Unsicherheit steigt. Chancen nutzen.

16. Oktober 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Prof. Thorsten Polleit

Zusammenfassung:

Weltweit stieg die Verschuldung in 2015 auf 152 Billionen US-Dollar. Das waren 225 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktes.

Die hohe Verschuldung erhöht den Druck auf die Zentralbanken, die Zinsen niedrig zu halten und die Geldmengen immer weiter auszudehnen.

Die Zinsen werden vermutlich nach Abzug der Inflation weiterhin sehr niedrig beziehungsweise negativ bleiben.

Die Unsicherheit über die Zukunft des EU-Projektes und der angeschlagene Euro-Bankenapparat machen den Euro besonders verwundbar.

Anleger aus dem Euroraum sollten ihr Portfolio langfristig ausrichten: Gold halten, in Aktien investieren und Euro-Schuldpapiere meiden.

Die Unsicherheit, die sich aus dem internationalen wirtschaftlichen und politischen Umfeld für Kapitalmarktanleger ergibt, steigt. Zwar sind derzeit keine unmittelbaren und offensichtlichen Rezessionsgefahren für die Weltwirtschaft zu erkennen. Jedoch gibt es eine Vielzahl von Entwicklungen, die die Aussichten für das Wirtschaftswachstum eintrüben und die noch für erhebliche Turbulenzen auf den Finanz- und Rohstoffmärkten sorgen können. Im Folgenden sei auf einige von ihnen hingewiesen.

Extrem expansive Geldpolitik.

Die Zentralbanken haben seit geraumer Zeit die Geldschleusen geöffnet. Die Geldmengen wachsen deutlich stärker als die Wirtschaftsleistung. Die Zinsen befinden sich nach wie vor nahe Rekordtiefständen. Das treibt nicht nur die Konjunkturen an, es bläht vor allem auch die Preise auf den Bestandsgütermärkten – also die Preise für Aktien, Grundstücke, Häuser etc. – künstlich auf. Halten die Zentralbanken an diesem Kurs fest, wird die Preisinflation irgendwann aus dem Ruder laufen; beenden sie die expansive Geldpolitik vorzeitig, droht den Wirtschaften und Finanzmärkten der Einbruch.

Schulden haben Rekordhoch erreicht.

Seit der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 sind die Schulden weltweit stark gestiegen und haben mittlerweile eine Rekordhöhe erreicht: In 2015 erreichte die Verschuldung 152 Billionen US-Dollar. Das waren 225 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsproduktes. Wie konnte das geschehen? Das Problem der hohen Schuldenlasten wurde „bekämpft“, indem noch mehr Schulden gemacht wurden. Das war insbesondere deswegen möglich, weil die Zentralbanken die Zinsen extrem stark abgesenkt haben. Finanziell überdehnte Schuldner konnten so nicht nur ihre Altkredite mit neuen Krediten refinanzieren, die einen niedrigeren Zins trugen. Die extrem niedrigen Zinskosten haben viele Kreditnehmer auch ermuntert, noch mehr Schulden zu machen. Die weiter anwachsenden Schulden machen die Volkswirtschaften in wachsendem Maße abhängig von einer Fortführung der Politik der niedrigen Zinsen und der Geldmengenvermehrung.

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Zukunft der EU ungewiss

Die Entscheidung der Briten qm 23. Juni 2016 aus der Europäischen Union (EU) auszuscheiden („Brexit“), stellt das gesamte EU-Projekt in seiner bisherigen Ausrichtung in Frage. Am 7. Oktober vollzog auch noch der Präsident der EU-Kommission, Jean Claude Juncker, bei einer Konferenz aus Anlass des 20. Geburtstages der Stiftung von Jacques Delors in Paris ein überraschende Kehrtwende: „Wir müssen die Vereinigten Staaten von Europa vergessen“, so Juncker. Bewahrheiten sich diese Worte, so wäre das ein fundamentaler Kurswechsel. Damit wäre die bisherige Geschäftsgrundlage des Euro entzogen, und das hätte vor allem auch negative Rückwirkungen auf die Euro-Banken.

Euro-Bankenkrise ist zurück.

Die Aussichten, dass das EU-Projekt nicht länger auf Vereinheitlichung und Zentralisation hinarbeitet, sondern dass es möglicherweise rückabgewickelt wird, ist für die ohnehin angeschlagenen Euro-Banken ein großes Problem. Denn politisch wird es zusehends schwerer werden, innerhalb der Staatengemeinschaft Zustimmung für neue und teure „Banken-Rettungspakete“ zu finden. Das erhöht die Verwundbarkeit der Euro-Banken und macht sie in noch stärkerem Maße abhängig von den Finanzspritzen der Europäischen Zentralbank (EZB). Mit anderen Worten: Will man die Euro-Banken vor dem Zusammenbruch bewahren, wird das einen noch stärkeren Einsatz der elektronischen Notenpresse erforderlich machen.

