„Unsichtbar wird der Wahnsinn, wenn er genügend große Ausmaße angenommen hat.“

10. Januar 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Volker Schnabel)

Im fünften Jahr der nun immer stärker die Solvenz von Staaten infrage stellenden Finanzkrise ließen die Notenbanker der USA, Europas und Japans die letzten geldpolitischen Hemmungen fallen und beglückten die Welt im zweiten Halbjahr 2012 unter großem Beifall der Finanzmarktteilnehmer mit der Botschaft, Geld nunmehr unlimitiert (!) drucken zu wollen…

Unsichtbar wird der Wahnsinn, wenn er genügend große Ausmaße angenommen hat.“ (Berthold Brecht, 1898-1956

Zwar konnten die Herren der Notenpressen so den unmittelbaren Fall einer inzwischen nahezu vollständig von der Droge des billigen Kredits abhängigen Wirtschaft in eine tiefe Rezession (vorerst) verhindern oder auch den Offenbarungseid von sich gegenseitig stützenden Zockerbanken und Wohlfahrtsstaaten nochmals vertagen, jedoch alles mit dem Ergebnis, dass – jenseits von Angebot und Nachfrage – die Preisfindung an den „Märkten a. D.“ nun fast ausschließlich von den Notenbanken dominiert wird. Willkommen in der neuen Realität: der Zentralbank-Planwirtschaft!

Obwohl sich die weltweite konjunkturelle Situation in den letzten beiden Quartalen 2012 bereits wieder deutlich eintrübte und auch die Ausblicke der Unternehmen per saldo nur noch sehr verhalten ausfielen, beendeten die Aktienmärkte das Jahr 2012 mit teilweise kräftigen Kursgewinnen. Als Hauptargumente für die steigenden Kurse wurden vor allem die unerschöpfliche Liquidität und der durch die Nullzinspolitik verursachte „Anlagenotstand“ angeführt, der die Investoren die immensen Risiken an den Aktienmärkten, aber vor allem auch die an den Anleihemärkten, offenbar vergessen ließ. So sank beispielsweise die Rendite 10-jähriger deutscher Bundesanleihen zwischenzeitlich sogar auf ein historisches Tief von 1,17 %, und das, obwohl sich das Land im Zuge der europäischen Solvenzkrise via ESM und der Zustimmung zur Bankenunion (fast) unwiderruflich in eine von Frankreich und Italien angeführte ClubMed-Schuldenunion zwingen ließ.

Der DAX konnte das Jahr 2012 in diesem Umfeld nach einer beeindruckenden Berg- und Talfahrt als weltweiter Spitzenreiter unter den etablierten Indizes mit einem Plus von 29,1 % beenden, während der MSCI-Welt-Aktienindex auf Euro-Basis berechnet 11,5 % hinzugewann. Der Dow Jones und der Nikkei 225 stiegen immerhin noch um knapp 8 %, während China-Investoren trotz des beeindruckenden veröffentlichten Wirtschaftswachstums im Shanghai A-Index lediglich 2,3 % verdienen konnten. Die größten Gewinne fuhren jedoch die Investoren des gerade in der Depression versinkenden Griechenlands ein, wo der Athen General-Index nach einem Minus von 30 % zur Jahresmitte das Jahr der zweimaligen „Rettung“ mit einem Plus von 33 % (!) beendete.

Ausblick

Angesichts der sich von Jahr zu Jahr verschlimmernden Finanzkrise, der Warnung der Wirtschaftsexperten der OECD als auch UNO vor einer weltweiten Rezession im Jahr 2013 und der Vielzahl von bekannten, aber nach wie vor ungelösten Systemrisiken ist es wirklich bemerkenswert, dass dennoch über 60 % der von Bloomberg im Dezember zum Jahresausblick 2013 befragten Volkswirte die Wirtschaftsaussichten so positiv einschätzen wie lange nicht mehr. Schaut man dann auch noch auf das aktuell mit 327 Mrd. USD ausgewiesene Wertpapierkreditvolumen in den USA, welches nur noch knapp 14 % unter dem historischen Juli-Rekordwert des Jahres 2007 liegt, so scheint unter den Finanzmarktakteuren derzeit offenkundig ein Optimismus vorzuherrschen, der die über den Märkten schwebenden immensen Risiken fast vollständig ausblendet.

