Und was passiert mit den Anleihen?

10. November 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Blickt man auf die langsam aber sicher ausfransende Europäische Union stellen sich viele Fragen. Eine davon ist die nach den Staatsschulden und damit den Staatsanleihen der Mitgliedsländer. Glauben noch alle an die EZB oder traut sich nur niemand zu sagen, dass der Kaiser nackt ist?

Ein beliebtes Stilmittel der Politik ist es, Dinge zu verkomplizieren, um allzu lästige Nachfragen zu unterbinden. Früher war das Abhalten der Messe in lateinischer Sprache üblich. Das konnte so gut wie niemand verstehen klang jedoch beeindruckend. Die hohen Gewölbe und zur Not ein bisschen Weihrauch gaben dem ganzen zusätzlich einen Ehrfurcht einflößenden Rahmen. Heute sind die Gewölbe noch höher. Vielerorts ist der innerstädtische Raum durch eine aus Glas und Stahl zusammengesetzte Inkarnation der pompösen Einfallslosigkeit besetzt. In diesen heiligen Hallen der monetären Moderne schaut man ernst drein und redet kompliziert daher. An generellen Sachverhalten, etwa bei Krediten, ändert das nichts. Entweder man hat Geld, man kann es sich laufend besorgen oder das ist nicht der Fall. Im ersten und zweiten Fall kann man weitermachen. Im dritten Falle ist man pleite.

Was wurden nicht aus Brüssel heraus schon für putzige Messen gelesen. Schon Jahre vor dem 2015er Kontrollverlust an der Grenze glitschte Merkel und Herrn Steinbrück in der Finanzkrise das geltende Recht in Finanzdingen aus den Händen. Hinterher gegriffen haben die beiden den über Bord geworfenen Rechtsverhältnissen nicht. Daher lässt sich die Verantwortung für die weitgehend abseits der Gesetze stattfindenden Finanztransfers ebenso gut den handelnden Personen zuordnen wie man das beim deutschen Jahr der offenen Tür 2015 kann. Aber man hat das ja für die getan, die finanziell gerettet werden sollten. Gefragt hat man sie vorher allerdings nicht, die Geretteten. Aber wer will schon Haare spalten, wenn es um Rechtsstaatlichkeit und ein paar Billionen Euro geht.

In der zweiten heißen Phase der Eurokrise kam es zu mehreren so genannten „Griechenland-Rettungen“. Gerettet wurde natürlich nicht das Land. Wie sollte das auch funktionieren? Über Wasser gehalten wurde vielmehr der finanzielle Torso, von dem mancher Gläubiger abhängiger war als viele Griechen. Als die Maschine dann erst einmal lief, war sie nicht mehr zu stoppen. Es wurden verschiedenste Konstrukte geschaffen, darunter der EFSF und schlussendlich der ESM. Nebenbei schuf man verschiedene Ankaufprogramme, die de facto auf eine Staatsfinanzierung durch die Zentralbank hinauslaufen, sowie einige Konten, die man „Fazilitäten“ nannte. Schlussendlich ging es darum, dass mehrere Staaten nicht mehr dazu in der Lage waren, ihre laufenden Ausgaben aus den laufenden Einnahmen und der Neuverschuldung zu decken. Dieser Zustand wird üblicherweise Illiquidität genannt und führt zum finanziellen Ableben und der entsprechenden Abwicklung. Die ganzen schönen Namen und Programme und die tausenden Beamten- und Angestelltenstellen die damit verbunden sind, hätte man sich ebenso sparen können wie die rückwirkende Befragung von Gerichten. Dann wäre allerdings auch dem letzten aufgefallen, dass die Europäische Zentralbank de facto insolvente Staaten am dampfen hält und das als Problemlösung verkauft. Die Annahme, man könne Wohlstand drucken, scheint immer noch Anhänger zu haben. Mal sehen, was man in 20-30 Jahren darüber sagt.

