Und was kommt jetzt?

9. Februar 2016 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Seit der Erwartungshoriozont manches Traders in den Bereich von Nanosekunden abgerutscht ist, verkürzt sich auch der Planungshorizont der Zentralbänker. Man hetzt von Arbeitsmarkbericht zu QE4 und wieder zurück und hat dabei den stündlichen Kursverlauf des Dow Jones stets fest im Blick….

Das waren noch Zeiten, als eine turnusgemäße Änderung der Weltensteuerung mit einer Frequenz von „einmal im Quartal“ noch als häufig galt. Damals waren auch fünf Prozent noch viel. Fünf Prozent Defizit, fünf Prozent mehr Schulden, fünf Prozent Kursveränderung, da hatte man was in der Hand. Man redete seinerzeit eher selten und wenn dann über große Zahlen. Heute redet man dauernd über kleine Zahlen. Geführt werden die Diskussionen hinter dem Komma.

Fünfundzwanzig Basispunkte mehr oder weniger, so ist die Auffassung der Zentralbank-Jünger, könnten die Welt aus den Angeln heben. Fünfundzwanzig Basispunkte. Das sind bezogen auf eine Summe von einhunderttausend Euro satte zweihundertfünzig Kröten. Wenn dieses Sümmchen angeblich alles kaputt machen, dann guten Abend allerseits.

Das ist natürlich lachhaft. Ebensowenig wie die BASF sieben neue Werke in Ludwigshafen baut, weil die Zinsen ein paar Basispünktchen sinken, so baut das Unternehmen auch nicht sieben Werke weniger, weil die Zinsen um einen Viertelpunkt steigen. Das Gefährliche am ganzen Theater um die Schamanen der Zentalbank sind das aggressive Verhalten vieler Anleger. Als Begründung dient den Hasardeuren allein die Hoffnung, bei nicht steigenden Zinsen könnten „riskantere“ Wertpapiere nur steigen. Diese Hoffnung ist angesichts zweier massiver Bärenmärkte in den letzten zwanzig Jahren vollkommen absurd. Viele Indizes haben sich nicht annähernd von den Kursrückgängen der Jahre 2008 und 2009 erholt. Das vergessen viele Anleger, die sich hoffnungsfroh an den Dow Jones und den DAX klammern.

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Man sollte das Wörtchen „riskant“ generell nicht in Abhängigkeit von einer Assetklasse verwenden, ohne dabei auf den Preis zu achten. Der Preis bestimmt das Risiko. Da jahrelang Anleger (von anderen oder von sich selbst) getrieben einigen vermeintlich alternativlosen Anlagen hinterherliefen, darf man sich über die aktuelle Nervosität an den Aktienmärktenmärkten nicht wundern. Wer in dieses Jahr mit einer Alternativlos-Allokation von 100% Aktien marschiert ist, dem bleibt außer Hoffnung erst einmal nichts.

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Viele institutionelle Anleger machen diese Erfahrung trotz fortgeschrittenem Alter offenbar zum ersten Mal. Wer ursprünglich über Jahrzehnte nur in Pfandbriefe und bestenfalls als Beimischung in Unternehmensanleihen investierte, und plötzlich mit einer 30%-igen Aktienquote herumhantiert, dem dreht sich bei zweistelligen Kursverlusten vermutlich der Magen um.

Mit der Daumenregel „Aktienquote durch zwei Teilen und der Rest des Portfolios fällt um 10%“ kann man sein Risiko weit besser einschätzen als mit Risikomaßen wie dem Value at Risk. Ein breit gestreut anlegender Mischfonds mit 50% Aktienquote hätte demnach als grobe Indikation ein temporäres Verlustrisiko von 30%. Man kann natürlich auch wesentlich mehr verlieren, bei 30% sollte man jedenfalls nicht allzu überrascht sein. Wer das nicht durchstehen kann, weil sich seine Pensionskasse schon bei 10% Minus in ihre atomaren Bestandteile zerlegt, und der übliche „cover your ass“-Tanz der Gremien beginnt, der sollte sich seine Anlagestrategie noch einmal durch den Kopf gehen lassen.

Der Fehler im System sind aber nicht die zu hohen Zinsen (ein auf aktuellem Niveau wirklich unfassbarer Blödsinn) sondern eine unüberlegte Anlagestrategie einer großen Anlegerschar, die für den Fall B (fallende Kurse) keine Handlungsoption mehr hat. Nach einem richtigen Bärenmarkt bleiben so nach den finalen Panikverkäufen nahe des Tiefpunktes nur rauchende Trümmer und eine Menge Schuldzuweisungen an den Berater, den Regulierer und alle anderen, mit denen man gesprochen hat. Selber hat man natürlich alles richtig gemacht, wie eigentlich immer.

Kommt es zu ausgeprägten Verlusten an den Aktienmärkten wird es auch für viele Pensionskassen eng. Der Rentenmarkt hat auf Grund der extrem niedrigen Renditen einen Großteil seiner Pufferfunktion eingebußt und mit Rohstoffen hatten nicht nur viele institutionelle Anleger auf Grund ihres prozyklischen Verhaltens wenig Erfolg (fragen Sie mal nach, wer sich den Sektor auf den ermäßigten Niveaus anschaut). Der Fehler wurde zuerst vor und dann während der Anlage gemacht. Entweder war es zu unangenehm, sich mit der grundlegenden Problematik zu beschäftigen oder man hat sich der Wahrheit nicht stellen wollen. Wenn eine Pensionskasse unterfinanziert ist, ist es keine sinnvolle Lösung, immer mehr Risiko in die Portfolios zu laden. Sinnvoller ist es, weiterhin mit Augenmaß und gesundem Menschenverstand zu investieren und sich über die beiden anderen Möglichkeiten zu unterhalten: (a) Beitragserhöhungen oder (b) eine Kürzung der Auszahlungen. Wenn das die Kunden der Kasse nicht mitmachen wollen, dann müssen sie mehr Risiko ertragen. Das sind die Alternativen. Mehr Risiko kann natürlich ebenfalls zu geringeren Auszahlungen führen, dann allerdings unter wenig erfreulichen Begleitumständen.

Leider bleibt es meistens beim Triumph der Einfallslosigkeit: Zu wenig Geld? Mehr Risiko! Immerhin, so hat man wenigstens Sicherheit, wenn auch nur beim Misserfolg…

 

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Ein Kommentar auf "Und was kommt jetzt?"

  1. Michael sagt:

    Als ich mich vor Jahren mit den Bollinger Bändern habe beschäftigt, da stand geschrieben die Kurse verliefen innerhalb der beiden beiden Bänder. Irgendetwas hat sich geändert. Es scheint möglich, dass die Trading Algorithmen das untere Band als den Median ansehen.

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