Und ewig rockt das Öl

24. Mai 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Der dahinvegetierende Ölpreis hat außer enormen Wochenschwankungen derzeit nicht viel zu bieten. Die OPEC jammert herum und beklagt sich über die hyperaktiven US-Firmen, die trotz schwacher Nachfrage Öl pumpen, als müssten sie es unter der Rubrik sinnlose Überproduktion ins Buch der Rekorde schaffen.

Nun sollte man die globale Überproduktion nicht dem einen oder anderen Anbieter oder Staat in die Schuhe schieben, jeder trägt seinen Teil zur gesamten Produktion bei, wobei jeder natürlich seinen eigenen Beitrag für einen wertvollen Schritt zur Befriedigung der Nachfrage hält, betrachtet man die Förderung der anderen als unverantwortliches Drücken der Preise, das allen schadet (außer dem Konsumenten). Dennoch ist es aufschlussreich, wie unterschiedlich die Auswirkungen der aktuellen Schwemme auf verschiedene Länder sind. Die USA können die Ölflut halbwegs ertragen. Viele kleinere Firmen werden zwar dem Konkursrichter einen Besuch abstatten, die großen Konzerne werden sich wie immer die besten Assets und Ländereien der schlecht geführten kleinen Anbieter einverleiben und die gut geführten kleineren Firmen werden es ebenfalls bis zur nächsten Erholung schaffen.

Problematisch ist in den USA hingegen die Bewertung der großen Ölkonzerne, die sich eher an alten Gewohnheiten als an ökonomischen Realitäten orientiert. Exxon ist halt ein gutes Unternehmen heißt es und wenn der Aktienkurs von 80 auf 70 gefallen sei, dann müsse das doch reichen. Nun, jeder muss für sich selbst beurteilen, wie er die Bewertung einer Aktie beurteilt. Die folgenden Charts zeigen zur Unterstützung der Entscheidungsfindung die Veränderung der Verschuldung und der Eigenkapitalrendite (Chart 1) sowie die Entwicklung der Umsätze und des Gewinns pro Aktie.

Na das sieht doch entzückend aus. Auch andere Kennzahlen sind wenig erbaulich. Vor zehn Jahren zahlte man für eine Million Dollar Cash Flow 13 Millionen Dollar. Heute kostet die Million Cash Flow rund 35 Millionen Dollar. Da sage noch jemand, es gebe keine mutigen Menschen mehr.

In einer anderen Region unseres Globus brutzeln derzeit ganz andere Probleme. Jahrzehnte des Ölbooms führten wie so oft zu den Annahme, wer viel Geld hat, der sei ein cleverer Geschäftsmann. Nun, wer ein cleverer Geschäftsmann ist und einen guten Buchhalter beschäftigt sieht man in schlechten Zeiten nicht in guten. Saudi Arabien und sein Staatskonzern Aramco lebten über Jahrzehnte hinweg recht entspannt vor sich hin. Der Ölpreis oszillierte gefühlte Ewigkeiten um die Marke von 20 USD herum, man kam klar. Dann hob er ab und rauschte in Richtung 100 Dollar und nach kurzer Zeit war dies die neue Basis für viele Langfristprognosen. Es war toll, her mit den goldplattierten Bentleys! Wer sich solch kurzfristigen Analysen hingibt, der zahlt für seine Investments in der Regel zu viel und legt gleichzeitig zu wenig für schlechte Zeiten zurück. Das Gefühl es mit einer solchen Situation zu tun zu haben beschleicht den Betracher beim Blick auf die Devisenreserven Saudi Arabiens.

Die Grafik zeigt die Entwicklung des WTI Spotpreises und die Devisenreserven des Landes. Unschön ist der beachtliche Einbruch der Rücklagen um mehr als ein Drittel in nur ein paar Jahren. Da die Verschuldung nicht in Riyal sondern in US-Dollar denominiert ist, sollte man ein bisschen Fremdwährung auf dem Konto behalten.

Interessant ist der Vergleich der Devisenreserven Saudi Arabiens mit denen Russlands. Bei Russland wird die Abhängigkeit vom Öl stets betont, aber weniger Länder haben so aktiv am Umbau der Wirtschaft gearbeitet wie Russland. Ob dies freiwillig oder gezwungenermaßen geschah spielt keine Rolle.

