Und leise tickt der „Krisenticker“

25. März 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Frank Meyer

Ach, war es nicht ein gemütliches Wochenende? Etwas kalt. Aber sonst? Nur im Hintergrund überschlagen sich die Schlagzeilen. Was sollen sie sonst tun? Das haben Schlagzeilen so an sich. Über das ganze Wochenende hinweg konnte man schauen, wenn man wollte, was in Sachen Zypern passiert…

Wahrscheinlich aber waren „Wetten dass…?“ und DSDS spannender. Herr Lanz badete in Schokolade. Herr Vettel überholte rechts. Und in den Dritten liefen wie immer Heimatfilme. Nichts Ungewöhnliches. Eingemummelt in wohlig kuschelige Decken rauschte das Wochenende vorbei wie jedes Wochenende. Irgendwas Neues in Zypern? Nikosia? Ist das nicht die Schwester von Elton Johns Nikita? Keine Ahnung.

Da warnte mal der eine – dann warnte wieder der andere. Bargeldbeschränkungen, Abgaben, Proteste und ein verspätetes Gipfeltreffen in Brüssel. Mal ehrlich. Interessiert das überhaupt jemanden? Beim Wort Brüssel habe ich Mitleid. Wie muss diese Stadt leiden, in welchem Kontext der Nachrichten das früher beschauliche Brüssel jetzt steht wie Fukushima in Japan.

Ich hatte nicht den Eindruck, dass Zypern so spannend war und schaute am Samstag und Sonntag den Bekannten zu, wie sie die Tagesschau um 20 Uhr konsumierten, ohne dass mich deren Inhalt wirklich interessierte. Ich beobachtete mit Interesse die Gesichter. Nichts brachte sie aus der Fassung. Nur am Ende der Wetterbericht. Nie mehr Frühling! Wie spannend! Zypern ist weit weg. Und die Kanzlerin hat ja gerade ihre Garantie für Erspartes erneuert. Es müsste schon etwas Außergewöhnliches direkt über dem Dach passieren, dass die Leute in Wallung kommen – vielleicht ein Kometeneinschlag?

Drei Jahre „Eurokrise“ sind inzwischen so spannend wie eingeweichte Wollsocken oder die Neujahrsansprache von Helmut Kohl von 1986. Kapitalverkehrskon… kon was? Keine Ahnung. Gibbet nicht bei Aldi. Auch nicht im Sonderangebot. Wenn, dann wäre das aufregend. Und wenn am Montag Morgen die Märkte wieder öffnen, das machen sie immer am Montag Morgen, dann schlafe ich noch. Zypern ist weit weg. Selbst dran Schuld. Schwarzgeld. Dummköpfe, Oligarchen! Gierige!

Und so entschwand das Wochenende, vergraben unter Eis und Schnee – so wie die letzten Wochenenden auch entschwunden sind. Am Montag wird wieder gearbeitet. Oder man kuriert die Virusgrippe aus. Oder geht früh zu Aldi zu den Sonderangeboten. Zypriotische Apfelsinen? Neee, diese Woche nicht!

Was ist Zypern im Vergleich zum TV-Programm? Ich bin Samstag Nacht bei einem Killer-Film eingeschlafen, nach ca. 200 Toten muss das passiert sein. Zum Glück musste ich frühmorgens nicht das Wohnzimmer wischen. Vermutlich gab es zusammen auf allen Kanälen so viele Tote, dass ein Stadtfriedhof zu klein gewesen wäre. Ist ja alles nur ein Spiel – sagte ich, als ich nach dem Krisenticker schaute. Zypern? Hier regte sich jemand auf. Dort warte jemand. Wie im Film.

Nun sind in Zypern Kapitalverkehrskontrollen in Kraft getreten. Jeder auf der Mittelmeerinsel, von der die Hälfte der Deutschen nicht weiß, dass sie dem Euro angehört und auch in der EZB etwas zu sagen hat, darf 100 Euro vom Konto holen und sich einen schönen Tag machen. 700 Euro pro Woche… Das sollte doch reichen. Oh Wunder, Zypern braucht zwei Milliarden Euro mehr als bislang veranschlagt. Kennt man das nicht längst? Langweilig!

Wer mehr als 100.000 Euro auf dem Konto hat, gehört in der Regel zu denjenigen, die an diesen seltsamen Geschäftsmodellen in Zypern sehr viel Geld in der Vergangenheit verdient haben“, sagte Sigmar Gabriel dem Norddeutschen Rundfunk.

Politiker verdienen, soweit man weiß, mit ihren seltsamen Geschäftsmodellen auch mindestens 100.000 Euro. Es würde mich wundern, wenn sie nicht mehr als 100.000 Euro auf dem Konto haben? Wie dem auch sei, im Zweifel ist jeder, der 100.000 Euro auf dem Konto hat, mit Schwarzgeld beschäftigt. Enteignen! Dabei ist das gar nicht so schwer, wenn man 20 Jahre lang jeden Monat 400 Euro zur Seite gelegt hat. Zudem sind 100.000 Euro sind auch nicht mehr das, was 100.000 D-Mark mal waren. Oh, das war politisch sehr unkorrekt… (Seite 2)

Print Friendly, PDF & Email

 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , , , ,

12 Kommentare auf "Und leise tickt der „Krisenticker“"

  1. Bummbumm sagt:

    Ich sehe es trotzdem positiv. Keiner in Zypern hat geglaubt, dass Privateigentum zur Finanzierung der Schulden aus dem Steuerhinterziehungsmodell herangezogen wird. Jetzt passiert es doch!

