Umfragedesign: Wen würden Sie wählen?

14. September 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Ralph Malisch

Im Vorfeld von Wahlen erfreuen sich Umfragen einer gewissen Beliebtheit. Die Demoskopen blicken mit einem ausgefeilten Instrumentarium in die Zukunft, um schon jetzt die Nebel um unser künftiges Abstimmungsverhalten zu lichten. Das funktioniert mitunter erstaunlich gut, mitunter aber auch erstaunlich schlecht…

Der zweite Fall tritt gerne ein, wenn der Augur selbst einer bestimmten Position zuneigt, was auf mehr oder weniger subtile Weise das Umfragedesign beeinflussen kann. Auch wenn Dinge zur Abstimmung stehen, für die es nur wenige Präzedenzfälle gibt („Brexit“, neue Parteien), oder gegen die das Pendel der sozialen Erwünschtheit sehr einseitig ausschlägt, leidet die Qualität der Prognose. Kommen beide Phänomene zusammen, ist die spätere Überraschung vorprogrammiert.

Gelegentlich kommt die Überraschung aber auch schon bei der Umfrage selbst, wie jüngst im ProSieben-Teletext (vgl. Abb. 1, Zwischenstand KW 34 vom 26. August, 21:29 Uhr).

Auf die Frage „Wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre, wen würden Sie wählen?“ kamen die beiden Regierungsparteien zusammen zwar noch immer auf 52,6%, bei der CDU/CSU hätte es mit vergleichsweise mickrigen 22,1% aber nur noch zum Juniorpartner der SPD (30,5%) gereicht. Ein vordergründig noch erstaunlicherer Wert findet sich am Ende der Übersicht: Andere und Nichtwähler kamen auf stattliche 29,7% und in der Endabrechnung der KW 34 immerhin noch auf 26,6%.

Spätestens bei dieser Zahl kann man sich die Kommentierungen lebhaft vorstellen: Typisch! Vom Leben abgehängte Couch Potatoes wollen denen da oben für 25 Cents pro Anruf mal so richtig die Meinung durchklingeln. Mal ehrlich: Nehmen Sie etwa an TV-Umfragen teil, deren eigentlicher Zweck darin besteht, dem Sender Geld in die Kasse zu spülen? Repräsentativ wird eine solche Erhebung nicht sein. Natürlich steckt in der Zahl auch das AfD-Protestpotenzial.

Obwohl diese Partei nach jüngsten Umfragen als dritt- bzw. viertstärkste Kraft in den Bundestag einziehen dürfte, wollte der Sender der „Alternative“ keine eigene Endnummer außerhalb der Lumpensammler-Kategorie spendieren. Dort wurde es entsprechend voll, obwohl dies traditionell nur der Tummelplatz für die wirklich Chancenlosen ist. Über ein gefälliges Umfragedesign sprachen wir ja bereits.

Liest man genau – aber wer tut das schon? –, ist die Zahl von 29,7% bzw. 26,6% vor allem aus einem anderen Grund plausibel. Dort sind nämlich zusätzlich die Nichtwähler („gar nicht“) enthalten, die bei den letzten Wahlen stets die stärkste bzw. zweitstärkste Gruppe der Wahlberechtigten bildeten. So machten bei der letzten Bundestagswahl im Jahr 2013 ganze 28,5% der Menschen von ihrem Wahlrecht keinen Gebrauch. In der Wahlberichterstattung taucht diese bedeutendste Gruppe der Wahlberechtigten üblicherweise in keinem Balkendiagramm auf, sondern fristet ihr Dasein in Fußnoten. Eine moderne Demokratie benötigt eben auch eine gefällige Auswertung.

In der Folgewoche (Abb. 2, Screenshot des Zwischenstands der KW 35 vom 31. August, 22:55 Uhr) entsprachen die Werte der „Lumpensammler“-Kategorie dagegen mit 10,9% zwar eher unseren Sehgewohnheiten, waren jedoch keineswegs plausibel.

Einen derart niedrigen Protest- und(!) Nichtwähleranteil hatte es in Jahrzehnten nicht gegeben. Frei nach dem Regierungs-Mantra wonach die eigene Politik niemals schlecht sei, möglicherweise aber besser erklärt werden müsse, finden derzeit auf allen Kanälen mediale Nachschulungen der Wähler statt. Offenbar mit Erfolg:

Zwar waren CDU/CSU mit 37,9% noch immer Juniorpartner der SPD (40,2%), die große Koalition jedoch kam zu diesem Zeitpunkt auf beeindruckende 78,1% Zustimmung – nicht der Wähler, aber jener wahlberechtigten Couch Potatoes, denen das anonyme Kundtun ihrer Meinung 25 Cents wert war! Wer das Thema über die nächsten Wochen weiter verfolgen will, findet die jeweils aktuelle Umfrage auf der ProSieben Teletext-Seite 183 und das Archiv auf Teletext-Seite 185.

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