(Althistoriker David Engels 2017 in der Huffington Post) „In 20 bis 30 Jahren wird Europa ein autoritärer oder ein imperialer Staat geworden sein, nach einer Phase bürgerkriegsähnlicher Zustände und Verfallserscheinungen“

Den von Brüssel ausgehenden Versuch, die eigene Herrschaft zu festigen und die Staaten schrittweise zu entmachten, dürften nur wenige bestreiten. Der Verfall ist ja vielerorts schon weit fortgeschritten. Die europäischen Metropolen erinnern in weiten Teilen an Potemkinsche Dörfer mit gut situierten Wohlstands- und Konsuminseln, die jedoch nur einen kleinen Teil dieser Städte ausmachen. Den Verfall kann man nicht nur im Ruhrgebiet hervorragend studieren. Hätte Singapur in den letzten 60 Jahren ein ähnliches Schneckentempo bei seinem Strukturwandel hingelegt, dann wäre es noch heute ein Sumpf.

Verliert man auch in vielen Bereichen, etwa bei Software oder Biotechnologie, langsam den Anschluss, so kann man in Europa immerhin bei Insolvenzen auf einen wachsenden Erfahrungsschatz blicken. Bei Staaten gestaltet sich das jedoch ein bisschen komplizierter, daran haben auch Jahrhunderte währende Erfahrungen mit diversen Staatspleiten nichts geändert. Wie man da steht wenn man auf die Einhaltung von Verträgen gegenüber Staaten pocht, davon kann nicht nur Hedge Fund Manager Paul Singer ein Liedchen singen. Singer kaufte in großem Stil Anleihen des finanziell maroden Argentiniens. Diese Anleihen wurden vorher von diesem Land emittiert, wobei wie bei jeder Emission die Anleihebedingungen durch den Emittenten festgelegt wurden. An diese Bedingungen sollte man sich später halten, wenn einem Verträge etwas bedeuten. Als Argentinien dann in gewohnter Manier mal wieder pleite ging forderte Singer sein Recht ein. Das brachte ihm auch in deutschen Medien den Beinamen „Geier“ ein, weil er an das arme Land, dass ja nun pleite war, Forderungen richtete. Auf Singer herum zu hacken ist offenbar salonfähig, während man das Missmanagement und die Korruption der Führung des Landes, die es vor die Wand gefahren hat, und es sich dabei hat gut gehen lassen, gerne ausblendet. Die hatten ja ganz tolle „soziale Ideen“. Leider sind diese tollen Ideen oft derart unausgegoren und erinnern an die Diskussionszirkel von Erstsemestern, dass sie einer der Auslöser der Schieflage waren. Aber die wollten ja nur helfen…

Damit man immer schön weitermachen kann und niemand angesichts der Situation in Griechenland fragt, wie es denn eigentlich finanziell um Italien, Portugal, Irland & Co. bestellt ist, löst man das ganze hintergründig einfach mit groß angelegten Geldtransfers und indirekter Finanzierung von Staatshaushalten durch die Zentralbank. Vordergründig beschäftigen sich Heerscharen mit der Ausgestaltung von Anleiheaufkaufprogrammen, Stabilitätsmechanismen und der einen oder anderen Fazilität.

All diese finanzielle Hexerei hat politisch aber lediglich Zeit erkauft. Die Zentrifugalkräfte innerhalb der Europäischen Union nehmen sogar zu. Die Briten haben das Schiff verlassen, ein Punkt der gerne kleingeredet wird. Mit den Briten geht der zweitgrößte Nettozahler, ohne die Briten sinkt die EU-Bevölkerung um mehr als ein Zehntel und das Konstrukt verliert die neben Frankreich einzige nennenswerte Militärmacht. Wenn sich die Protagonisten der EU vermutlich auf Grund des Verbleibs von Malta dennoch weiterhin eine Position der Stärke zusammen fantasieren dann erinnert das schon ein bisschen an den späten Erich Honecker.

Neben diesem offiziellen Austritt franst der Teppich nun gleichzeitig am östlichen, südlichen und westlichen Rand aus. Im Osten verlieren Polen, Tschechen und Ungarn mit Lichtgeschwindigkeit die Lust an der EU. Dafür darf man wohl zum großen Teil die desolate Nicht-Politik des Kabinetts Merkel im Jahr 2015 verantwortlich machen. Ob der Kaiser nackt ist mag jeder selbst entscheiden, bei der Kaiserin besteht wohl spätestens seit zwei Jahren kein Zweifel mehr.