Wachsende Zweifel am Freihandel.

In vielen Ländern äußern Menschen mittlerweile Zweifel oder gar Ablehnung am Freihandel. Protektionistische Maßnahmen sind wieder salonfähig geworden. Damit fällt der wohl wichtigste Wachstumstreiber für die Weltwirtschaft – und das ist die internationale Arbeitsteilung und das grenzüberschreitende Investieren – in Ungnade. Doch nicht nur die materielle Prosperität würde durch eine Einschränkung des freien Handels beeinträchtigt. Auch die Wahrscheinlichkeit für neuerliche politische Konfliktpotenziale nimmt dann zu – weil eben auch die friedenstiftende Wirkung des Freihandels verloren geht.

Unklarheit über Amerikas Rolle in der Welt.

Der Ausgang der US-Präsidentenwahl am 8. November dürfte für die Finanzmärkte ebenfalls ein bedeutsames Ereignis sein, zumindest kurzfristig. Fällt die Wahl auf Hillary D. Clinton, würde das aus Sicht der internationalen Finanzmarktakteure vermutlich als Kontinuität der bisherigen US-Wirtschafts- und -Außenpolitik gesehen werden. Fällt die Wahl hingegen auf Donald J. Trump, könnte es zu mitunter erheblichen wirtschafts- und außenpolitischen Veränderungen kommen. Das würde nicht nur das amerikanische Verhältnis zu China, sondern vor allem auch die aktuelle Konfrontation mit Russland und dem Krieg in Syrien betreffen.

Konfrontation mit Russland, Krieg in Syrien.

Unter Clinton ist keine Änderung im Vorgehen der Amerikaner zu erwarten. Eine Eskalation der Konfrontation mit Russland und der kriegerischen Auseinandersetzung in Syrien und anderen Ländern in Nahost wäre nicht von der Hand zu weisen. Unter Trump, der vermutlich für eine weniger militärisch-expansive, eher isolationistische US-Außenpolitik vertreten würde, wäre eine Entschärfung der Konfliktherde eher wahrscheinlich. Sollte sich Amerika unter Trump weltmachtpolitisch zurückziehen, käme es zu einer Neuausrichtung der weltweiten Sicherheitsbalance – was vermutlich in vielen Regionen der Welt nicht konfliktfrei ablaufen würde.

Niedrige Zinsen, noch mehr Geld

Das weltweite Banken- und Finanzsystem ist unter den hohen Schulden zusehends krisenanfällig geworden. Aus diesem Grund sind zunehmende wirtschaftliche und politische Unsicherheiten besonders heikel. Der Druck auf die Zentralbanken steigt nämlich, Abschwunggefahren und drohende Preiseinbrüche auf den Finanzmärkten mittels niedriger Zinsen und dem Anwerfen der elektronischen Notenpresse abzuwenden. Mit anderen Worten: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Politik der Niedrigzinsen (in nominaler und realer Rechnung) und der Geldmengenvermehrung fortgeführt wird, ist sehr hoch.

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Der Grund, dass die deutschen Zinsen seit einiger Zeit auf oder sogar unter der Nulllinie liegen, ist nicht etwa der, dass zu viel gespart und zu wenig investiert wird. Die Europäische Zentralbank (EZB) ist vielmehr dafür maßgeblich verantwortlich. Zum einen hat sie Kurzfristzinsen in den Negativbereich gesenkt, und das zieht auch alle übrigen Zinsen auf beziehungsweise unter die Nulllinie. Zum anderen verstärkt sie diesen Effekt durch ihre Anleihekäufe. Die EZB treibt die Anleihekurse in die Höhe, und entsprechend sinken die Renditen ab.

In diesem Zusammenhang darf nicht übersehen werden, dass das ungedeckte Papiergeldsystem grundsätzlich inflationär ist. Die Inflation, für die es sorgt, zeigt sich aber nicht nur in den Konsumentenpreisen, sondern auch in den Preisen für zum Beispiel Aktien und Häuser. Und diese Inflation ist üblicherweise höher als die offizielle Konsumentenpreisinflation. Das fortlaufende Inflationieren ist kein Zufall: Ohne Inflation (im Sinne einer Geldmengenausweitung) lässt sich das ungedeckte Papiergeldsystem und die Konjunktur, für die es sorgt, nicht in Gang halten.

