Überraschende Überraschungen

26. April 2014 | Kategorie: RottMeyer

von Manfred Gburek

Am vergangenen Donnerstag machte unter Börsianern ein Wort besonders oft die Runde: überraschend. Auslöser war der Ifo-Geschäftsklima-Index, der sich „überraschend robust“ zeigte. Auf dass die Aktienkurse für kurze Zeit – dann allerdings „nicht mehr ganz so überraschend“ – nach oben zogen….… bis sie am Freitagnachmittag wieder fielen, weil der ifo-Zahlensalat sich im Nachhinein „doch nicht als so überraschend“ erwies. Ein Lehrstück aus dem Tollhaus Börse…

Vergleicht man den eigentlichen Geschäftsklima-Index mit dem Lage- und dem Erwartungs-Index aus demselben Haus Ifo, fällt auf, dass die Erwartungen, nach dem Knick abwärts von Januar bis März, im April wieder viel freundlicher waren, und zwar im Anstieg stärker als Klima und Lage. Das ist wegen der immer mehr zugespitzten Lage in der Ukraine die eigentliche Überraschung.

Paradox? Bei fundamentaler Betrachtung ja, denn die doch recht intensiven Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und Russland, die jetzt mit Sicherheit gefährdet sind, dürften sich über kurz oder lang als Geschäftsklima-Dämpfer erweisen. Allerdings stellt sich wegen der gewaltigen Geldschwemme, die von den Notenbanken über die Finanzmärkte hereinbricht, die Frage, ob fundamentale Daten – Konjunktur, speziell Aufträge und Gewinne der Unternehmen – als Kursbeeinflusser im Vergleich zum vielen Geld nicht längst zur Marginalie geworden sind.

Während der vergangenen Wochen hatte ich mehrfach Gelegenheit, über diesen Aspekt mit Ökonomen, Börsianern und Historikern zu diskutieren. Unsere Meinungen gingen zwar in manchen Punkten auseinander, aber nicht in dem folgenden: Dass es in erster Linie das Geld ist, das die Kurse treibt. Wenn also die Aktienkurse in Europa, Amerika und Asien nach Rückschlägen immer wieder zur Erholung ansetzen und wenn im ersten Quartal dieses Jahres ausgerechnet die Börse in Dubai alle Konkurrenten hinter sich gelassen hat, dann primär wegen des vielen Geldes.

Einer meiner Gesprächspartner brachte das muntere Treiben so auf den Punkt: Wenn in Japan die Konjunktur immer noch nicht richtig in Schwung kommt und die Aktienkurse, wie zuletzt geschehen, zwischenzeitlich den Rückwärtsgang einlegen, werde die Notenbank eine noch größere Geldspritze einsetzen und die Aktienkurse wieder nach oben treiben. Ein anderer Gesprächspartner gab zu bedenken, dass über den Hochfrequenzhandel, der mit fundamentalen Daten so gut wie gar nichts zu tun hat, in New York bereits vier von fünf Börsenaufträgen abgewickelt werden. Würde man den Flash Boys, wie der bekannte Börsenautor Michael Lewis die Hochfrequenzhändler in seinem neuen Buch nennt, den Geldhahn zudrehen, dürfte es zu einem Crash in ungeahnten Dimensionen kommen – und anschließend zu einer besonders kräftigen, von noch mehr Geld induzierten Erholung.

cover_gBei dieser Gelegenheit sei gleich auf ein weiteres neues Buch hingewiesen. Es stammt vom Autorenduo Matthias Weik und Marc Friedrich, trägt den Titel „Der Crash ist die Lösung“ und soll Mitte Mai erscheinen. Es behandelt unter anderem das marode Finanzsystem, Gesetzesbrüche, die Zerstörung Europas durch den Euro, die zunehmende Gewalt einschließlich der Extremistenszene und die kalte Enteignung.

Wenn Sie sich jetzt fragen, warum ich auf dem Crash-Thema herumreite: Weil wir mit ihm in den nächsten Jahren, wenn nicht sogar schon Monaten, rechnen müssen. Das lässt sich leicht erklären: Die Wirkung von zusätzlich in Umlauf gebrachtem Geld nimmt umso stärker ab, je mehr dieses Geld im Verhältnis zum bereits vorhandenen gegen Null tendiert. Am Ende verpufft der Effekt, und ein Großteil der Anleger gerät wegen beginnender der Entzugserscheinungen in Panik. Der Rest ist eine Massenpsychose, wie wir sie vor nicht allzu langer Zeit erlebt haben: zum einen von März 2000 bis März 2003, zum anderen 2007/08.

Es lohnt sich kaum, der Frage nachzugehen, was den nächsten Crash auslösen kann; dafür kommen zu viele mögliche Ereignisse in Betracht. Wenige Beispiele: ein Schwenk in der Geldpolitik der Notenbanken oder nur ein einziges falsches Wort von Janet Yellen oder Mario Draghi, der bereits erwähnte Hochfrequenzhandel, die Zuspitzung der Ukraine-Krise, Währungsauf- oder abwertungen, ein kräftiger Rückgang der Konjunktur in China oder die sich auch unter Börsianern durchsetzende Erkenntnis, dass die Welt viel zu sehr auf Schulden aufgebaut ist. Fazit: Sorgen Sie mit möglichst viel Geld auf dem Konto und Gold an einem sicheren Ort vor.

Manfred Gburek – Homepage

 

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