In Italien streben mit dem Trentino und der Lombardei zwei Regionen nach mehr Unabhängigkeit, die für ein Viertel der italienischen Bevölkerung stehen. In Spanien prügelt die Zentralregierung mit der Gummikeule und dem juristischen Knüppel auf Menschen ein, die die Unabhängigkeit Kataloniens fordern. Dieser Schuss mag kurzfristig für Ruhe sorgen, wird die Fronten aber verhärten und kann perspektivisch zu einer gewaltsamen Widerstandsbewegung führen. Die Spanier kennen das schon aus dem Baskenland. Bedanken dürfen sie sich unter anderem bei Herrn Rajoy, der den politischen Diskurs offenbar neu – oder auch spanisch traditionell – interpretiert.

Was geschieht mit den Anleihen, die von diesen Regionen, deren Kommunen oder dort beheimateten Unternehmen emittiert wurden, wenn es zu einer Abspaltung oder einer langfristigen Auseinandersetzung kommt? Wie ist der rechtliche Status dieser Anleihen, wenn eine Situation eintritt, die zum Zeitpunkt der Anleihe-Emission nicht bedacht wurde? Das mag man für rein finanzielle und damit profane Gedankenspiele halten. Wohin aber solch profane Dinge führen können zeigt das Beispiel Zypern oder auch die Entwicklung Griechenlands. Diese Fälle sind, da in der EU nicht vorgesehen, ein rechtlich betrachtet diffuses Territorium in dem manche Dinge nicht geregelt sind und man sich auf die Dinge, die geregelt sind, nicht verlassen kann. Dünnes Eis.

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12 Kommentare auf "Und was passiert mit den Anleihen?"

  1. Marktbegleiter sagt:

    Klartext, kurz und bündig – top! Ausdrucken und jedem Politiker im Farbenirrenhaus an die Stirn tackern! Jetzt. Keine Ahnung, wenn sich ein Hirn dieser Auguren mal selbst sprengt, es täte längstens Not, vor lauter Lüge, Heuchelei und Selbstbetrug. Wie viel davon kann man denn noch auf sich lagern meine Damen und Herren!? Wie viel?

    Soll niemand sagen, dass man es nicht tausend male geschrieben hätte. Aber Maas 2.0 und weitere Nachfolger werden das schon richten und das Netz säubern. „Säubern“ wird das Schlagwort der Zukunft. Und alle, alle machen weiter… alle, alle machen mit. Täter und Opfer zugleich – wir alle. Verrückt. Verantwortung für unsere Kinder, für nachfolgende Generation… Schwachsinn in der Annahme. Mensch wach auf. Grotesk, nur noch grotesk. Weitermachen… scheinbar alles egal, solange die Kapelle spielt. Traurig, sehr, sehr traurig im Gesamtkontext.

  2. beko sagt:

    „Ein beliebtes Stilmittel der Politik ist es, Dinge zu verkomplizieren, um allzu lästige Nachfragen zu unterbinden.“ –
    Das ist sicher richtig. Zutreffend ist ebenfalls, dass die Politik gerne auch Dinge versimplifiziert, um lästige Nachfragen gar nicht erst aufkommen zu lassen.

    Exemplarisch hierfür ist das Diktum der Kanzlerin über Alternativlosigkeit der Griechenland-Hilfen. Es insinuiert, dass sich eine Debatte über diese Hilfen und die damit verbundenen schwerwiegenden politischen und sozialen Implikationen erübrigt. Damit hat sie sich als Populistin geoutet. Nach Dahrendorf sei Rhetorik immer dann populistisch, wenn komplexe Sachverhalte extrem stark vereinfacht werden. Und einfacher als „alternativlos“ geht nicht.

    Es ist schon erstaunlich: „Populismus“ wurde zu einem hochfrequentierten Begriff im aktuellen politischen Diskurs, der mehr verhüllt und vernebelt, als dass er aufklärt. Damit ist er natürlich eine willkommene „Allzweckwaffe“ im Politiker- und Parteienstreit:

    „Populismus scheint der Politik genehm,
    Denn er vereinfacht ihr so manches Problem,
    Erspart mühseliges Recherchieren
    Und auch kniffliges Argumentieren,
    Denn der Gegner steht von vornherein fest
    Sein Platz ist von Populisten besetzt.