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Inflation verlangt nach immer mehr Inflation. So verwundert es nicht, dass es Empfehlungen gibt, die Zentralbanken sollten doch die Inflation weiter in die Höhe befördern. So lautet die Botschaft eines Papiers, das der Präsident der Federal Reserve Bank of San Francisco, John C. Williams (er wird als einflussreicher Protegé von Fed-Chefin Janet L. Yellen gesehen) am 15. August 2016 veröffentlicht hat. Dahinter verbirgt sich die Überlegung, dass eine „etwas“ höhere Inflation vorteilhaft für die Volkswirtschaft sei. Aber das ist natürlich ein Trugschluss.

Jede ungedeckte Papierwährung unterliegt der Gefahr, durch Inflation entwertet zu werden; der Euro ist keine Ausnahme. Als Monopolisten der Geldproduktion könnten die Zentralbanken, wenn es politisch gewünscht ist, die Geldmenge im Grunde jederzeit und in jeder gewünschten Menge ausweiten. Beim Euro kommt jedoch noch erschwerend hinzu, dass er – anders als der US-Dollar oder der japanische Yen – neben dem Inflationsrisiko zusätzlich auch noch das Risiko eines Auseinander- beziehungsweise Zusammenbrechens trägt. Damit ist der Euro gewissermaßen risikoreicher als die anderen großen Währungen.

Was Anleger überdenken sollten

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage für den Anleger: Was ist zu tun? Nun, jeder sollte sich zunächst einmal Klarheit darüber verschaffen, ob er spekulieren oder investieren will. Was damit gemeint ist, soll ein Beispiel erläutern.
Vermutlich erwarten viele, dass ein Wahlsieg von Clinton für Aktien und den US-Dollar „positiv“, ein Wahlsieg von Trump hingegen „negativ“ sein wird. Würde es da nicht Sinn machen, jetzt Aktien und Dollar zu kaufen, wenn man meint, Clinton gewinnt die Wahl? Nun, ganz so einfach ist die Sache nicht. (Seite 2)

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2 Kommentare auf "Unsicherheit steigt. Chancen nutzen."

  1. Adam Smith sagt:

    Wieso soll eine ansteigende Verschuldung eigentlich ein Problem sein, steht doch jeder Verbindlichkeit auch eine Forderung gegenüber? Ist das nicht vielmehr ein Ausdruck steigender Arbeitsteilung?
    Ich kann bei steigenden Schulden nur 2 Probleme sehen, die etwas Bauchschmerzen bereiten können. Erstens holen Sie sich mit dem Gläubiger auch jemanden ins Boot, der mitbestimmen will und zweitens geht es um die Qualität des Rechtssystems. Steht es auf der Seite des Schuldners oder stärkt es eher die Position des Gläubigers? Da gibt es Riesenunterschiede zwischen den Ansichten in den USA und der EU, aber auch innerhalb Europas.

    Weiterhin halte ich eine Inflation höher als 2% discount unter 5% für sinnvoll. Dies führt zu einer schnelleren Auflösung von gesicherten Positionen und erhöht die Dynamik der Wirtschaft. Nichts ist gefährlicher als das überlange Festhalten an alten Positionen, das führt zu einer Wirtschaftssklerose. Wie bekommen Sie sonst zu hohe Löhne wieder beizeiten aus dem System, zu hohe Patentvergütungen, zu hohe Preise etc? Die fortlaufende Zerstörung von Machtposition in der Wirtschaft ist eine notwendige Essenz für Wirtschaftswachstum.

    Freundliche Grüße,
    Ihr Adam Smith

  2. Adam Smith sagt:

    Ein Problem mit zunehmender Verschuldung kann ich nicht erkennen, da jeder Verbindlichkeit auch eine Forderung gegenübersteht. Wichtig ist in diesem Zusammenhang wohl nur, dass man sich damit jemanden ins Boot holt, der mitreden will. Ein weiteres Problem kann darin liegen, dass der Prozess der schöpferischen Zerstörung aufgeschoben wird.

    Zu den niedrigen Inflationsraten will ich anmerken, dass diese ebenfalls zu einer ökonomischen Sklerose führen können. Bei höherer Inflation werden gesicherte Positionen schneller vernichtet, z.B.zu hohe Löhne oder Mieten, oder Preise. Der rasche Abbau von ProduzentenRenten gehört ebenfalls zur wirtschaftlichen Dynamik. Die hohe Bedeutung von Gerichtsprozessen in der Wirtschaft ist immer ein Anzeichen von fehlender Dynamik.

    Ihr AS

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