Ein drastischer Einbruch des Ölpreises hätte sicherlich immer noch unerfreuliche Folgen für das Land, die Sensitivität sollte aber wesentlich geringer sein als noch vor zehn Jahren. Auch die wirtschaftliche Erholung der letzten Jahre ist beachtlich. Im Vergleich zum immer noch fast lupenreinen Ölstaat auf der arabischen Halbinsel war die jährliche Wachstumsrate des BIP in Russland zwischen 1992 und 2016 um das 1,75 fache höher. Das ist übrigens nicht nur einem möglichen Basiseffekt geschuldet, auch seit dem Jahr 2000 betrachtet zeigt sich eine deutlich höhere Wachstumsrate. In Anlehnung an die gute alte Betonwerbung könnte man anmerken: „Öleinnahmen, es kommt darauf an, was man draus macht.“

Solche Informationen sind jedoch nicht unterhaltsam genug um es in den Mainstream zu schaffen, und so landen dann doch wieder alle bei Exxon und Konsorten und kaufen sich dann demnächst ein Häppchen von Aramco.

Wer zudem seine Informationen aus dem so genannten „Sell Side Research“ bezieht läuft Gefahr auf allzu simple Aussagen zu treffen, die in der Regel zu Kaufempfehlungen führen, was sicherlich ein Zufall ist. Dieses so genannte Research dient größtenteils allein der Vertriebsunterstützung. Wenn der Credit Sales einer ihrer Lieblingsinvestmentbanken mal wieder bei Ihnen anruft, wird er in der Regel auf ein deartiges Research verweisen, das er Ihnen natürlich persönlich per Mail geschickt hat. Geschrieben hat es Craig, John oder Peter. Man betont wie gut Craig, John oder Peter ja immer wieder liegen, wenn nicht gerade ein externer Schock dazwischen kam, und dann beginnt der Anlauf, Ihnen rein zufällig ein der Reserach-Story entsprechendes Wertpapier anzudrehen. Warum man ausgerechnet dieses so sichere, hochattraktive und von den Researchen wärmstens empfohlene Papier nicht gleich ins eigene Buch der Bank kauft, bleibt eine offene Frage.

Auch nach dem erneuten Einbruch der Energietitel im High Yield Segment nach dem letzten Schluckauf des Ölpreises kommen die Verkaufstalente in diesem Sektor derzeit wieder herausgekrochen. Viele Banken haben eine Menge dieser Papiere eingekauft und müssen sie nun wieder abstoßen. Nicht jeder will eine „Noble Group“-Erfahrung im eigenen Bestand erleben. Besonders beliebt sind bei den Verkäufern derzeit die Shale Gas Firmen. Angeblich sind in diesem Bereich die Kosten dramatisch gesunken, so dass man schon bei einem Ölpreis von 20 Dollar profitabel fördern kann. Nun, warum die Firmen bei 20$ profitabel sein können und trotzdem Firmen sterben wie die Fliegen ist eine weitere offene Frage. Unter 20$ war der Ölpreis schon sehr lange nicht, daher darf sich auch der Laie über die ganzen Insolvenzen wundern. Man fühlt sich an die guten alten Goldminen erinnert, die gerne „all-in-Costs“ ausweisen, die ein paar hundert Dollar unter dem jeweiligen Goldpreis liegen, es dennoch aber irgendwie schaffen, niemals netto Geld zu verdienen. Ja, da muss halt doch noch mal außerordentlich ein Milliärdchen investiert werden und generell, bei hohen Preisen fördert man lieber erstmal das schwierig zu fördernde Material, und so weiter und so fort, alles natürlich im Hinblick auf die langfristige Strategie und im besten Interesse des Anlegers. Gefragt wird letzterer freilich nicht, aber er kann ja verkaufen. Schlussendlich sollte man den Unternehmenszweck nicht vergessen, schließlich heißt der Sektor Bergbau und nicht Archäologie, aber so manche Aktie hat beim Anleger den Status eines Fußballvereins. Der Abstieg im Depot ist jedoch meistens deutlich teurer.

So verdient man weiterhin kein Geld, verkauft munter neue Aktien oder Anleihen und verwässert so das Kapital oder verschlechtert die Bilanzstruktur. Das sind die bekannten Rezepte um langfristig den Aktienkurs in Richtung Null und den Anleihekurs in Richtung Restwert zu treiben. Diese Methode klappt hervorragend. Wenn man den Erfolg also daran messen möchte, einen Haufen Schulden anzusammeln, Eigenkapital zu verbrennen und sein juristisches Wissen im Rahmen einer Chapter 11-Umstrukturierung zu erweitern kann derzeit allein der Einzelhandel den Energiesektor in den Schatten stellen. Aber das sind natürlich gute Nachrichten. Denn wenn all diejenigen vom Kurszettel verschwinden, die ständig fallen, dann sieht es doch gleich viel schöner aus.

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Ein Kommentar auf "Und ewig rockt das Öl"

  1. bluestar sagt:

    KLASSE ! Wie gewohnt glasklare Informationen mit dem einzigartigen Humor/Sarkasmus serviert. Vielen Dank an das Bankhaus.

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