    Der Begriff kommt den Kämpen gerade recht,
    Es ist vage und propagandagerecht.
    Im hektisch politischen Wechselspiel
    Klingt er wichtig, aber besagt nicht viel.
    Doch hilft er, Buhmänner zu offerieren
    Und sie gehörig zu diskreditieren.“

  3. Angeblich gibt es da diese alte Weisheit der Dakota-Indianer.

    WENN DU MERKST, DASS DU EIN TOTES PFERD REITEST, MUSST DU ABSTEIGEN

    Danach folgen mehr oder weniger bösartige moderne Anfügungen, wie man diese einfache Wahrheit aushebeln kann. Wie etwa einen Arbeitskreis zu gründen, sich eine stärke Peitsche zu kaufen, die Leistungsanforderungen für Pferde zu senken, Versuche das tote Pferd wieder zu beleben, etc., etc.

    Gleiches passiert hier auch mit Pleite-Staaten. Der Autor ist bereits auf die meisten Verrenkungen, um sich der Wahrheit nicht zu stellen, eingegangen. Mir liegt noch am Herzen das Target-2-Saldo der Deutschen Bundesbank zu erwähnen. Es beträgt 879 Milliarden Euro. (Stand September 17) Ein Höchststand, den irgendwie keinen interessiert.

  4. bigpuster sagt:

    Liebes Bankhaus Rott,
    vielen Dank! Bitte hören Sie nicht auf an die Fehler der Vergangenheit und deren Verantwortliche zu erinnern. Zu schnell gerät es in Vergessenheit und man ist beim nächsten Mal wieder überrascht, wie das nur passieren konnte.

  5. Insasse sagt:

    Besten Dank wieder einmal an das Bankhaus Rott für die glasklare Benennung der unerfreulichen Tatsachen!

    Worüber ich mich seit einiger Zeit immer mehr wundere (und das frage ich mich durchaus auch in Bezug auf mich selbst): Seit Jahren liest man allenthalben kluge Analysen zur aktuellen politischen Lage im Land und darüberhinaus. Es gibt ein enormes positives Feedback der User mit guten Forumsbeiträgen. Man gewinnt den Eindruck, dass ein bedeutetender Teil der Bürger aufgewacht ist und die eklatanten Missstände erkannt hat. Warum aber wandelt sich diese Umstand nicht in klar organisierte politische Aktivität? Manch einer mit einem bekannten Namen, bekennt sich sogar öffentlich dazu AfD zu wählen. Aber das allein reicht nicht aus, um gegenzusteuern. Es wäre nun dringend erforderlich, über die Ausübung des Wahlrechts und das Benennen, Analysieren und Beklagen der Situation aktiv zu werden. Woran also liegt es, dass der Widerstand hauptsächlich medial (im Internet) stattfindet und nicht auf der viel wichtigeren politischen Schiene? Haben die Leute mit wachem Verstand verlernt, ihre Interessen angemessen politisch zu organisieren? Eins dürfte inzwischen klar sein: Die Mainstream-Politik wird nicht wieder zurück auf den „Pfad der Tugend“ finden (falls sie da jemals war). Auf diesem Weg wird also nichts mehr von dem, was gewaltig in Schieflage gebracht wurde, gerade gerückt.

    Wie oben geschrieben: Ich muss mir diesen Gedanken auch selbst vorhalten (wobei ich ausdrücklich betonen will und muss, dass es mir NICHT ZUSTEHT, irgendjemanden irgendetwas vorzuhalten). Ich will lediglich beschreiben, welche Frage mich insofern bewegt. Bin ich damit allein? Hat jemand eine Antwort bzw. Vermutung?

    Ein schönes Wochenende aus der Anstalt wünscht der Insasse

  6. Don_Juan_Matus sagt:

    Hallo,

    @beko: Begnadeter Dichter, toll.
    @Insasse: …“Bin ich damit allein? Hat jemand eine Antwort bzw. Vermutung?“

    Prof. Mausfeld hat die Antworten!
    => „Warum schweigen die Lämmer“
    Im neusten Vortrag sagt er die repräsentative Demokratie ist gemacht, um die Menschen von der (echten) Demokratie/Mitbestimmung fernzuhalten!

