion primär im Werterhalt besteht, weil es als Versicherung gilt, weil es das einzige allseits akzeptierte internationale Zahlungsmittel ist und weil es nur in geringem Umfang verbraucht wird. Aber sein Preis profitiert unter anderem auch von steigenden Rohstoffpreisen, gehen diese doch erheblich in Inflationsstatistiken ein. Insofern kommen von den Aktienbörsen rohstoffreicher Länder wie Peru, Brasilien, Russland u.a. eindeutige Signale.
Manfred Gburek – Homepage

 

Ein Kommentar auf "Unsinn in Unmengen"

  1. cubus53 sagt:

    Aufgrund der vielen Finanzinstrumente, die letztlich nur auf einer Wette basieren, und denen kein Sachwert zugrunde liegt, nicht mal die Beteiligung an einem Unternehmen in Form einer Aktie, tummeln sich immer mehr Spieler auf dem Börsenparkett. Diesen verspricht man riesige Vermögen, bei kleinen Einsätzen mit nur wenigen Computerclicks.

    Der einzige, für den dieses Prinzip wirklich gilt, ist der Halter der Wette, denn der wird dafür sorgen, dass die meisten die Wette verlieren. Aufgrund der gesetzten Stopps / Limits reicht dem Halter ein Blick in den Computer, um zu wissen, welche aktuelle Bewegung nach oben und unten ausreicht, um den Wetteinsatz wertlos zu machen bzw. unter Wert zurückzukaufen.

    Es wird immer Spieler geben, die auch mal gewinnen, aber echte und dauerhafte Gewinne in diesem Spiel machen nur die grossen Händler. Für diese sind die Wetteinsätze ein Gelddruckmaschine. An dieser Stelle mein Kompliment an den Erfinder von Optionsgeschäften.

    Vergessen Sie an der Börse also die Bekanntgabe von Zahlen oder Statistiken. Die sind sowieso meisten gefälscht. Was die Kurse heute wirklich bewegt, betrifft nur die Abzocke der Spieler. Ich rate deshalb jedem dazu, Qualitätsaktien zu kaufen, und diese im Depot liegen zu lassen.

    Ach ja, Kostolany ist heute angeblich „out“. Raten Sie mal, warum, denn mit seiner Strategie gewinnen ja nur Sie und nicht die Händler. Das wäre ja doof!

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