Über unseren Untergangs-Index

7. Juni 2017 | Kategorie: RottMeyer

von Bill Bonner

Wir haben Ihnen ja unlängst versprochen, uns mit der Situation in Venezuela zu beschäftigen. Wir schauen uns an, was derzeit in diesem Land wirklich los ist. Das Ganze ist leider wohl eher als Lehrbeispiel als zum Amusement geeignet…

Wie unsere zahlreichen deutschsprachigen Langzeit-Tagebuch-Leser wissen, sind wir Kenner der finanziellen Katastrophe. Wir geben uns zumindest dafür aus. Das Venezuela des Jahres 2017 ist für uns insofern ein besonders guter Jahrgang. Aber bevor wir dazu kommen, stellen wir Ihnen heute zunächst noch unseren Doom-Index (Untergangs-Index) vor.

Noch nicht richtig düster

Die Idee dahinter ist schlicht folgende: wir versuchen, die Anspannung, den Druck, der im System herrscht, zu messen; und damit wollen wir eine bessere Prognosefähigkeit bekommen, wann das Gummiband dann endlich reißen wird.

Unsere Mitarbeiter im Research unter der Leitung von Nick Rokke in Florida schauen dabei auf exakt 11 Indikatoren; und just jene Indikatoren zeigten treffsicher die vergangenen Markzusammenbrüche an. Also, an der Stelle dürfen wir Ihnen hier im Tagebuch ja nur einen kurzen Hinweis auf die Indikatoren geben. Wenn Sie mehr dazu wissen wollen, können Sie sich gern einlesen – und zwar in englischer Sprache unter folgendem Link:

Also, in medias res auf diese einzlnen Indikatoren kommt es uns an:

1. Wachstum der Bankkredite

2. Kreditabstufungen

3. Entwicklung am Junk-Bond-Markt

4. Bewertung des Aktienmarktes

5. Wertpapierkäufe auf Kredit

6. Sentiment der Investoren (Kontra-Indikator)

7. Stimmung im verarbeitenden Gewerbe

8. Eisenbahnverkehr

9. Arbeitsmarktentwicklung

10. Verschuldung der Privathaushalte in Relation zum verfügbarem Einkommen

11. Vierteljährliche Baugenehmigungen

Offen gestanden sind wir immer noch von den Ergebnissen des von uns kreierten Index überrascht. Und mit Blick auf den aktuellen Stand, die aktuelle Lage, sei folgendes nur ganz kurz verraten. Trotz all unserer Düsterkeit und Untergangsstimmung zeigt unser Index momentan, dass wir noch nicht im Gefahrenbereich sind. Zumindest jetzt nocht nicht. Wir bleiben aber an der Sache dran und halten Sie insofern auf dem Laufenden.

Venezuela im Fokus

Aber wenden wir uns heute einer Volkswirtschaft zu, in der das Schicksal schon längst seinen Lauf nimmt. Und es sieht dort tatsächlich immer düsterer aus. Die Rede ist von Venezuela.

Jede Aktion hat immer Konsequenzen. In der öffentlichen Politik ist es unmöglich vorherzusagen, was die Konsequenzen einer Handlung sein werden. Es gibt zu viele Wahnvorstellungen und zu viel Rauch, oft Lärm um Nichts.

Schauen wir nur kurz auf die kommunale Politik; konkret auf das praktische Beispiel der Rattenbekämpfung. Das wirkliche Ziel und Zweck dieser Maßnahme ist ja, einen großen politischen Spender zu belohnen, der zufällig eine Schädlingsbekämpfungsfirma besitzt. Und das Ganze endet dann mit dem Tod der Tauben.

Politisches Versagen auf breiter Front

Und es ist ja oft auch so, dass die Politik mit klaren und offensichtlichen Zielen am Ende Ergebnisse produziert, die völlig im Widerspruch zu den gesteckten Zielen stehen.

Die Prohibition, das Alkoholverbot in den USA, erhöhte zum Beispiel die Zahl der Betrunkenen. Der Krieg gegen die Drogen ermöglichte den Drogenhändlern fette Gewinne.

Der Krieg gegen die Armut hat allen voran für arme Menschen die Armut zu etwas akzeptablem gemacht. Und am Ende sogar attraktiv.

Der Krieg gegen den Terror hat wahrscheinlich eine Million ansonsten gesunde und vernünftige Muslime dazu verführt, alles, worauf die US-Flagge sichtbar ist, in die Luft zu sprengen.

Meistens sind diese Ergebnisse nicht wirklich überraschend. Schauen Sie genauer hin und Sie werden oft finden, was dahinter steckt … ja, genau die Schädlingsbekämpfungsfirma!

Grundsätzlich ist es ja so, dass die genauen Konsequenzen staatlicher Politik letztlich immer unklar sind. Aber unter dem Strich erkennt man immer wieder und nahezu überall die selben Muster.

Wie wir bereits hier oftmals dargstellt haben, reduzieren Win-Lose-Deals immer die Zufriedenheit der Menschen. Win-Lose-Deals – es sei denn, sie werden von kleinen Verbrechern oder örtlichen Tyrannen begangen – bedürfen in der Regel staatlichen Nachdrucks. Ansonsten würde niemand freiwillig auf der Lose-Seite der Gleichung sich wiederfinden wollen.

