Umsatz-Beinbruch

12. August 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Abgesehen von der Grippe geht es dem Kranken gut. Ohne Zinslast sieht der griechische Finanzhaushalt gar nicht so schlimm aus. Ohne den Energiesektor ist die aktuelle Berichtssaison in den Staaten nicht ganz so schlecht. Und ohne Eier und Fett ist Mayonnaise gar nicht so ungesund.

Das Weglassen von Informationen gehört im täglichen Datenrausch zum normalen Geschäft. Die Berichterstattung über Finanzthemen unterscheidet sich qualitativ nicht wesentlich von surrealen Unterhaltungssendungen und animierten Geschichts-Dokus. Die regelmäßige Berichtssaison ist ein gutes Beispiel für diese Finanz-Unterhaltung. Die Themen, die beackert werden, entfernen sich immer weiter von der Realität. Immer auf der Suche nach der Begründung noch so marginaler Kursbewegungen erstrecken sich die Grenzen des medialen Finanz-Universums nur noch vom Kurs-Gewinn-Verhältnis bis zum Vergleich einer Zahl mit einer erwarteten Zahl. Ist der Gewinn besser als der Gewinn, der gestern als eine nebulöse Konsensusschätzung vermeldet wurde? Um welchen Gewinn handelt es sich? Ist es der adjustierte, ist es der richtige? Wohin das in ganz absurden Fällen führen kann, zeigt Alcoa.

Wissen die Sprecher überhaupt, wo die Unterschiede zwischen verschiedenen Zahlen liegen. oder halten sie GAAP für den falsch geschriebenen Namen einer Textilkette? Abschalten hilft am besten gegen den diffusen Nachrichtennebel. Angesichts der Nutzlosigkeit, die an aktive Desinformation grenzt, können sinkende Zuschauerzahlen beim Fernsehen ebenso wenig überraschen wie der Leserschwund der Einheitspresse.

Einer der interessanteren Aspekte der aktuellen Berichtssaison sind die rückläufigen Umsätze. Gerade in der langfristigen Betrachtung sind Umsätze eine aussagekräftigere Kennzahl als etwa der Nettogewinn, der durch zahlreiche Sondereffekte auch auf legalem Wege deutlich stärker verzerrt werden kann. Im Angelsächsischen heißt es daher auch oft „Sales don’t lie“, der Umsatz lügt nicht. Zudem ist in Zeiten extrem hoher Margen, die in den USA derzeit doppelt so hoch liegen wie im langjährigen Mittel, der Gewinn mit sehr viel Vorsicht zu genießen beziehungsweise zyklisch zu bereinigen. Dafür reicht in der Welt des intraday-Datenmülls aber leider die Zeit nicht. Statt sich am Modetrend Big Data zu ergötzen und sich so einen Ausweg aus der eigenen Orientierungslosigkeit zu erhoffen ist es sinnvoller sich zunächst mit Clean Data zu beschäftigen. Klingt nicht so spannend, ist aber sinnvoll.

Die Umsatzentwicklung im Vergleich zum Vorquartal ist sowohl in den USA als auch in Europa ernüchternd. Das liegt zum großen Teil am Energiesektor, aber auch in anderen Wirtschaftszweigen gibt es Probleme. Der Einbruch bei den Öl- und Gaswerten ist bemerkenswert. Im Vergleich zum  Vorjahr gingen die Umsätze um gut ein Drittel zurück, das Ganze bei sinkenden Gewinnmargen. Die in der Folge ausbleibenden Cash-Flows sorgen für massive Einsparungen, die bei den US-Titeln für eine erste Stabilisierung sorgen. Die Einsparungen verschieben aber nur die Probleme entlang der Nahrungskette zu den Ausrüstern, denen nun die Umsätze auf Grund der ausbleibenden Aufträge webbrechen.

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In Europa sieht die Situation wie folgt aus. Auch hier ist der Energiesektor das Schlusslicht, wenn man von dem kleinen Grüppchen unter „Diversified“ absieht.

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Beachtenswert ist, dass insgesamt die Umsätze sowohl in den Staaten als auch in Europa ohne den Energiesektor noch gestiegen sind. Das ist interessant, aber natürlich nicht überzubewerten, denn die Sektoren sind nun einmal ein bedeutender Teil der Wirtschaft und man kann nicht einfach den negativen Sektor herauslassen und gleichzeitig die positiven Effekte, die der sinkende Ölpreis für andere Sektoren mit sich bringt, ignorieren. Ein Umsatzrückgang über den gesamten S&P 500 ist eine selten Angelegenheit. Angesichts der enorm hohen Bewertung, die durch die stark erhöhten Margen temporär (noch) gemildert wird muss man dieses Zeichen ernst nehmen. Da sich zudem die Marktbreite deutlich abschwächt, neuerdings auch überwertete Lieblingstitel an der Börse Prügel kassieren und sowohl die Zinsen (die echten, nicht die Fed-Sätze) als auch die Risikoprämien der Anleihen steigen ist man mit Cash derzeit gut bedient.

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Da auch die High Yield Bonds weiter vor sich hinschmelzen, sollte man sich keine übermäßige Risikoneigung aufschwatzen lassen. Nicht nur an Emerging Markets Papiere wird man noch günstiger herankommen.

 

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2 Kommentare auf "Umsatz-Beinbruch"

  1. bluestar sagt:

    Diese Art der „Berichterstattung“ ist nun einmal Bestandteil der sehr wichtigen, weil systemschützenden und menschenverdummenden Propagandaindustrie.
    Die ständige Wiederholung bestimmter Behauptungen und willentlich hervorgerufenen Vorstellungen ist die einzige Methode, den Geisteszustand des Glaubens zu schaffen und im Unterbewusstsein zu verankern. Es ist eine Binsenweisheit, dass man früher oder später an alles glaubt, was oft genug wiederholt wird – sei es wahr oder nicht.
    Die wichtigste Weltmacht ist deshalb – die herrschende öffentliche Meinung der Herrschenden.

  2. Kevin Müller sagt:

    Ist der Begriff „Berichtserstattung“ nicht inzwischen ausgestorben ? Jedenfalls in der sogenannten Mainstream Presse bzw Fernsehen ? Bild Dir Deine Meinung, das ist es, was ich seit Jahren versuche . Nicht über dieses Schmierblatt, sondern übers IN . Aber auch dort wird inzwischen versucht, Propaganda, Überzeugungen, etc zu verbreiten, die einem Menschen mit Verstand und Logikverständniss sauer aufstossen ( müssten ) . Es ist leider so, das die meisten Otto Normalverbraucher weder die Zeit, noch die Lust haben, sich zu informieren. Also ist die Zeitung, Tageschau/heute der Standard . Deutschland gehts gut, das ist alternativlos.. bla bla bla . Wenn man sich die ( Finanz ) Märkte so betrachtet, fällt einem ausser Kopfschütteln doch nichts mehr ein, oder ? 60 Trillionen Staatsschulden weltweit ….ooops…. aber die Renten sind sischer !
    Ich bin froh, das ich Riester + LV schon vor Jahren gekündigt habe. Sorry, bin etwas abgeschweift. In China gärt es, FED + Brüssel druckt Fiat Money, …. ich würde, wenn ich hätte nun in Edelmetalle setzen. Hab ich nicht, ergo kann ich nicht, leider . Wir werden es erleben, so oder so. Aber spannend ist es, oder ?
    LG, K. Müller

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