    Andere empfehlen gar diesem kranken Kaspertheater „die Energie zu entziehen“.
    Erst wenn niemand mehr zu den Pseudo-Wahlen geht und dafür dem Politzirkus den Rücken kehrt,
    dann sind die Kaiser*Innen nackt!
    Dieses ganze System lässt sich meiner Meinung nach nicht zu reformieren/korrigieren.
    Das verhindert der Alles durchdringende Filz des militärisch-industriellen-Finanz-Medienkomplexes.
    Die Menschen müssen eigene, unabhängige Lösungen in einer überschaubaren Gemeinschaft leben.
    Ansätze und Gruppen gibt es mehr als man denkt…

    • Insasse sagt:

      @Don_Juan_Martus:

      Danke für Ihre Gedanken.

      „Die Menschen müssen eigene, unabhängige Lösungen in einer überschaubaren Gemeinschaft leben.“

      Aber warum machen sie das nicht? Schweigen die Lämmer wirklich, oder wählen sie nicht eher sogar mehrheitlich ihre Schlachter selber. Noch lässt sich die Mehrheit, jedenfalls die deutsche, sogar für EU, Euro und unbegrenzte Zuwanderung begeistern. Das ist das genaue Gegenteil einer überschaubaren Gemeinschaft. Von den Ansätzen und Gruppen, die sie erwähnen, sehe ich leider weit und breit nichts.

      • bluestar sagt:

        @Insasse
        „Bin ich damit allein?
        Nein, mit Sicherheit nicht, sehr viele Menschen stellen sich die gleichen Fragen. Meine Wahrnehmungen sind:
        Die Zahl der Besorgten, Aufgeklärten, Freidenker, Rechtsstaatsanhänger und Patrioten ist überschaubar und trotz massiver Zunahme der gesellschaftlichen Verwerfungen nicht merklich gewachsen. Ich bin auf 4 unabhängigen Plattformen unterwegs, die Zahl der User und Kommentatoren bleibt begrenzt. Letztendlich ist ja auch alles bezüglich Symptombeschreibungen und Interpretationen gesagt.
        @Don_Juan-Martus hat dankenswerterweise auf einen Vortrag von Prof. Mausfeld verwiesen, der ausgezeichnet erklärt, wie das System der Manipulation von Massen perfekt funktioniert. Ein weiterer genialer Vortrag von Professor Mausfeld zu diesem Themenkreis ist “ Wie werden Meinung und Demokratie gesteuert ?“, welcher ebenfalls auf YouTube öffentlich zugänglich ist.
        Obwohl dieser Vortrag von JEDEM Deutschen gesehen werden sollte, haben es nur knapp 140.000 geschafft. Wahrscheinlich wieder jene, die bereits kritische Fragen stellen können und neugierig sind. Also funktionieren Verblödung, Desinteresse, Spaltung, Manipulation, Nebelkerzen, Unterwerfung, Empörungsmanagement sowie Brot und Spiele absolut perfekt.
        Ich schätze das Gesamtpotential von Deutschen die in Zusammenhängen selbständig kritisch denken können auf ca. 10%. Mit Zunahme einer Verweildauer in Schulen und Unis tendenziell abnehmend, da wird sehr gute Systemarbeit geleistet. Über 10% dürfte zudem auch die Zahl der aktiven Mitläufer, Profiteure und System-Schmarotzer liegen, welche sich in Machtpositionen gegen jegliche Veränderungen stemmen.
        ich war auf mehreren Kongressen und Konferenzen mit sehr interessanten Vorträgen und Teilnehmern. Auffällig war die geringe Teilnahme von jungen Menschen, hier scheint die Medienarbeit der letzten Jahre wohl gewirkt zu haben. Vor allem gut situierte Menschen habe ich angetroffen, die sich zumindest materiell keine Sorgen machen müssen. Aber grundlegende gesellschaftliche Veränderungen sind bisher vor allem von jungen Menschen ausgegangen und gerade diese Gruppe scheint besonders tief zu schlafen was die eigene Zukunft angeht.
        Trotzdem scheine ich eine Zunahme der Problem-Wahrnehmung in meinem Umfeld zu registrieren. Zumindest nimmt Unsicherheit und Angst aufgrund Kriminalitätszunahme vor Ort spürbar zu. Ob daraus neue Gedankenansätze wachsen möchte ich gern glauben, aber das Ergebnis der letzten Wahlen zeigt, dass die indoktrinierten Massen weiterhin an Blockparteien glauben. Vielleicht ist es bei den obrigkeitshörigen Deutschen wie 1945, als noch bis kurz vor der Katastrophe vom Endsieg geträumt wurde und alle warnenden Patrioten ausgeschaltet wurden.
        Was kann man also machen ? Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Missionierung von Analphabeten habe ich beendet. Besser ist einfache nur Fragen stellen. Lesen und Schreiben muss jeder müßig selbst lernen, sofern er will und Wert auf eigene Gedanken legt. Finanzielle Unterstützung von 2-3 unabhängigen Plattformen ist meiner Meinung nach genauso wichtig wie Kopfhygiene. Meidung von TV und Systempresse, Gedankenaustausch mit Gleichgesinnten, ansonsten wird’s schwer im Kopf.
        Beste Grüße aus Sachsen

