Und ewig drückt die Marge

15. Oktober 2012 | Kategorie: Kommentare, RottMeyer

(von Bankhaus Rott) Die Quartalssaison in den USA hat begonnen. Sogleich finden Analysten Erbauliches in den wie üblich übertroffenen Erwartungen, denn in gewohnter Manier wurden die Prognosen auf das nötige Maß heruntergeschraubt. Vermutlich würde auch eine Insolvenz von so manchem noch als wichtiger Baustein der Hausse interpretiert wird…

Die Jahre am Finanzmarkt versorgen den Betrachter laufend mit wundervollen Anekdoten. Eine unserer liebsten stammt aus dem Jahr 2008. Auf einer Konferenz äußerte ein Analyst seine Meinung zu den kleineren US-Hausbauern. Viele dieser Firmen standen auf Grund von Verlusten und fehlenden Aufträgen kurz vor der Pleite. Dennoch fand der gute Mann fand auch Wochen vor den eintretenden Pleiten nur warme Worte für die Branche. Man solle es nicht so negativ sehen, sagte er, denn wenn diese Firmen keine neuen Häuser mehr bauten, dann würden schließlich auch ihre laufenden Kosten sinken. Eine außerordentlich unterhaltsame Ansicht, die völlig neue Perspektiven für die europäischen Autobauer bietet.

Auch vor der Quartalssaison ist an warmen Worten kein Mangel. Ein Blick auf die Ertragstreiber der letzten Jahre zeigt das bereits vor drei Quartalen eingeläutete Ende der Margenausweitung an. In den Berichten zu den kommenden Quartalsergebnissen wird nun das Wort Margendruck wieder häufiger zu lesen sein. Gemeinsam mit einem schwachen und möglicherweise nicht mehr stattfindenden Umsatzwachstum ist die Saat für fallende Unternehmenserträge gesät.

Nun wird in Börsenberichten weniger von den absoluten Zahlen als vielmehr von Erwartungen gesprochen, die übertroffen oder nicht übertroffen wurden. Diese Aussagen sind natürlich nutzlos, denn nichts wird von Analysten häufiger angepasst als die Ertragserwartungen. Unlängst haben schon die Chefs von Caterpillar und FedEx zum wiederholten Male die Prognosen für das Jahresende und für 2013 gesenkt. Diese beiden Unternehmen sind wesentlich bedeutender als die in deutschen Medien offenbar nur aus Gewohnheit stets als „wichtiger Indikator“ erwähnte Alcoa.


Neben den absoluten Zahlen ist ein weiterer Faktor beachtenswert, der sich vor allem auf die Bewertung riskanter Anlagen auswirken sollte. Die Schwankungsbreite der Erträge im S&P 500 Index hat seit den 80er Jahren kontinuierlich zugenommen. Eine höhere Unsicherheit der Erträge sollte in der Regel mit einer niedrigeren Bewertung durch potenzielle Käufer einhergehen. Warum trotz gestiegener Risiken Aktien als Dauerschnäppchen angepriesen werden bleibt das Geheimnis der Fondsverkäufer. Vielleicht liegt es ja an den erklecklichen Gebühren.

Die folgende Darstellung der Entwicklung der jährlichen realen Erträge für den S&P 500 Index offenbart den zunehmenden Wankelmut. Schon in der Krise zur Jahrtausendwende sind die realen Erträge auf das Niveau der frühen 1960er Jahre zurückgegangen. Die dann folgende Volatilität im Rahmen des Ertragskollapses 2009 und der folgenden Erholung stellte diesen und die vorigen Eruptionen noch einmal deutlich in den Schatten.

Die in den letzten Jahren hoch dosierten monetären Spritzen sowie die Ausweitung der Gewinnmargen, die vor allem auf Entlassungen und zurückgefahrene Investitionstätigkeitzurückzuführen ist, resultiert nicht in einer stabilen Basis für einen dauerhaften Ertragsaufschwung. Überkapazitäten kann man nicht wegdrucken, und auch heutzutage kaufen Autos keine Autos. Wer jedes Jahr real weniger in der Tasche hat, gibt irgendwann auch real weniger aus, das gilt für Firmen und Unternehmen gleichermaßen. Den Fans der Nominalwerte in Politik und Bankenwelt mag dies freilich egal sein.

Oftmals werden historische Bewertungen und Tendenzen ignoriert. Diese seien wenig hilfreich und führten in die Irre heißt es. Ob dies so ist, mag jeder für sich beurteilen. Wir halten es für einen Fehler sich die Entwicklungen der Vergangenheit nicht zumindest anzuschauen. So zeigt schon ein kurzer Blick in die Vergangenheit, wie riskant Finanzmärkte wirklich sind oder wie normal langfristig Staatspleiten sind. Die Kenntnis der Geschichte bewahrt den Bürger davor, rein politisch motivierten Äußerungen oder Medienkampagnen Glauben zu schenken.

In Bezug auf die Aktienindizes zeigt sich in der entscheidenden realen Betrachtung, wie sehr die Aktienindizes langfristig an den Erträgen hängen. Das ist im Grunde nichts Neues, wird jedoch gerne ausgeblendet. So war etwa der S&P 500 1993 real so hoch wie 1963. Angesichts der nicht sonderlich erbaulichen Entwicklung der inflationsbereinigten Erträge in diesem Zeitraum kann das nicht überraschen. Gemessen am Verhältnis des realen Kurses zu den realen Erträgen war der S&P 500 übrigens zu Beginn der 80er Jahre auf einem historischen Tiefpunkt. Damals startete ein bis in das Jahr 2000 andauernder Bullenmarkt. Gemessen an den gleichen Kennzahlen ist der Index heute trotz gestiegener Ertragsschwankungen mehr als doppelt so hoch bewertet.

[poll id = „84“]


Print Friendly, PDF & Email

 

Schlagworte: , , , , ,

2 Kommentare auf "Und ewig drückt die Marge"

  1. gilga sagt:

    „Man solle es nicht so negativ sehen, sagte er, denn wenn diese Firmen keine neuen Häuser mehr bauten, dann würden schließlich auch ihre laufenden Kosten sinken. Eine außerordentlich unterhaltsame Ansicht, die völlig neue Perspektiven für die europäischen Autobauer bietet.“

    Wahnsinn!!! Ich muss bei diesen Themen selten lachen, aber das Bankhaus Rott schafft es immer wieder, danke! 😉

  2. vegaman sagt:

    Den Satz „Vermutlich würde auch eine Insolvenz von so manchem noch als wichtiger Baustein der Hausse interpretiert wird…“ verstehe ich nicht. Eine Insolvenz ist doch ein wichtiger Baustein einer Hausse! Woran wird denn eine Hausse gemessen? Am Index! Und wenn nun die Aktie, die ständig durch ihre fallendne Kurse den Index nach unten gezogen hat, endlich durch Insolvenz verschwindet, kann doch der Index endlich wieder steigen. Somit wird dies nicht nur vermutlich so interpretiert, nein, das ist genau so!

    Sarkasmus off

Schreibe einen Kommentar

Sie müssen eingeloggt sein, um einen Kommentar schreiben.