Und keiner kommt davon …

12. August 2013 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

von Ronald Gehrt 

Es ist eigentlich typisch für Notenbanken … wenn es nicht gerade lichterloh brennt und sie mal wieder wie 2008 eine markante Veränderung der Lage verpennt haben, versuchen sie, ihre Geldpolitik so „smooth“ wie möglich zu wandeln, um die Marktteilnehmer ja nicht nervös zu machen… 

Während Häuptling Bernanke seit Ende Juni bei jeder Gelegenheit ein wenig anders tönt und damit seinen Nimbus als rotierender Wegweiser beibehält und der Offenmarktausschuss im Statement zur letzten Notenbanksitzung dieses entscheidende Thema einfach wegließ, sprechen jetzt die beiden „Fed-erales“ Fisher und Lockhart offen vom Beginn des „Tapering“, der Reduzierung der Anleihekäufe, nach der nächsten Sitzung Mitte September. Und die Marktteilnehmer …

… die nehmen es momentan gelassen hin. Es ist ein Witz, aber diese Taktik klappt doch immer wieder. Erinnern wir uns doch nur an Zypern. Ich hatte damals ja schon einen Tag nach der „Weekend-Robbery“ durch die EU geunkt, dass die Insel nur ein Testballon sein könnte. Ein Aufhänger, an dem sich die Wut der Anleger entzünden konnte, ohne großen Schaden an den Kapitalmärkten insgesamt anzurichten. Also gezielt dafür gedacht, um die sich entladende Empörung wie ein Gasleck abzufackeln, um dann das eigentliche Ziel, nämlich diese unmittelbare Beteiligung der unbeteiligten Sparer/Konteninhaber an Schieflagen ihrer Banken ohne großes Aufsehen durch die Hintertür für die gesamte Eurozone einzuführen.

Die Wut entlud sich derart an dieser sofort beflissen als „absolute Ausnahme“ bezeichneten Maßnahme, dass kaum jemand noch mit den Schultern zuckte, als die EU diese Regelung mehrere Wochen später in Gesetzesform presste. Nicht zuletzt auch deswegen, weil man immer wieder in Presseberichten scheibchenweise zu hören bekam, dass da doch etwas im Busch sei, eine Gesetzesvorlage existieren würde, die Regelung aber nur teilweise dem Zypern-Modus entspräche und so fort. Eine Methode, die Jean-Claude Juncker übrigens 1999 in einem Interview genau so beschrieb. Der gemeine Anleger, erst recht der Wahl- und Zahlbürger an sich, hebt auf diese Weise nicht einmal mehr das durch die Flut wichtigerer Nachrichten aus Boulevard und Glitzerwelt ermüdete Haupt. Krise? Bitte nebenan klingeln.

Es scheint, als würde man solch eine heimlich, schrittweise und zunächst bis zum Stadium der Gewöhnung noch rein verbal ablaufende Wandlung nun auch hinsichtlich des „Tapering“ durchziehen wollen. Es wäre ja nicht das erste Mal. Bei den Notenbanken hat es ja seit Greenspans Zeiten Tradition, Zinserhöhungen und –senkungen durch ein sukzessives, meist nur zwischen den Zeilen erkennbares Variieren der Statements nach Notenbanksitzungen in die Gehirne der Anleger einsickern zu lassen, um beim tatsächlichen Vollzug der Maßnahmen von unkontrollierten Reaktionen überraschter Marktteilnehmer verschont zu bleiben. Denn wenngleich es offiziell nirgends steht, so sind die Notenbanken doch – und mit dem Einfluss der Finanzwelt von Jahr zu Jahr mehr – auch der Stabilität der Kapitalmärkte verpflichtet bzw. fühlen sich genötigt (oder sollte man sagen „werden genötigt“?), dafür zu sorgen.

Ruhe an den Börsen scheint dabei mittlerweile deutlich wichtiger zu sein als Geldwertstabilität. Ben Bernanke war der erste, der anlässlich des 100jährigen Jubiläums der US-Notenbank (Federal Reserve Bank oder kurz „Fed“) dergleichen einräumte, mit dem Verweis darauf, dass die Stabilität und das Prosperieren der Börsen damals, vor 100 Jahren, ganz klar zum Aufgabekatalog der Fed gehörte.

Aber eine unkontrollierte, panische Reaktion an den Börsen ist eigentlich nur ein sekundäres Problem. Denn anders als eine Veränderung des Leitzinses um den Hauch von einem Viertelprozent ist eine Reduzierung der Nachfrage am Anleihemarkt sehr wohl ein Aspekt mit „Tiefenwirkung“, wie zuletzt schon ausführlicher dargelegt.

Der Refinanzierungsbedarf des US-Haushalts wächst stetig, nicht zuletzt, weil der Bereich der Sozialausgaben ebenso wie der der Pensionen immer weiter anschwillt. Gleichzeitig reduziert sich die Nachfrage durch das sukzessive Fernbleiben der US-Notenbank. Wenn die Chinesen nicht alles, was mehr auf den Markt kommt, aufkaufen (und warum sollten sie in die Bresche springen?), bedeutet das ein sukzessives Ansteigen des Zinses, den man zu bieten hat, will man seine Anleihen noch an den Mann bringen.

Und da hilft es gar nichts, dass sich die Banken weiterhin zu Nullkommanix bei der Fed Geld ziehen können. Die Verschuldung des Staates, der Unternehmen und der privaten Haushaltungen steigt bzw. der Druck auf deren Geldbeutel nimmt zu, wenn der Kapitalmarktzins zulegt. Und jeder, der mal eine Hypothek hatte, weiß, dass ein Anstieg um nur ein Prozent ganz schön heftig ist … wenn es sich dabei um einen Anstieg von drei auf vier Prozent und nicht von zehn auf elf Prozent handelt und die Laufzeit nur lang genug ist. Das reicht, um das ohnehin höchst fragwürdige Wachstum der USA abzuwürgen. Und wenn dort der Tropf des billigen Geldes langsam versiegt … dann sind die Auswirkungen für Europa nicht zu unterschätzen. In einer globalisierten Welt stolpern alle, wenn nur einer der drei großen Wirtschaftsräume eine Treppenstufe verfehlt.

trewo2

Und man sollte nicht denken, dass man sich damit langsam auf ein wenig härteres Pflaster zwischen Weihnachten und Irgendwann einstellen müsste. Es geht doch schon los! In den letzten vier Monaten ist z.B. die hier im Langfrist-Chart abgebildete Verzinsung für 30jährige US-Bonds um fast ein Prozent gestiegen und nun wieder auf dem höchsten Niveau seit zwei Jahren. Und während die Masse der US-Bürger dennoch weithin fröhlich auf Pump lebt und so der Anstieg des Volumens der US-Verbraucherkredite in noch ungebrochenem Ausmaß weitergeht, fielen nicht wenige der Quartalsbilanzen in den USA außerhalb der Finanzbranche unerfreulich mau aus. Druck auf den Konsum durch steigende Schuldendienste, Druck auf die Gewinne durch fallenden Konsum und teurere Refinanzierung, Druck auf die öffentliche Auftragsvergabe. Das setzt normalerweise das Rad der Rezession in Gang… (Seite 2)

Print Friendly, PDF & Email

 

Seiten: 1 2

Schlagworte: , , , , , ,

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.