        • astroman sagt:

          „Haben die Leute mit wachem Verstand verlernt, ihre Interessen angemessen politisch zu organisieren?“

          Ich weiß hierzu nur, dass mein Umfeld und ich das nie gelernt hatten. Letztlich – da bin ich offen – fehlt mir auch im Alltag die Energie und die Hoffnung, mich in größerem Maße aufzureiben. Zeit wäre hierfür abends ab 21:00 und am Wochenende. Aber da ist die Kette ab bzw. der Raum wird für Familie und Freizeit genutzt. Das geht sicherlich den meisten so. Insofern auch nicht verwunderlich, dass Demos in Deutschland meistens aus Studenten und Rentnern bestehen 😉

          Was hab ich gemacht? Eine formale Beschwerde beim Rundfunkrat, einen Brief an EU-Abgeordnete, diverse Beiträge in Foren, klare Worte ab und an im sozialen Umfeld. Das ist wenig, aber schon viel mehr als der Durchschnitt an politischem Engagement zeigt.

          Im Endeffekt sind wir – die Nachdenker – vermutlich auf dem falschen Dampfer, was das Verstehen unserer Mitmenschen angeht. Wir gehen davon aus, dass es eine Sache des Diskutierens und Nachdenkens wäre. Womöglich ist das für die breite Masse schlichtweg falsch.

          Ein großes Aha-Erlebnis war in diesem Sommer das Lesen des Buches Psychologie der Massen. Ich hab’s auf dem Balkon bei Sonnenschein gelesen und war irgendwie danach erleichtert. Eigentlich hätte es umgekehrt sein müssen. Aber dieses Buch hatte mir gezeigt, dass alles „okay“ ist.

          Also: Das Buch ist kein naturwissenschaftliches. Vielmehr Beobachtung und Interpretation und eines der ersten der Tiefpsychologie. Es ist politisch herrlich unkorrekt. So ein Werk könnte man heute nicht mehr publizieren. Da wird von den dummen Massen, dem Pöbel, und der Denkunfähigkeit von Frauen und Negern geschrieben. Boh. Fieser Nazi-Autor.

          Der Autor heißt Le Bon? Yup. Ist ein Franzose 🙂

          Also: Man muss schon checken, dass das Buch 100 Jahre alt ist und man damals von Negern sprach und aufgrund der mangelnden Bildung Afrikaner und Frauen als dumm galten und man dies fälschlicherweise biologisch erklärte.

          Aber: Das Buch ist 100 Jahre alt und hätte ich das nicht gewusst, ich hätte gedacht, jemand hätte es aus aktuellem Anlass geschrieben.

          Ist m.W. eh out of copyright, weil so alt und entsprechend downzuloaden:
          https://archive.org/details/Le-Bon-Gustave-Psychologie-der-Massen

          Unsere „erfolgreichen“ Politiker verstehen die Psychologie der Masse. Vielleicht intuitiv, vielleicht via geheimer Ausbildung. Ich weiß es nicht. Aber im Endeffekt sieht man auch, dass ein Lucke mit Vernunft die 5%-Hürde nicht knacken kann, aber eine Partei, die sich emotional an die „Volksseele“ richtet, trotz massiver Anti-Propaganda ordentlich Prozente einfahren kann.