Einen Vorgeschmack darauf, wie schnell die Risiken im Währungssystem das Marktgeschehen dominieren können, lieferten im Jahr 2012 bereits die Europäer. Zwar konnte das Trio Merkel, Schäuble und Draghi „die Märkte“ noch einmal überzeugen, den Euro retten zu können, allerdings für den Preis der Plünderung Deutschlands per Schuldenvergemeinschaftung via EZB (Staatsfinanzierung, Target-System, ELA etc.), ESM und Bankenunion! Jetzt darf der deutsche Steuerzahler zum eigenen Wohle nicht mehr nur alternativlos für die Staatsschulden von Europas Pleitestaaten (PIIGS: 3,47 Billionen Euro) einstehen, sondern – mittels der europäischen Bankenunion – in einem besonderen Akt gelebter Solidarität auch schon bald für die Verlustrisiken in Billionenhöhe aus den Bilanzen der Banken (sagenhafte 18 Billionen Euro) der wackelnden Eurostaaten.

Betrachtet man den freien Fall der Volkswirtschaften Spaniens und Griechenlands, fordert der Euro-Rettungswahn inzwischen Opfer, die sogar geeignet sind, den größten Erfolg Europas zu bedrohen: den inneren Frieden! Niemand kann bei dem Tempo des breite Bevölkerungsschichten erfassenden Wohlstandsniedergangs in Griechenland und Spanien ausschließen, dass es in diesen Ländern, wie jüngst selbst vom Generaldirektor des Internationalen Roten Kreuzes (ICRC) befürchtet, schon bald zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen kommen könnte. Da sich aber auch in dem mit 1,98 Billionen Euro verschuldeten Italien die politische und soziale Lage weiter zuzuspitzen droht, und das mit 1,83 Billionen Euro verschuldete und gerade den „neuen“ Sozialismus ausrufende Frankreich bald seinen Status als solider Schuldner verlieren könnte, besteht latent die Gefahr, dass die Euro-Krise im Jahr 2013 „völlig überraschend“ eine neue Eskalationsstufe erreicht…(Seite 2)

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4 Kommentare auf "„Unsichtbar wird der Wahnsinn, wenn er genügend große Ausmaße angenommen hat.“"

  1. wolfswurt sagt:

    Wer nicht zu sehen und hören vermag, ist verdammt in Verwirrung zu leben.

    Der nominale Anstieg der Asset Preise erfolgt ohne Fundament und wird eines nicht allzu fernen Tages als Luftnummer ausgebucht.

    Papiergeld ist Spielgeld und so sollte es auch gehandhabt werden.
    Die Börse oder die Finanzmärkte sind Spielkästen für eben jenes Papier.
    In diesem Spiel mitspielen, bei klarem Verstand, bewußt den permanenten Betrug jeder gegen jeden vor Augen und dem 100%igen Ausfallrisiko, kann sogar Spaß machen.

    Allerdings geht auch dieses Spiel, wie jedes andere, einmal zu Ende.

    • pat sagt:

      „Papiergeld ist Spielgeld und so sollte es auch gehandhabt werden.“

      Das sag mal dem Gerichtsvollzieher, wenn er vor der Türe steht und eine Schuld in diesem Spielgeld eintreiben möchte. Da ist das Spiel ganz schnell zuende.

  2. FDominicus sagt:

    Ich weiß es „natürlich“ nicht, aber wäre es denkbar wir befinden uns im „crack-up“ Boom? Ist das nicht genau die Stufe vor dem Zusammenbrechen?

  3. Lickneeson sagt:

    Der Titel ihres Kommentars trifft genau ins Schwarze.Der „Zauberlehrling“ ist ein Witz dagegen.

    Noch wichtiger für alle Spieler an den Märkten(und in der realen Welt)
    ist folgendes Zitat:

    „Angesichts der immensen systemischen Risiken, die die Märkte dann wie 2008 irgendwann als „Schwarze Schwäne“ überraschen werden, sollte man sich immer vor Augen führen, dass Aktien und Anleihen, die heute mit Anlagenotstandspreisen bewertet werden, dann wenig später auch wieder zu panischen Liquidationspreisen gehandelt werden können.“

    Dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

    MfG

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