Großbritannien: Im Namen des Volkes?

8. Mai 2015 | Kategorie: RottMeyer

von Bankhaus Rott

Gibt es ein Land in Europa, in dem eine Partei mit mehr als 12% der Stimmen nur einen Sitz erhält, während eine andere Partei mit 36% mehr als 300 Abgeordnete stellen darf? Ja, gibt es. Wer die Auswirkungen der verschiedenen Arten des Wahlrechts studieren möchte, der ist auf der britischen Insel am richtigen Ort…

Während die selbsternannte Europäische Elite angesichts der Sitzverteilung nach der Wahl in Großbritannien kurzfristig aufatmen dürfte, stellt sich beim zweiten Blick auf die Ergebnisse die Frage, wie demokratisch das aktuelle System auf der Insel ist. Nun sind wir eigentlich keine Freunde des Listenwahlrechts, das bekanntlich in Deutschland dazu führt, das sich auch gefügige Dödel auf dem Dienstweg der Parteienhierarchie ins Parlament hangeln können. Die Asymmetrie zwischen den abgegebenen Stimmen und der Sitzverteilung im neuen Parlament der Briten allerdings ist geradezu grotesk.

Die aktuellen Daten zeigen, dass die UK Independence Party (UKIP) bemerkenswerte 12,6% der Wählerstimmen erhalten hat. Das sind 3,7 Millionen Wählerstimmen. Die siegreichen Konservativen kommen mit 10,7 Millionen auf etwas weniger als das Dreifache. Wer nun davon ausgeht, dass die UKIP auch im neuen Parlament adäquat vertreten ist, der irrt gewaltig. Die Konservativen erhalten 310 Sitze, UKIP einen (1). Mit 36,5% der Stimmen erhält die Partei Camerons damit 49,6% der Sitze, UKIP bekommt mit 12,6% der Stimmen einen Sitz, was einer Repräsentanz von 0,16% der Sitze entspricht.

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Jeder Wahlberechtigte hat also eine Stimme, aber wie die Stimme gewichtet wird hängt vom Wohnort ab. Die folgenden Grafiken zeigt das offensichtliche Missverhältnis. Die Anmerkung in einer Grafik war nötig, denn niemand soll denken es handele sich um einen Datenfehler. Es liegt wohl eher ein Systemfehler vor.

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Hier noch die Übersicht über das gesamte Spektrum.

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Kleine Anekdote am Rande. In Schottland, wo beim kürzlich abgehaltenen Unabhängigkeitsreferendum als Ergebnis ein „Nein“ vermeldet wurde, spielte die SNP (Scottish National Party) alle an die Wand. Die Partei strebt die Unabhängigkeit Schottlands an, von daher passt die Deutlichkeit des Wahlausgangs in Schottland nicht zum vermeldeten Ergebnis des Referendums. Von 59 in Schottland zu vergebenden Sitzen gewann die SNP 56. Allzu lange dürfte es nicht dauern, bis die Schotten das nächste Referendum einfordern.

Man darf gespannt sein, wie die britische Bevölkerung auf das Ergebnis reagieren wird. Eine Diskussion über das herrschende System sollte niemanden überraschen, wenn sich derart viele Menschen zu recht politisch unterrepräsentiert fühlen. Sicherlich würde ganz Europa auch einem auf der britischen Insel nachgespielten Majdan-Putsch auf dem Trafalgar Square solidarisch gegenüberstehen. Als Farbe würde sich Lila anbieten. Die Damen und Herren aus Übersee würden vielleicht sogar Kekse verteilen. Es geht halt nichts über gute Freunde.



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