          So geht anscheinend Politik.

          (Was die Damen und Herren der diversen Parteien anschließend machen, steht dann ohnehin auf einem anderen Blatt.)

          Insofern denke ich auch, dass man die Republik nicht aufklären kann. Fragen wie EU oder Immigration sind für viele Glaubensangelegenheiten. Ich hab wiederholt festgestellt, dass die Befürworter im Bekanntenkreis keinerlei Sachargumente haben und allenfalls die Falschaussagen wiedergeben wie „Deutschland ist reich“, „das löst die Überalterung“, „wir haben profitiert, besondere Verantwortung und können und müssen zurückgeben“.

          Siehe Le Bon: Man muss Aussagen immer wieder wiederholen und emotional verankern, egal ob sie richtig oder falsch sind. Sie werden schließlich als Fakten von der Masse akzeptiert.

          An der Stelle denke ich mir dann immer: Reality is a bitch. Früher oder später setzt sich die Realität durch. Insofern ist glaube ich heute schon viel erreicht, wenn man durch Blogs den paar Prozent echten Interessierten Infoquellen abseits des Mainstreams gibt. Dann fühlt man sich nicht so alleine mit der „Abweichlermeinung“ und sofern man die Möglichkeiten hat, kann man vielleicht anders als in Euro-Rentenprodukte sparen oder auch schon mal überlegen, ob man nicht vielleicht auch (später) mal ins Ausland geht, wenn man nicht zu sehr an Deutschland hängt. War früher ja auch nicht anders: Wenn man im Land gehungert hat und gedisst wurde, weil man die falsche Religion hatte, ist man halt mal in die USA ausgewandert. Wer weiß, vielleicht geht’s auch nach Osteuropa, wenn’s da boomt und die Leute suchen. D ist auch groß; da wird es auch Orte und Regionen geben, die besser sind, wenn vielleicht das eigene Viertel sich so ändert, dass man sich nicht mehr wohlfühlt. Im Endeffekt ist alles so komplex, dass man eh nicht weiß, in welche Richtung es geht.

          Also insofern: Alles „okay“ in dem Sinne, dass es heute nicht anders als vor 100 Jahren zugeht. Das finde ich irgendwie beruhigend.

          • astroman sagt:

            Korrektur: Le Bon schrieb „Wilde“ nicht „Neger“. Mir ging es auch nur darum exemplarisch darauf hinzuweisen, dass das Buch für heutige Verhältnisse eine krasse Sprache spricht und manches natürlich schlichtweg falsch ist. Seine Beobachtungen und Erklärungen zur Beeinflussbarkeit der Massen machen es aber allemale interessant.

  7. Insasse sagt:

    @Bluestar und astroman:

    Auch Ihnen vielen Dank für Ihre Gedanken!

    Auch ich habe nicht gelernt, meine Interessen außerhalb von Wahlen durch aktive politische Betätigung wahrzunehmen. Die Energie und die Hoffnung würde mir nicht fehlen (beim Vollzeitjob eher die Zeit). Aber es ist doch ein großer Schritt, Missstände nicht nur aktiv (z.B. in Internetforen) zu benennen, sondern sich für Veränderungen aktiv zu organisieren. Zumal die Aussichten auf Erfolg in der Breite nicht wirklich überzeugend sind. Andererseits: Wer nicht für seine Interessen kämpft, hat von vornherein schon verloren. Verzwickte Lage…

  8. DonSarkasmo sagt:

    Zwei Punkte:

    1. Liebes Bankhaus Rott, vielen Dank für diesen exzellenten Artikel.
    2. Dank an Euch alle. Ich sehe, dass ich keineswegs alleine mit meiner Meinung und Einstellung da stehe. Manchmal könnte man irre an sich selbst werden. Aber wie wir wissen: Die Masse liegt immer falsch. Sie rennt zum dritten Mal in einem Jahrhundert mit ihrem dummen Schädel an die Wand. Und wir sind die übliche Minderheit, die das Kommende ahnt, aber verlacht oder gar verfolgt wird. Wir können nur versuchen, uns und unsere Familien so gut wie möglich vorzubereiten.

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