    Keiner in Deutschland hat bis vor Kurzem geglaubt, dass der Steuerzahler für die Verschuldung des eigenen und anderer Länder aufkommen wird. Die Anzahl derer, die es glauben wächst. Und damit die Anzahl derer, die darauf drängen werden, dass der staatlich geduldete Betrug durch die Banken aufzuhören hat. Oder wars der staatliche Betrug, bei dem die Banken bloss die Handlanger sind?

    Man wird kritischer. Hoffentlich.

  2. EuroTanic sagt:

    Sellig sind die „Bildungsfernen“, denn ihnen gehört das TV Programm, der Aldi und die schlaflose Nacht. Manchmal wünscht man sich wieder in die Matrix zurück, nur um wieder schmerzfrei shoppen, glotzen und ruhig schlafen zu können. 😀

  3. samy sagt:

    Laut Medien ist jeder Kontoinhaber mit einer Einlage größer 100 000 ein russischer Steuerhinterzieher. Es gibt auch genügend Zypreoten, z.B. Familienunternehmen, die Einlagen über 100 000 haben.

    Und der aufgeblähte Finanzsektor? Das Verhältnis der Bankbilanzsummen zum BIP sei mit 7 zu 1 untragbar. Die Lichtensteiner haben ein Verhältnis von 21 zu 1, und nun? Wer bestimmt was gesund bzw. ungesund sei? Mag ja sein, dass es ungesund sei, aber über das Geschäftsmodell einer souveränen Nation entscheiden die Brüssler an einem Wochenende? Als sei es der eben noch zulässige Krümmungsgrad einer Salatgurke?

    Wenn die gar nicht gerettet werden wollen? Das Parlament hat doch gegen den letzten Plan gestimmt. Was haben wir eigentlich für ein Verständnis von Demokratie? Oder haben wir nur Angst das …

    Nachtrag:
    http://www.blick.ch/news/ausland/kunden-der-bank-of-cyprus-verlieren-30-prozent-id2249656.html

    30%? Wenn die Zahl stimmt, dann ist das ein Hammer. Wäre ich Millionär/Milliardär, ich würde mir genau überlegen, ob ich mein Geld im Euroraum, insbesondere in den PIGS, anlege.

  4. Reiner Vogels sagt:

    Der eine hat mehr als 100.000,- Euro auf dem Konto, weil er einen Kaufvertrag für ein Haus unterschrieben hat, und nächste Woche den Kaufpreis an den Notar überweisen muss. Ein Hotelbesitzer, Betreiber einer Autoreparaturwerkstatt, Bauunternehmer … hat das Geld auf seinem Konto, weil er Ende des Monats die Gehälter für seine Mitarbeiter bezahlen muss.

    „Geschieht denen ganz recht, wenn sie enteignet werden. Es sind doch allesamt Oligarchen, die mit Geldwäsche, extrem hohen Zinsen und Steuerhinterziehung ihr Geld gemacht haben.“ So muss man jedenfalls die Äußerungen von Herrn Gabriel interpretieren.

    Was die EU in Zypern erzwingt, ist der größte Bankraub aller Zeiten. Al Capone würde vor Neid erblassen, wenn er das noch erleben dürfte.

    • FDominicus sagt:

      @Reiner Vogels
      “ Al Capone würde vor Neid erblassen, wenn er das noch erleben dürfte.“

      Al Capone wurde erschossen…. Wie groß schätzen Sie diesen Ausgang für die Euro Retter?

      • samy sagt:

        Sorry, aber Capone starb nicht im Kugelhagel, sondern an den Spätfolgen einer Geschlechtskrankheit. Nur mal als Info und für den Fall das mal jemand bei Günther Jauch sitzt und die Frage kommt…

        😉

  5. samy sagt:

    Avanti Diletanti, weiter in großen Schritten …

    http://blog.markusgaertner.com/2013/03/25/dijsselbloem-schiest-den-euro-ab-zypern-deal-als-banken-blaupause/

    Nun sollte die Flucht aus dem Euro langsam aber sicher beginnen. Die Banken werden unterkapitalisiert sein und die Staaten werden wieder retten müssen. Dann werden die Anleihezinsen wieder steigen, weil die Staatsschulden steigen.

    Hat sich Herr Sinn mal zu der Misere geäußert, würde mich interessieren.

    Treiben wir das gedanklich einmal auf die Spitze, ist ein Aktiendepot bei einer europäischen Bank nicht ebenso riskant? Was geschieht denn, wenn ich Aktien abstossen bzw. umschichten will und über 100 000 Euro komme, dann bin ich doch wieder liquide, oder?

  6. Andres Müller sagt:

    Thia, lustige Kommentare Herr Meyer, aber das humorvollste habe ich erst vor Kurzem auf dem finanzischen Ground Zero -Zero Hedge- gelesen. Da wird von Reuters berichtet (nachgesehen habe ich nicht) die Oligarchen seinen schon auf und davon -die Russen. Die hätten einen Trick gehabt letzte Woche -eine noch offene zyprische Filiale in London. Während die Heimischen in Zypern vor dem Geldautomaten standen, da hätten die Russen ihre über 100000- Konto per Mausklick fortbewegt.

    Angeblich, vielleicht war das ja auch nur der neuste Russenwitz

  7. crunchy sagt:

    Mensch, Meier! Michel mag Müde. Wer jetzt noch nicht aufgestanden ist, darf bis zur Bundestagswahl weiterschlafen.
    Es gibt ja keine: Alternative für Deutschland!

    https://www.alternativefuer.de/

  8. Bernd sagt:

    Oh, wie wahr dieser Artikel – Dumpfbacken Michel! Wie sagte schon Voltaire: „Keine Schneeflocke in einer Lawine wird sich je verantwortlich fühlen.“

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.