Und will der Schmutz nicht weichen, muss man eben streichen!

6. Januar 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Frank Meyer

Man soll ja die Feste feiern, wie sie fallen. Sind Sie mit dabei? Ganz ohne es zu merken, ist es uns 2016 immer besser gegangen bei rekordniedriger Arbeitslosenquote, steigendem Reallohn und extremer Shoppingwut der Deutschen – ein Märchen aus einem Land, in dem Milch und Honig fließen – und deshalb ein Märchen…

Dieses komische Jahr ist schon fast eine Woche alt, da knallen uns die Erfolge aus dem letzten Jahr wie polnische Silvesterraketen immer noch um die Ohren. Bei jedem Böller aus dem Statistikamt neigt man notgedrungenen dazu, das Weinregal im Keller spontan zu leeren oder die Vorräte an Dosenbier. Mit einem der letzten Heuler flog mir die neueste Arbeitsmarktstatistik um die Ohren. Dieser Kracher machte Booooom statt Bummmmmm!

Herrlich, dass es im letzten Jahr nur noch 2,691 Millionen Arbeitslose gab – ein Begriff, der immer anders und immer kleingeistiger interpretiert wird. Um heute als arbeitslos zu zählen, muss man viele Bedingungen erfüllen. Sonst landet man im weniger beachteten Statistikkorb in der Kategorie „unterbeschäftigt“ – wie derzeit Millionen Leute. Die Arbeitslosenquote läge so bei 7,9 statt bei 5,8 Prozent. Das andere verkauft sich nur besser. Bezieher von Sozialgeld und Hartz 4 sind noch nicht berücksichtigt.

Oder man löst sich einfach in Luft auf, wenn man nett oder über 58 Jahre alt ist, und spitzt in oft sinnlosen Weiterbildungs- oder Umschulungsmaßnahmen Bleistifte an – oder wird dort zwischengeparkt.

Doch feiern wir erst einmal die niedrigste Arbeitslosenquote seit 1991. Damals wurden die Zahlen noch anders berechnet. Da war arbeitslos wirklich noch arbeitslos. Die Dunkelziffer bleibt heute, wie der Name schon sagt, im Dunkeln und im Reich der Verschwörungstheoretiker. Das alles kommt aber feiergerecht verpackt daher. Ich frage mich dann, von welchem Land dann die Rede ist, wo man dieses statistische Jobwunder medial feiert. Dann frage ich mich auch, was denken in diesem Moment eigentlich die Millionen von „abgehängten“ Leuten, wenn ihnen diese Zahlen wie Wachs beim Friseur in die Haare geschmiert werden? Sie werden wohl mit einem leisen „Danke!“ ihr größer werdendes Vertrauen in die Politik spüren. Gut, dass die Statistikerfolge auch noch monatlich verkündet werden. Sonst würde man nie erfahren, wie gut es einem geht.

Ach, da wir gerade beim Feiern sind: 2016 stiegen die Löhne um 2,3 Prozent. Abzüglich der Teuerung von 0,5 Prozent erfreuten sich die plötzlich neureichen Arbeitnehmer (auch so ein schönes Wort) an 1,8 Prozent mehr Reallohn. Da kann man es schon mal krachen lassen. Bei 1.000 Euro Lohn sind das nämlich 18 Euro mehr auf dem Lohnzettel, wovon dann Steuer und Sozialabgaben abgezogen werden. Darauf noch ein Böllerchen?

Das Beste kommt ja erst noch. Ob wir das auch noch erleben werden?

Deeeer Kracher zum Neujahr… Dazu begebe man sich in die tiefen Archive des Statistikamtes, wovon aber wegen der Komplexität und des Aufwands dringend abgeraten werden muss, und zünde ihn dort. Die realen Löhne liegen laut Destatis 3,3 Prozentpunkte höher als…

kurzer Moment …

Luft holen …

durchschnaufen …

Tröte rausholen…

Sind Sie bereit? Seit dem dritten Quartal 1992!

Tröte wieder wegpacken!

Binnen 24 Jahren ging es real um 3,3 Prozent aufwärts mit den Löhnen. Man kann sich bildhaft vorstellen, wenn dann die offiziellen Inflationsdaten so verbogen worden sind, dass real nichts übrig geblieben ist, Nein, nicht doch! Aber gut, dass wir gefeiert haben. Wundert es jetzt noch, dass der Einzelhandel nie auf die Beine kam und warum die „Geiz ist Geil“- Mentalität einen solchen Boom erlebte? Nicht wirklich. (Graphik: Querschüsse)

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Apropos… Im Jahr 2000 wurden im enger gefassten Einzelhandel 420 Milliarden Euro umgesetzt. Enger gefasst bedeutet, die Umsätze an den Tankstellen und Apotheken werden nicht mit erfasst – warum auch immer. Wenn also das Weihnachtsfest nach dem Plan unserer Expertenexperten verlaufen ist wie von ihnen prognostiziert, dann stiegen die Umsätze 2016 auf 485 Milliarden Euro. Damit betrug die Steigerungsrate in den letzten 16 Jahren gigantische und sagenhafte…

… haben Sie noch einen Böller übrig?