Immer dann, wenn die Regierung dominiert, sprich aktiv, aufdringlich und ehrgeizig agiert, führt das zu mehr Win-Lose-Deals, die an der Zufriedenheit und dem Glück der Menschen nagen.

Vor ungefähr einem Monat demonstrierte eine Million dieser enttäuschten Menschen gegen die Regierung von Nicolás Maduro in Venezuela. Es war die „Mutter aller Proteste“, sagten sie. Was brachte sie auf die Straße?

Realwirtschaftliches Desaster

Bei den Verbraucherpreisen gibt es einen Anstieg von etwa 700% pro Jahr. Im vergangenen Jahr fiel das BIP um 19 Prozent. Lebensmittel – Bohnen, Reis, Brot – verschwinden aus den Regalen der Läden. Familien überqueren die Grenze nach Kolumbien, um dort Toilettenpapier zu kaufen. Krankenhäuser haben keine Medizin, keine Ausrüstung, nicht einmal Gummihandschuhe und Desinfektionsmittel. Oft haben sie auch keinen Strom. Die Todesfälle bei Frühgeburten sind in den letzten fünf Jahren um 10.000 Prozent gestiegen. Wie ist es nur möglich, dass ein Land in ein solches Chaos schlittert?

Ölreichtum hilft nicht

In gewissem Sinne war das Land sowohl Opfer seines eigenen Glücks als auch Opfer seines eigener schlechter Entscheidungen. Das Glück begann im Jahr 1914, als das erste Ölfeld entdeckt wurde. Dieser Entdeckung folgte das Geld. Bis zu den 1950er Jahren stieg Venezuela zum viertreichsten Land der Welt mit Blick auf das BIP pro Kopf auf. Die Regierung war damals ja grundsätzlich marktwirtschaftlich ausgerichtet. Heute hat das Land einen Schatz. Immer noch. Und zwar die größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt – 297 Milliarden Barrel. Zum Vergleich, Saudi-Arabien weist „nur“ 267 Milliarden Barrel an Reserven aus.

Aber all dieses große Glück kann leider nicht verhindern, dass schlechte Entscheidungen getroffen werden. Das Ölgeld floss ja und Hugo Chávez, der sich zwei Tage vor seinem Amtsantritt als Präsident im Jahr 2007 als Trotzkist bezeichnete, kam an die Macht. Und er legte dem Land die Last vieler Win-Lose-Deals auf. Schlüsselindustrien wurden verstaatlicht. Preiskontrollen wurden eingeführt. Der Reichtum wurde neu verteilt.

Mit Win-Lose-Deals kann zwar Reichtum umverteilt werden. Aber immer nur so viel, wie gleichzeitig Win-Win-Deals Reichtum „produzieren“. Ohne „win-win-Deals“ geht es mit dem Reichtum steil bergab – wie in Kuba und der Sowjetunion. Nun ist die „Flasche“ auch in Venezuela leer.

Manipulation im Fokus

Es spielt keine Rolle, als was man eine Regierung auch immer bezeichnet. Am Ende ist eine Regierung immer nur ein Mittel weniger Menschen, die breite Masse nach Strich und Faden auszunutzen. Die Wenigen benutzen jede Ressource, die ihnen zur Verfügung steht, um die Abzocke am Laufen zu halten. Besonders großen Wert legen sie dabei darauf, den leichtgläubigen Mob zu manipulieren.

Der typische Bürger hat kaum eine Ahnung davon, was wirklich los ist … und ist insofern auch nicht wirklich neugierig. Solange er billigen Kredit für einen neuen Pickup bekommt, macht das dem normalen Bürger auch nichts aus. Aber die venezolanische Automobilindustrie ist ruiniert. Und es gibt kaum Kredite. Folglich fahren nur wenige neue Pickups auf den Straßen herum; und die Öffentlichkeit, die Massen wenden sich nun offen gegen die Regierung.

Lob aus den USA

Es war nicht überraschend, dass just die US-Ökonomen und Politiker über die Politik in Venezuela schwärmten. Die sind und waren wohl begierig darauf, auch in den USA eine solche Politik mit so vielen Win-Lose-Deals zu betreiben.

Im Jahr 2007 lobte der Nobelpreisträger Joseph Stiglitz die „positive Politik“ der Regierung Chávez. Hier lobte er vor allem die Bildungs- und Gesundheitspolitik. Und im Jahr 2011 schrieb Bernie Sanders:

„In diesen Tagen findet der amerikanische Traum eher in Ländern in Südamerika statt; in Ländern wie Ecuador, Venezuela und Argentinien, wo die Einkommen heute gleicher verteilt sind als im Land von Horatio Alger. Wer ist jetzt die Bananenrepublik?“

Sanders hatte keine Ahnung, was in Venezuela wirklich los war. Aber er hatte Recht, was in den USA los war. Die USA waren auf dem Weg hin zu einer Bananenrepublik. Nur ohne die Bananen.

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