Und jetzt bitte das Wetter von gestern!

13. März 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Mit den Aktien ist es wie mit dem Wetter, nur schlimmer. In den letzten 15 Jahren waren die Prognosen in der Regel falsch. Bemerkenswert ist allerdings die Gleichförmigkeit des Fehlers, denn die Schätzungen lagen in zehn von fünfzehn Jahren zu hoch. Im Mittel lagen die Prognosen um 7,5% über dem dann eingetretenen Resultat. Viel mehr muss man zum Thema Ertragsprognosen nicht sagen.

Vor diesem Hintergrund wird es noch unerklärlicher warum viele Analysten mit den nicht funktionierenden Methoden immer weiter machen. Es gibt eine Definition von Wahnsinn, die in etwa auf dieses Verhalten passt.

Spannender als aktuelles „Research“ sind in der Regel die Prognosen des Vorjahres und der Vergleich mit dem, was wirklich geschah. Das schauen sich nur wenige Menschen an, was bemerkenswert ist, spart es doch angesichts der trostlosen Erfolgsquote den Großteil des zukünftigen Nachrichten- und Researchkonsums. Es gibt, wie Nassim Taleb so schön formulierte, kein besseres Mittel um zu erkennen wie sinnlos das Lesen der aktuellen Zeitung ist, als sich ein paar Wochen die Zeitung der Vorwoche anzuschauen und diese mit der Realität abzugleichen.

Laut Factset ergab der Konsens der Analysten für das Jahr 2016 folgende Prognosen:

Quelle Factset Januar 2016

Prognose: „ (…) projecting record level earnings in 2016 (für den S&P 500) of $126,94.“

Resultat: Die Erträge sind nicht nur nicht auf einen Rekord gestiegen, sie sind gesunken.

„the forward 12-month P/E for the index is 16.1“

Resultat: Das forward P/E lag bei 17,7 und damit rund 10% über der Schätzung. Der Index stieg trotz fallender Gewinne und ist somit deutlich teurer geworden.

Zu einigen Einzeltiteln:

„at the company level Amazon.com ($5,49 vs. $1,90), Netflix ($0,30 vs. $0,21), Expedia ($6,02 vs. $4,13) and Dollar Tree ($$3,80 vs. $$2,69) are export to report the highest EPS growth.

Resultat: Hier lag man besonders weit daneben, so dass man sich auch außerhalb des Bereichs des statistischen Rauschens im Bereich der fast schon absichtlich wirkenden Fehlprognose landet.

  • Amazon:
    • Erwartet 5,49, eingetreten 4,91 (Schätzung 11% zu hoch)
  • Netflix:
    • Erwartet 0,30, eingetreten 0,43 (Schätzung 30% zu niedrig)
  • Expedia:
    • Erwartet 6,02, eingetreten 1,82 (Schätzung 230% zu hoch)
    • Ergebnisrückgang statt Ergebnissteigerung
  • Dollar General:
    • Erwartet 3,95, eingetreten 3,95 (Schätzung 4% zu hoch)

Ein bunter breit gestreuter Strauß.

Einschätzung: „Health Care Sector has highest % of Buy Ratings, Energy Sector has highest % of Sell Ratings“

Total Return Health Care in 2016: -2,83%

Total Return Energy in 2016: +28,01%

Der Energiesektor war der beste, der Health Care Sektor der schwächste. Hut ab, die Welt steht auf dem Kopf.

Das verursacht bereits fast physische Schmerzen, so dass wir an dieser Stelle davon ausgehen, das Wesentliche vermittelt zu haben. Im laufenden Jahr kann man statt der Prognosen wieder zu einem guten Buch greifen.

Vielleicht fällt uns dabei auch ein, warum man daran festhält sich bei einer Assetklasse mit einer jährlichen Schwankungsbreite von 20% bis 30% mit Punktschätzungen bis auf die erste Nachkommastelle beschäftigen sollte. Große Hoffnung hierfür eine sinnvolle Erklärung zu finden haben wir jedoch nicht.

Morgen wird das Wetter übrigens besser als heute. Vielleicht. Im Mittel. Manchmal. Ganz sicher!

Print Friendly

 

Schlagworte: , , , , , ,

3 Kommentare auf "Und jetzt bitte das Wetter von gestern!"

  1. Lickneeson sagt:

    „Vor diesem Hintergrund wird es noch unerklärlicher warum viele Analysten mit den nicht funktionierenden Methoden immer weiter machen.“

    Weil es immer noch gelesen wird. Es ist dem TV-Programm sehr ähnlich. Angeblich guckt sich den Käse niemand an, aber Quoten von 8-25 % entstehen ja nicht aus dem Nichts? Zudem sind viele auf der Suche nach „Orientierung“ bzw. Bestätigung für ihre Positionen. Im Zweifel sind bei einem alternativen Kursverlauf dann halt andere schuld. Praktisch, das Geld ist dennoch weg.

    Vielleicht wäre weniger Lese u. mehr Denkkonsum angebracht, mal eine eigene Strategie entwickeln und mit etwas Glück ist man eben 10 % vor den anderen aus dem Markt. Wenn es dannn ordentlich kracht – und das wird es – kann man sich die Panik ganz entspannt anschauen und gemütlich auf billige Kurse warten. Am besten am Strand mit Buch & Eis.

    Ich würde mir mal Puts auf Facebook& Co raussuchen…

    MfG

    • Skyjumper sagt:

      Eigentlich ein richtig wahrer Kommentar. Doch wie sagte schon Sender Eriwan?
      Aber ………
      Zunächst einmal würde der sinnvolle Einsatz von Hirn/Denken natürlich voraussetzen, dass die Entwicklung der Kurse sich an fundamentalen Daten orientiert. Das ist schon zu normalen Zeiten nicht ganz einfach da sich das Börsengeschehen selbst dann zu einem guten Teil eher an der Psychologie denn an den Fundamentals orientiert. Aktuell kommt ershwerend hinzu, dass die Rahmendaten zu einem ergeblichen Teil von der Politik/ZB’s bestimmt werden.

      Natürlich: Irgendwann setzt sich das Fundamentale natürlich doch durch. Allerdings hat man selten unbegrenzt Zeit darauf zu warten (vor allem bei Puts, Calls, sonstigen Derivaten). Was mir bei der ganzen Börsen“zockerei“ am schwersten zu lernen fiel war: Man muss nicht nur Recht haben hinsichtlich der Lageeinschätzung einer Aktie/eines Basiswertes, sondern auch den Zeithorizont richtig taxiert haben.

      Irgendwann fallen Facebook & Co. bestimmt. Aber laufen Ihre Puts dann noch? Irgendwann bricht das ganze ungedeckte Geldsystem bestimmt zusammen. Nur wann?!

  2. Lickneeson sagt:

    @skyjumper

    Da haben Sie leider zu 100 % Recht. Man muss ja n icht sein Haus und alle Ersparnisse in Facebook-Puts anlegen. Amazon hat auch eine schöne Fallhöhe, hihihi. Spass beiseite.

    Klar weiss ich auch nicht wo der Markt morgen steht und durchmanipuliert ist der ja seit Jahren schon, aber wenn ich mir den SPX Chart und die Bewertungen anschaue ist es jetzt Zeit Geld vom Tisch zu nehmen, bzw. sich abzusichern. Nur meine Meinung.

    MfG

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.