… eine Rakete?

… oder doch nochmal schnell Luft holen?

… von 16 Prozent! 😆 

Ist das nicht Spitze?

Oh, was haben wir hier noch? Okay, ein letzter Böller allgemeiner Heiterkeit und Freude in Überschwang und Feierlaune:

Heute eine Arbeit zu haben, bedeutet ja nicht, auch davon leben und auch noch sparen zu können. Und so erlebt der Niedriglohnsektor, früher hätte man auch schlecht bezahlte Sklaverei gesagt, einen Boom, der Deutschland an die Spitze der 28 EU-Länder geführt hat. Schließlich arbeiteten 2014 laut Europäischem Statistikamt …

Sitzen Sie?

Ist der Schampus offen?

Noch ein Böller?

… 22,5 Prozent im Niedriglohnsektor. 😈  (Eurostats, Seite 2)
Da sieht es doch in der gesamten EU noch besser aus…

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Auch hier ist Deutschland Spitze! Und so gedeiht ein statistisches Jobwunder mit angeblich mehr Geld in der Tasche, also in Lohn und weniger Brot, während unter den Leuten keine so rechte Feierlaune aufkommen will. Man wird sie wohl künftig anordnen müssen…

 

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3 Kommentare auf "Und will der Schmutz nicht weichen, muss man eben streichen!"

  1. Insasse sagt:

    Defacto keine Reallohnerhöhungen und das Ganze in einem möglichst großen und immer größer werdenden Niedrig(st)lohnsektor. Passt doch prima in das „NWO“-Konzept, das von der „letzten Verteidigerin der freien Welt“ auf Anweisung ihres noch-bis-17.01.2017-Handlers aus „überm großen Teich“ mit Hochdruck verfolgt wird. In der NWO muss nämlich überall alles gleich sein. In Deutschland muss also noch viel mehr Armut geschaffen werden, damit „wir“ uns dem Rest der Welt anpassen. „Wir“ sind auf einem guten Weg dahin. Aber das ist ganz sicher nur eine Verschwörungstheorie. 😉

  2. Schubidu sagt:

    Wieder ein sensationeller Beitrag! Ich habe ein Päckchen Tempo gebraucht, vor lauter Pippi in den Augen.

  3. Insasse sagt:

    Hier noch ein Nachtrag zu den Reallöhnen.

    Die Jubel-Presse will uns gerade wieder weismachen, dass die Reallöhne „stark ansteigen“, weil die Inflation so gering sei. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/geringe-inflation-tarifloehne-uebersteigen-verbraucherpreise-deutlich-a-1128636.html

    Dazu noch eine ergänzende Anmerkung:

    Von 1992 bis 2016 ging es, wie im Artikel aufgezeigt, mit den Löhnen real um 3,3 Prozent aufwärts .

    Nun schauen wir zusätzlich auch einmal auf den Verbraucherpreisindex, der uns über die durchschnittliche prozentuale Preisveränderung sämtlicher Waren und Dienstleistungen des privaten Bedarfs in Deutschland Auskunft gibt. Siehe dazu hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Verbraucherpreisindex_f%C3%BCr_Deutschland

    Dort lesen wir ab, dass dieser Index im Jahre 1992 bei 73,8 Punkten lag. Im Jahr 2015 lag er bei 106,9. Macht einen Punktezuwachs von 33,1 Punkten in den letzten 24 Jahren. Die Berechnung der prozentualen Steigerung des Preisindex in diesem Zeitraum, überlasse ich nunmehr dem geneigten Leser (so viel Eigeninitiative muss noch sein). Aber Achtung: Zu Depressionen neigende Zeitgenossen sollten sich die Berechnung sparen und einfach ohne zu Hinterfragen weiter nur die Meldungen der Jubel-Presse konsumieren und daran glauben, dass alles gut wird.

    @Herrn Meyer: Vielleicht ergänzen Sie ja diesen Augenöffner-Artikel, weil es so gut passt, noch um einen Absatz zum Verbraucherpreisindex. Dann können Ihre Leser gleich noch ein Böllerchen zünden. 😉

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